Schlüsselerlebnis

Gestern bin ich über mich selbst hinausgewachsen. In meiner Montagnachmittags-Lieblingsbäckerei. Hab ein bisschen die Welt gerettet und  freu mich heute noch drüber!

Bevor ich hereinkam sah ich auf einem der Tische vor der Bäckerei einen Schlüsselbund liegen. Brav nahm ich ihn mit in den Laden, um ihn der Verkäuferin zu übergeben, damit sie ihn für den unglücklichen Besitzer aufbewahrt, bis dieser, kurz vor Ladenschluss in die Bäckerei hastet und die atemlose Frage nach dem Schlüssel stellt. Kurz stellte ich mir sein glückliches Gesicht vor, wenn er seinen ersehnten Bund dann, mit einem milden Lächeln des Verständnisses von der wohlmeinenden Verkäuferin, überreicht bekommen würde.

Solch beglückende Szene stellte ich mir also vor, als ich den Schlüssel über den Thresen reichte. Doch satt dessen sagte das dünne Stimmchen hinter den Brötchen und dem Kuchen: „Legen Sie den Schlüssel bitte da hin, wo sie ihn her haben.“ Verdutzt fragte ich nach dem Wieso. „Ich habe meine Anweisungen, der Schlüssel hat draußen liegen zu bleiben,“ antworte das schmächtige Weiblein in bestem Amtsdeutsch. „Oh, sagte der Kafka in mir, „es gibt Anweisung von unbekannter höherer Stelle. Diese sind sofort zu befolgen.“ Sprachs und trollte mich nach draußen, um den Schlüssel wieder seinem Schicksal zu überlassen. Was folgte war ein absurdes Theater in fünf Akten. Während ich bei Kaffee und Puddingstreusel die Schlüssel im Blick behielt, kamen nacheinander zwei Männer, ein Kind und zwei Frauen rein und versuchten den Schlüssel zu übergeben. Alle erhielten den gleichen absurden Befehl- und all die guten Menschen legten den Schlüssel brav wieder zurück! Wir brauchen in Berlin keinen Hauptmann von Köpenick mehr, keine Offiziersuniform. Befehle werden immer noch befolgt. Um hier eine Autorität zu sein, reicht eine Bäckerschürze.

Mir wurde klar, ich muss etwas unternehmen, damit dieser Wahnsinn aufhört. Sanft fragte ich die Verkäuferin, seit wann den der Schlüssel da liege, und welche Stelle denn die strikte Anweisung gegeben habe? „Meine Kollegin hat mir das heute morgen gesagt, antwortete sie verdruckst. „Und seitdem habe ich bestimmt schon zwanzig Leute wieder rausgeschickt. Ich glaube ich träum heute Nacht von dem Schlüssel.“ Das ganze Elend der geschundenen Kreatur lag in diesen wenigen Sätzen. Tapfer hatte sie den Befehl ausgeführt, die Stellung gehalten, doch jetzt war sie am Ende ihrer Kräfte. Ich wusste, dass ich jetzt zur Autorität werden und sie an die Hand nehmen musste. Wortlos ging ich nach draußen, nahm den Schlüssel und reichte ihn ihr über den Thresen. „Jetzt nehmen sie den mal an sich, sagte ich bestimmt, „sie dürfen das!“ Ihr Gesicht hellte sich auf. „Ich kann ihn ja hier neben die Kasse legen, damit ich ihn zur Hand habe, wenn jemand fragt.“ „Genau, sagte ich.“Und wenn ihn bis Ladenschluss keiner geholt hat, gehen sie vorne zur Polizei und geben ihn dort ab. Davon merkt Ihre Kollegin gar nichts.“ „Oder ich frage meinen Mann, der ist ja Polizist und kann mir sagen, was ich tun soll“, ergänzte sie eifrig. „Genau so machen sie das“, sagte ich erleichtert, verabschiedete mich und ging meiner Wege. Es ist gut, wenn es in diesem Land noch Menschen gibt, die Verantwortung übernehmen.

Ist denn hier ein Schloss?

Fünfhundert Seiten Kafka im Februar. Da sollte ich mir gut überlegen, ob ich das nervlich aushalten kann. Aber reizen tät michs schon…

The Daily Frown

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Im Stroemfeld Verlag entsteht in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Institut für Textkritik seit 1995 die historisch-kritische Franz Kafka Ausgabe. Als neuester Supplement-Band ist nun Das Schloss in einer hochwertigen Faksimile-Ausgabe erschienen. So soll ein unverstellter Blick auf die frühe Editionsgeschichte von Kafkas Werk ermöglicht werden.

Im Vergleich zum Prozess, der im edlen Leinen, mit gelbem Oberschnitt und Schutzumschlag einer Luxus-Variante des Romans am nächsten kommt (zumal wenn das Kleingeld für eine Erstausgabe fehlen sollte), erweckt das unscheinbare, graue Softcover der Schloss-Aufmachung auf den ersten Blick den Eindruck einer Studienausgabe. Tatsächlich handelt es sich aber um die genaue Reproduktion zwar nicht der ersten gebundenen, so doch der dritten, auch damals als einfache Broschur erschienenen Ausgabe noch aus dem Jahr nach der Ersterscheinung, also 1927. Ein Grund für die Entscheidung des Verlags für diesen Weg mag die besonder Bewandtnis sein, die es mit der Vorlage für die Herstellung des…

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Kafka und die Kinder

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Dass man seine Texte nicht richtig verstehen wird, hat Franz immer geahnt. Auch die Willkür der Obrigkeit war für ihn eine ständiges Thema. Aber dass dereinst die Behörden seien Namen verunstalten und auf schäbige Trinkhallen in Berlin-Wedding kleben werden, wäre ihm wohl noch nicht mal in seinen dunkelsten Stunden in den Sinn gekommen. („KAfKA – ich mach mit!“ ist eine eingetragene Wort-Bild-Marke des Bezirksamts Neukölln von Berlin, Abteilung Bürgerdienste und Gesundheit, 12043 Berlin)