Die Welt als Wille und Vorstellung

In einer Zeit, in der die Ereignisse sich überschlagen, in der man nach skurrilen Kanzlerduellen sich fragt, ob man überhaupt noch eine Wahl hat, in einer Welt in der das Böse an allen Fronten gewinnt, ist es doch tröstlich zu wissen, dass ein jeder auch heute noch die die Kraft in sich hat, die Welt nach seinem Wunsche zu gestalten und sich über Ort und Zeit, ja sogar über die unerbittliche Zeit, kraft der eigenen Einbildungsfähigkeit hinweg zu heben vermag.

Nehmen wir ein x-Beliebiges amtliches Schreiben, wie es in Deutschland zur Zeit tausende Bürgerinnen und Bürger erhalten: “ … lade ich Sie zu einer Informationsveranstaltung  ein, um Sie auf die ehrenamtlich übernommene Tätigkeit als Wahlvorstand vorzubereiten. Ort: Rathaus Tiergarten.“ Sofort speichere ich diesen Termin in meinem fotografischen Gedächtnis ab. Kein zweites Mal muss ich mir das Schreiben anschauen um am angegebenen Termin am rechten Ort zu sein. Sogar schon eine halbe Stunde zu früh. Müßig schlendere ich noch ein wenig herum. Trinke einen Kaffee an dieser hübschen 50er-Jahre Tankstelle, pumpe noch etwas Luft in mein Fahrrad, kaufe ein Brot und bin – fünf Minuten vor der Zeit, das sei des Deutschen Pünktlichkeit – im Foyer des Rathauses Schöneberg. Natürlich Schöneberg, nicht Tiergarten. Wer bin ich denn, sagt mir mein Gedächtnis, dass ich mir von ein bisschen Druckerschwärze vorschreiben lasse, was ich unter Rathaus verstehe? Ich lese zwar Tiergarten, aber in meinem Kopf läuft ein ganz anderer Film ab. Tiergarten ist West-Berlin, West Berlin ist Willi Brandt mit JFK auf dem Balkon des Rathauses Schöneberg und „ick bin ein Berlinner“. Ganz sanft hat mein Gedächtnis das Foto, das ich von der Einladung abgelegt habe ein wenig retuschiert. Zu Recht , finde ich, als ich eine halbe Stunde zu spät in Tiergarten ankomme. Denn der graue Nachkriegsbau hier kann es mit dem historischen Gebäude, das ich heute besuchen durfte nun wirklich nicht aufnehemen. Und verpasst habe ich nichts außer einem Video, das ich jederzeit im Internet anschauen kann.

Diese gefakte Wirklichkeit hat mir in meinem Leben schon viele schöne Stunden bereitet. Vor Jahren etwa hatte ich als Rechtsreferendar in einem Landstrich, den man „Badisch Sibirien“ nennt, die Aufgabe, den Staatsanwalt in einem entlegenen Amtsgericht bei einer Anklage wegen eines kleinen Drogenvergehens zu vertreten. Innerlich widerstrebte mir das, aber ich hatte mich natürlich trotzdem akkurat vorbereitet, die Akte noch am Vorabend studiert und mittels eines Kursbuches einen Zug heraus gesucht, der mich sogar eine halbe Stunde vor Prozessbeginn in das kleine Städtchen im Odenwald bringen würde. Genug Zeit also, um mich in einer romantischen Fachwerksbäckerei noch an Kaffee und süßem Gebäck zu stärken, um pünktlich um neun Uhr im Gerichtssal zu erscheinen. Wie groß mein Erstaunen, als ich an dem mir zugedachten Platz zur Linken des Richters meinen Vorgesetzten, den Herrn Oberstaatsanwalt erblickte, der an meiner statt eilig herbeigerufen wurde, als um acht Uhr, dem angesetzten Prozessbeginn, zwar Angeklagter, Verteidiger und Richter erschienen waren, nicht aber der Herr Rechtsreferendar, der die Anklage hätte verlesen sollen. Nun, alles ging gut aus, sowohl für den Angeklagten als auch für mich. Er wurde freigesprochen und ich musste nach einer milden Schelte des Herrn Oberstaatanwaltes (er mocht junge Männer mit Locken, Kameradschaft nannte er das) nie wieder ein Drogendelikt bearbeiten.

Ja, mein „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“- Gedächtnis hat mich stets gut geleitet, auch wenn es um harte Entscheidungen ging. Beständige Leserinnen und Leser meines Blogs wissen, dass mich die Suche nach einer Wohnung schon seit Monaten umtreibt. Und vor wenigen Wochen schien endlich die Traumwohnung für mich frei zu sein. Die eifrige Vermittlerin der Wohnungsgesellschaft sagte mir, dass sie mir auch gleich einen Besichtigungstermin geben wolle, weil sie meine makellosen Referenzen so überzeugt hätten. Einen Termin könne sie mir anbieten, vor allen anderen Bewerbern. Ein Termin nur für mich! Wer sich je mit 20 Mitbewerbern in einem engen Treppenhaus gedrängelt hat, weiß was das für ein Glücksfall ist. Ob Montag um 16 Uhr ok sei? Begeistert sagte ich zu. Denn dann, so funkte mein Hirn sogleich. Schaffst du auch noch das Yoga um 17 Uhr. Mein Gedächtnis merkte sich „vor Yoga“. Blöd nur, dass Yoga in dieser Woche am Dienstag war. Als ich Dienstag vor der Wohnung vergeblich wartete, nutzte ich die Zeit, um die Mieter zu fragen, die aus dem Haus kamen. Von feuchten Kellern erzählten sie mir und von undichten Fenstern.  Ich solle doch mal „Deutsche Wohnen AG“ googeln. Und die Presseberichte zeigten mir, dass diese Aktiengesellschaft die gierigste Heuschrecke war, die je über Berlin hergefallen ist. Ich versuchte natürlich trotzdem, die Wohnung noch zu kriegen. Aber einen Tag später war das Angebot aus dem Netz genommen. Was das Gute daran ist? Dass ich natürlich trotzdem eine Traumwohnung gekriegt habe. Eine Woche später, bei mir um die Ecke, hell, mit großem Garten nach hinten raus- viel zu teuer natürlich, aber tip top in Schuß.

Nächste Woche ist Schlüsselübergabe.  Ich werde pünktlich da sein.

 

 

 

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Nur geträumt?

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Is nicht wahr, denke ich als in den Schrebergarten komme. Alles ist voll: Die Apfelbäume biegen sich, der Pflaumenbaum wirft mir seine Früchte auf den Weg und Mirabellen gibts gibts in Hülle und Fülle. Weiter hinten reifen Brombeeren, ein paar letzte Erdbeeren und Trauben. Die Tomaten tragen so schwer, dass die Stöcke gebrochen sind. Keiner will sie. Die Besitzer haben den Garten nur zum Chillen. Die Obstbäume haben sie vom Vorpächter übernommen. Jetzt, mitten in der Erntezeit, sind sie für ein paar Wochen in Südfrankreich. Wir sollen aufpassen. Der Anfang von Frau Holle kommt mir in Erinnerung. Ich würd am liebsten die Ärmel aufkrempeln, die Bäume schütteln und loslegen. So wie bei meinem schlesischen Großvater damals. Jeder Apfel wurde angefasst und war für etwas gut. Zum Lagern im Keller, für Kompott oder für die Saftpresse, die er selber gebaut hatte. Das ganze Haus roch ab September süßlich nach Eimachgläsern voller Kompott und herbstlich-modrig nach den Jute-Säcken in denen die schlechtesten Äpfel auf die Mosterei warteten. War die Arbeit vorbei gab es „Riemchenkuchen“: Hefekuchen mit Apfelmus und dünnen Streifen  Teig darüber gelegt.

Brombeeren waren die Leidenschaft meines Vaters. Er kannte die besten Stellen, direkt neben dem Bahndamm oder in den Kiesgruben. Beerensammeln war Wochenendverpflichtung. Der Vater zog eine alte Jacke an, packte sich Frau und  Kinder ins Auto  und warf sich in die Dornenhecken. Durch die Schneisen, die er schlug, folgte seine Familie und hatte bald die Eimer voll. Brombeersaft in Mineralwasserflaschen (herrlich zu Vanillepudding), Brombeergelee, Bromberschnaps und Rumtopf füllten die Regale im Keller. Sie gesellten sich zu einelegen Kürbissen süß-sauer, Schnippelbohnen und Steinguttöpfen mit Sauerkraut. Mein Vater und Großvater waren Bauern gewesen. Da war Vorräte einkellern selbstverständlich. Und sie waren Heimatvertriebene, die Angst hatten, dass „der Russe“ wieder kommt. Das Bevorraten  wurde zur staatlich geförderten Angsbewältigung im kalten Krieg. Als meine Großeltern starben, hinterließen sie einen gut bestellten, großen Garten und Regalbretter mit Eingemachtem, von dem keiner mehr wusste, wie lange es da schon stand.

Wir verlassen den Schrebergarten mit einer Tüte Äpfel,  ein paar Tomaten und drei Kindern die ganz erstaunt sind, dass man auch Obst vom Baum essen kann. Ein Sack voll Fallobst kommt in den Fahrradanhänger. Zu Hause schmeissen wir es in die Bio-Tonne. Wann sollen wir denn damit was anfangen? Wir haben doch eh so wenig Zeit. Sollen wir uns etwa für ein Glas Apfelmus die Abende um die Ohren schlagen?

Im Radio läuft am Abend die Nachricht, dass der Innenminister -zum ersten Mal seit 30 Jahren-  den Bürgern empfiehlt wieder Vorräte für fünf Tage anzulegen. Zuerst kann ich es gar nicht glauben, dass es diese Nachricht wirklich gegeben hat. Als mich Google überzeugt hat, dass er diese Empfehlung wirklich am Mittwoch ausgeben wird, ist mir klar: Damit sind  die dreißig Jahre Sorglosigkeit seit dem Mauerfall vorbei.

Vielleicht sollten wir uns einen Schrebergarten zulegen.