Stadt der Engel

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Berlin ist die Hauptstadt der Einsamkeit. Wohin ich auch schaue, einsame, traurige Menschen. Nirgends in Deutschland leben mehr Menschen allein, nirgends gibt es so viele Singlepartys, Speeddatings und Kuschelseminare. Der Berliner sehnt sich nach Kontakt. „Jeder hat n Hund, aber keinen zum Reden, “ singt Peter Fox in seiner Hymne auf die Hauptstadt. Da hat er Recht.

Zum Glück bin ich nicht allein in Berlin. Ich habe viele Freunde. Freunde an jeder Ecke, auf allen Wegen und selbst in der Nacht. Sie begleiten mich wohin ich auch gehe, sie kümmern sich darum, dass ich gute Laune habe und es vergeht kein Tag, an dem zwei oder drei von ihnen treffe.

Schon am Morgen, wenn ich mich, noch nicht ganz wach, auf mein Fahrrad schiebe und mürrisch Richtung Arbeit ächze, wenn ich noch nich weiß, woher ich die Kraft nehmen soll, um bis zu meiner ersten Tasse Kaffee zu überleben, ist einer meiner Freunde zur Stelle. Gleich an der ersten Kreuzung, an der ich warten muss, schleicht er sich von hinten an (Sie kommen immer von hinten), sieht, dass ich eine Aufmunterung brauche, neckt mich mit seinem Blaulicht und schaltet dann direkt neben meinem Kopf sein Martinshorn an. Heißa, bin ich dann wach! „Danke, Freund“, denke ich, „das hat mir heute noch gefehlt.“Doch der Freund wartet nicht, bis ich mich bei ihm bedanke, sondern braust blinkernd und zwinkernd um die Ecke zum Virchow-Klinikum. Ich habe dann genug Adrenalin im Blut, um den Weg zum Büro im Fluge zu meistern.

Abends das gleiche Spiel. Nach sinnlosen Sitzungen oder einem Tag vor dem Computer sind meine Akkus leer und meine Nerven dünn wie Porzellan. Meine Freunde machen sich Sorgen und versuchen mich aufzumuntern. Oft fahren sie auf der Straße „Unter den Linden“  eine blaulichtbewehrte Eskorte von Polizeimotorrädern auf, um mich zu erfreuen. Ich liebe Motorräder! Und ich liebe es, eine Viertelstunde zu warten, bis auch die letzte Staatskarosse vom Hotel Adlon losgefahren ist und der letzte Polizist in seinem Lurchianzug die Straße freigegeben hat, bis ich loshetzen kann, um meine Kinder aus der Kita abzuholen. Und sollte das mit dem Staatstheater mal nicht klappen, holen mich meine Freunde spätestens in der nächsten engen und besonders schön hallenden Straßenschlucht ein, um mir auf dem Weg zur Charité einen Gruß zur blauen Stunde  zu schicken. Auch nachts schlafen meine Freunde nicht. Egal ob sie zu einer Messerstecherei in die Shisha-Bar im Vorderhaus gerufen werden, oder ob besorgte Menschen den Entstörungsdienst der Gasag gerufen haben, nie vergessen meine Freunde, mir einen fröhlich tönenden Gruß durch die hoffnungslos überforderten Doppelglasfenster zu schicken. Ich schlafe dann zwar nicht mehr, aber ich verbringe die Nacht in der Gewissheit: Ich bin nicht allein.

In solchen Nächten mache ich mir manchmal tiefe Gedanken. Ist es wirklich wahre Freundschaft, die mich mit den Menschen verbindet? Kann die Freundschaft zwischen Menschen wirklich von Dauer sein, oder ist es nur Jesus, der mich wirklich immer liebt? Schwer drücken mich solche Fragen am nächsten Tag, wenn ich nach dem  morgendlichen Kleinkrieg um ungeputze Zähne und zu warme Jacken meine Jungs in die evangelische Kita bugsiert habe. Kaum stehe ich nach vollbrachter Tat vor der Tür des Horts der schreienden Kinder, kaum hätte ich eine Minute, um das Klingeln in meinen Ohren wieder abklingen zu lassen, gibt mir das dröhnende Geläut der drei Bronzeglocken in der nahen Kirchenburg ein eindeuiges Zeichen. Schönen Dank auch, Jesus. Ja, ja, ich lieb dich auch.