Wie geht’s so?

wurst

Ach, was soll ich sagen? War so ein Berliner Tag heute. So alles mit B: Behördenkram, BVG und Brötchen mit Fleischkäse.

Fing damit an, dass ich meine Tochter sehen will. Die ist aber nicht da, sondern in China. Macht sie gut, studiert eifrig, ist aber nicht gerade um die Ecke. Wenn ich sie besuchen will, brauche ich einen Reisepass. Hab ich zwar, ist aber schon etwas älter. Als ich ihn aufklappe fällt ein Visum von 2011 raus: Türkische Republik Zypern. War ein schwül heißer Last-Minute-Urlaub, kurz bevor die Zwillinge kamen. Seither nur noch Ostsee -auch schön. Brauch ich also einen neuen. Bei der Behördenhotline meldet sich ein Mann mit sanfter Stimme: „Da kann ich ihnen heute Zehlendorf oder Neukölln anbieten.“ Er verkauft mir das, als sei es ein Hauptgewinn: Ein Termin am gleichen Tag, am anderen Ende der Stadt. Wenn schon raus aus dem Wedding, dann nehm ich doch lieber Neukölln, als zu den Schnöseln nach Zehlendorf zu pilgern. Außerdem verbinden Neukölln und Wedding nicht nur die gleichen Döner-Buden-Betreiber und 1-Euro-Shop-Ketten, sondern auch die U8, die Achse des Elends.

Aber heute ist alles anders. Ich soll zur Blaschkoallee. Wo ist den das? Da war ich ja noch nie. Die U 7 soll mich hinbringen. Und nachdem ich mich eine Dreiviertelstunde hinter der Berliner Zeitung versteckt habe, bin ich geschockt: Eine piksaubere Vorortsiedlung erwartet mich. Licht, Luft und leere Straßen. Na wunderbar, denke ich. Und das muss auch einst Bruno Taut gedacht haben, als er eine Platz für seine Ideen suchte, denn ein kleines Schild sagt „Hufeisensiedlung 300 Meter“. Ach, hier ist die also! Dieses Juwel des sozialen Wohnungsbaus der 20er Jahre, diese Bauhaus-Ikone, dieser Markstein der menschenfreundlichen Architektur. Vor 20 Jahren bin ich zu allen Bauhausstätten auf den Knieen gepilgert. Das Bauhaus-Museum in Berlin, Dessau, die Meisterhäuser. Ich erinnere mich, dass ich mit meiner neugeborenen Tochter – ja, die die jetzt in China ist-  an einem eisigen Wintertag mit dem Zug nach Bernau gefahren bin, um mir eine Bauhaus-Arbeiterschule mit drei Schornsteinen anzuschauen. Jetzt also die Hufeisensiedlung. Nett, schöner Innenhof. Ein bisschen grau, ein wenig das Flair eines gebogenen Plattenbau-Riegels. Außen mehr blau. Fünf Minuten einmal rum, das wars dann auch schon. Auf den alten Schwarz-Weiß-Bildern sieht das immer so groß und edel aus, so aus der Zeit gehoben. In Wirklichkeit ist alles ein bisschen wirklicher. Und meine Interessen haben sich etwas verlagert. Deshalb kommt bei mir Begeistung erst auf, als ich in einem der Läden am offenen Ende des Hufeisens ist eine echte Fleischerei entdecke. Keine Wursttheke, kein Tiefkühlregal. Eine richtige Fleischerei mit einem richtigen Fleischer! Der schlurft mit weißen Gummistiefeln und kariertem Hemd aus dem Hinterzimmer seines Ladens und ruft nach seiner Frau, auf dass sie mich bediene. Eigentlich ess ich ja kein Fleisch mehr. Aber hier, hier muss ich einfach eine dicke Scheibe Fleischkäse ordern, mit Brötchen und viel Senf. Ich muss einfach diese sauber sortierte Wurstauslage, diese Regale mit Eiernudeln und Backerbsen und dieses lustige Plakat mit den Würsten auf mich wirken lassen. Ich bin familiär vorbelastet. Meine Mutter hatte es auf dem Höhepunkt ihrer beruflichen Karriere vom Putzmädchen zur Fleischereiverkäuferin gebracht. Ganz nebenbei hat sie dabei auch dem Fleischermeister den Kopf verdreht, ohne ihn zu erhören. Dem armen Kerl blieb nichts anderes um seine Leidenschaft auszudrücken, als uns Kindern, die wir immer „mit einem schönen Gruß von der Mama“ zum Einkaufen geschickt wurden, die besten Kottelets und ein besonders dickes Stück Fleischwurst mit auf den Weg zu geben. Das prägt.

Ach ja, der Reisepass – ja, ja, den habe ich beantragen dürfen. Ging alles reibungslos. In sechs Wochen soll er fertig sein. Und weil wir in Berlin sind, kann ich ihn mir nicht im Wedding auf dem Bürgeramt abholen, sondern muss wieder durch die ganze Stadt – zur Fleischerei meines Herzens.