Verlorene Bilder

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Ach, eigentlich ist es nicht der Rede wert. Und ich möchte niemanden langweilen. Es war ja auch nur eine Banalität am Ende eines wundervollen Tages. Meine zwei großen Jungs sind am Wochenende bei mir. Wir haben uns prima durch den Tag jongliert, ohne größere Wutausbrüche, ohne Weinen. Sogar das verlorene Fußballspiel gegen den Nachbarsjungen wurde sportlich hingenommen. Er ist ja immerhin schon sieben und im Verein. Und am Ende des Tages sind wir noch mal raus zum Auslüften vor dem Schlafengehen – zur Tunnelrutsche. Mildes Frühlingswetter, die Sonne noch hoch über den Blocks der Sozialwohnungen. Die Gang aufwändig frisierter Jungs, die selbst beim Rutschen ihr Handy nicht aus der Hand legten trollte sich irgendwann. Die Mutter, der irgendwer ein blaues Auge geschlagen hat, hatte ihre aschgrauen Kinder eingesammelt. Übrig blieben nur wir und eine ukrainische Nachbarin, die ich schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. Sie trug ihr zweites Kind vorm Bauch und ihre Tochter brachte meine Jungs auf Trab. Sie rasten hoch, rutschen runter, ohne Pause wieder hoch, akrobatisch auf dem Klettergerüst, Quietschen, große Sprüche. Wie ganz normale Jungs.

Diese kurzsichtigen Kerlchen, die Stunden bewegungslos über einem Puzzle brüten, die unter dem harten Regime der alleinerziehenden Mutter funktionieren müssen, die sich stundenlang autistisch in eine Ecke verziehen oder hinterlistig ihren kleinen Bruder malträtieren und die wir in gemeinsamer Hoffnungslosigkeit zum Jugendpsychiater schleppen wollten. Es sind ganz normale Jungs. Eine ruhige Gewissheit macht sich in mir breit, die mich schützen wird gegen die Hiobsbotschaften der Ärzte, die Cassandrarufe der Großmutter und mein eigenes schlechtes Gewissen.

Ich will diesen Moment festhalten. Einfach um etwas mitzunehmen. Wie eine Garantie, eine Konserve für Zeiten des Zweifels. Ich mache ein Video mit meinem Handy. Glückliche Kinder die begeistert auf den Turm rennen. Ich schaue zur Nachbarin. Die nickt. Wir müssen die Kinder langsam wieder auf den Boden bringen. Noch fünf Mal rutschen. Ich zähle laut. Als ich „Schluss“ sage, folgen sie mir ohne Murren, werfen sich auf ihre Räder und jagen dem Nachbarsmädchen hinterher. Hätten sie Motorräder, dann würden sie jetzt vor ihr ihre Maschinen aufheulen lassen.

Zum Abendessen verspreche ich ihnen, dass wir uns nach dem Zähneputzen gemeinsam noch das Video anschauen. Aber es gibt kein Video. Keine fröhlichen Kinder. Ich hab den falschen Knopf gedückt, und den Film aus Versehen gelöscht.  Es gibt nur ein schlechtes Bild von der Rutsche und enttäuscht jaulende Jungs. Und es gibt einen Stich in meinem Herz. Die Ruhe ist weg. Ich bin nicht abergläubisch. Aber ich habe das Gefühl, mit dem Video den ganzen Tag, das ganze gute Omen gelöscht zu haben. Das ging mir vor zehn Jahren schon mal so, als ich ein Bild von ihrer Mutter gemacht hatte, dass das ganze Glück unser jungen Liebe einzufangen schien. Falscher Knopf – gelöscht.  Ich habe tagelang versucht, das Bild wieder herzustellen.

Mit ein paar Versprechungen und einer extra Geschichte aus dem Dschungelbuch kriege ich die übermüdeten Jungs ins Bett. Nach zehn Minuten steht der Ältere neben mir und klagt, ihm sei schlecht. Ich bringe ihn zurück ins Bett und halte seine Hand fest. Kurz überlege ich, was das Schlimmste wäre, was heute Nacht passieren könnte. Ich habe frisches Bettzeug und Wechselklamotten, falls er sich übergibt. Das beruhigt mich. Und nach fünf Minuten höre ich das Kind tief und ruhig atmen.

 

Fassade

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Es war die Verzweiflung, die sie auf die Straße trieb. In der Wohnung hatten die Geschwister einsilbig zusammen gesessen wie bei einem Leichenschmaus. Schweigend liefen sie auch durch die  Sturzregen und die Graupelschauer des Berliner Frühlings. Gefühle wollte keiner zeigen. Der Osterbesuch war die Idee der Schwester gewesen, die ihre beiden Brüder wieder zusammen bringen wollte, die wollte, dass sich der Ältere sich mal seine Neffen anschaut, die bald schon in die Schule kommen . Alle taten so, als sei die Familie des Jüngeren in Ordnung, die Kinder ein Segen. Keiner erwähnte die Trennung, auch die Mutter der Kinder nicht, die das Spiel mitmachte. Dabei sahen sie sich sonst nur, wenn die Kinder mal wieder den Duschvorhang herunter gerissen hatten.

Ein weiterer Beitrag zu den abc-Etüden von Christiane. Das Format hat was, vor allem den Reiz, wieder regelmäßiger zu schreiben.

 

Beim ersten Mal tut es noch weh

Also die 850 Euro, die sind dann warm?, frage ich. Ach, ja ja, das haben wir geschrieben, sagt der Wohnungsfuzzi, aber da kommen dann noch mal 70 Euro Nebenkosten dazu. Also 920?, frage ich ungläubig. Ja, ja genau: 920.  Da bin raus, sage ich matt, wie ein Skatspieler, der weiß, dass er nicht genug Trümpfe auf der Hand hat, um zu gewinnen. Ich bin wütend, rase das dunkle Treppenhaus runter, raus auf die ruhige Straße, atme die kalte Januarluft ein, schnappe mir mein Fahrrad und bin weg. Ich kann nichts machen, ich bin in meinem Stolz gekränkt, fühle mich verrarscht. 10 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter für eine lieblos sanierte 2-Zimmer-Wohnung in einem 30er-Jahre Bau in der Einflugschneise des Tegler Flughafens – die spinnen doch! Ein paar Querstraßen weiter komme ich zur Ruhe, halte an, wäge ab. Natürlich will ich die Wohnung. Sie liegt nur ein paar Straßen von dem Haus, in der meine Jungs wohnen. Sie ist groß genug, dass sie auch mal ein paar Tage bei mir sein können. Sie ist gut geschnitten und hat einen großen Hof mit Sandkasten – und ich habe das Geld. Ich will es nur nicht diesen Idioten in den Rachen schmeißen, jeden Monat. Langsam wird mir klar: Ich habe mich verzockt. Ich habe einfach darauf vertraut, dass es für mich in Berlin immer eine billige, große Wohnung geben wird.  Eigentlich war das der Grund hier her zu kommen. Hat die letzten 20 Jahre auch geklappt. Aber jetzt ist Schluss. Jetzt können die ruhig schlafen, die sich ein Häuschen hingestellt oder eine Wohnung gekauft haben. Und ich bin wieder da, wo ich nie wieder hin wollte: Auf dem Mieterstrich. Es war meine erste Wohnungsbesichtigung. Ich mus mich an die Preise gewöhnen, muss mich anbiedern, freundlich sein, mich von der Sympathie anderer abhängig machen… Ich hasse es, schlucke meinen Stolz runter, fahre zurück, warte bis einer der gegelten Hippster, der mit mir auf Besichtigung war, aus der Tür kommt und gehe wieder rein. Ich will die Wohnung, sage ich dem dicken Verkäufer. Er grinst, ermutigt mich und wartet geduldig, bis ich den Bewerberbogen ausgefüllt habe. Ich hoffe inbrünstig, dass es bei diesem Preis nicht viele geben wird, die bei der Stange bleiben. Das nennt man wohl Dialektik. Zur Sicherheit habe ich auch die geforderten Unterlagen dabei: blütenreine Schufa-Auskunft, Mietschuldenfreiheitsbescheinigung, Gehaltszettel- der ganze finanzielle Striptease. Was machen eingentlich die, die mal daneben getreten haben, die sich was getraut haben, und jetzt eben kein regelmäßiges Gehalt haben? Wie kriegen die eine Wohnung?, frage ich mich kurz. Doch der Gedanke ist sofort wieder weggewischt, denn dort wo ich die Mappe mit den Referenzen einer soliden bürgerlichen Existenz rausholen will, greife ich nur einen Aktendeckel mit Unterlagen, mit denen ich mich am Abend noch hinsetzen wollte. Bewerbungsunterlagen? Weg, nischt, nada! Und ich merke, wie sich in mir Leere ausbreitet. Nicht nur , weil ich die Wohnung jetzt vergessen kann, sondern weil es einen blinden Fleck in meinem Leben gibt, den ich mir nicht erklären kann. Weil ich die Kontrolle verliere. Ich bin kein besonders ordentlicher Mensch, aber bei wichtigen Sachen weiß ich immer die ein, zwei Orte, wo sie sein könnten. Wenn sie da nicht sind, habe ich das Gefühl wie bei einem Flimriss, das Gefühl, dass es einen Zeitraum in meinem Leben gegeben hat, an den ich mich nicht mehr erinnere. Und das nimmt mir das Gefühl, dass ich mein Leben im Griff habe. Das ist das Schlimmste.

Macht nix, kumpelt mich der Wohnungsmakler an,  dann schicken sie mir die Sachen morgen per Mail. Ich torkle aus dem Haus und rette mich in mein Stammcafe. Und als die Chefin mich auffordert Platz zu nehmen, sage ich, dass ich erst mal stehen bleiben will. Sie ist freundlich, versucht mich aufzuheitern, schenkt mir ein Stück belgische Schokolade, aber ich bin woanders, versuche mich zu erinnern, wo ich diese Mappe zuletzt in den Händen hatte. Auf dem Kopierer, auf dem Schreibtisch?  Ich rufe im Büro an, meine Kollegin sucht, aber findet nichts. Ich entschuldige mich für die Mühe, und überlege, woher ich jetzt noch eine Schufa-Auskunft bekomme, woher noch eine Gehaltsbescheinigung? Es hilft alles nichts. Ich muss los, zum Kindergarten, meinen Kleinsten abholen. Der lacht. Im Umkleideraum tauschen wir die Mützen und lachen noch mehr. Zu Hause warten wir auf die anderen. Machen Abendbot. Wurst mit Pistazien. Pistazienwurst. Pi, Pi, Pi, Pistazien machen wir. Und dann sag ich P-Ordner. PPP-Ordner. Natürlich P-Ordner! Das ganze Bewerbungszeug ist im Büro in meinem Persönlichen Ordner abgespeichert. Das kann ich morgen als Mail rausschicken. Vielleicht hilfts noch. Ich lache und pruste: Papa hat einen P-Ordner. Und der Kleine sagt: Nochmal! Und ich sage Papa hat einen P-Ordner. Und er lacht und sagt: Nochmal!  Und ich sage Papa hat…….

Am nächsten Tag finde ich meine Unterlagen in der Tasche, die ich bei der Wohnungsbesichtigung dabei hatte. Sie hatten sich in den Aktendeckel geschoben.

Schraubenfinder

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Meine schönste Schraube kommt aus der Camargue. Jenem Landstrich im Süden Frankreichs, der von vielen Menschen wegen seiner wilden weißen Pferde, seiner Flamingos oder seiner Sonnenuntergänge wegen geliebt wird. Ich liebe ihn auch. Die zotteligen Schimmel und sumpfigen Wiesen haben mich zwar nicht sonderlich beeindruckt, aber es gab da einen Baumarkt namens „Bricolage“, in dem ich genau die Schraube fand, die unser Motorrad auf den holprigen Straßen eine Stunde vorher verloren hatte. „Je besoin d‘ une vis“, stammelte ich, und schon entführte mich der Verkäufer mit herablassender Lässigkeit in ein Paradies aus schlampig aufgerissenen braunen Pappkartons in dem seine Schätze lagerten. Und weil nicht nur  die Sprache der Liebe, sondern auch die der Schrauben universal ist, fand ich für ein paar Centimes bald was ich suchte.

Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht: Das in Frankreich war natürlich Glück, aber es war ein Notfall. Normalerweise lasse ich mich nicht dazu herab, Schrauben im Geschäft zu kaufen. Das wäre zu banal. Ich warte darauf, dass mich das Schicksal mit mit den Dingen versorgt, die ich zum Leben brauche.  Ich bin ein Sachenfinder, ein Schraubensammler – in dritter Generation. Entweder ich finde etwas Glänzendes am Straßenrand oder es tun sich mir unvermutet Schatzkammern auf, die ich ungehemmt plündern kann. So war es in dem Schrebergarten, den ich nach der Wende mietete, damit meine Tochter ein wenig Auslauf hat und aus dem wir nach wenigen Jahren wieder rausgeekelt wurden. Zum Schrebehäuschen dazu gab es eine kleine Werkstatt, vollgestopft mit Werkzeug und Kleinteilen aus DDR-Zeiten. Davon zehre ich heute, zwei Jahrzehnte und viele Umzüge später noch, auch wenn mein Freund Thomas, der Schreiner ist, mich jedes Mal wieder hasserfüllt anschaut, wenn ich ihm wieder und wieder die weichen VEB-Schlitzschrauben anbiete, wenn er mir mal wieder ein Regal an die Wand dübeln soll.

Tiefenpsychologisch betrachtet tue ich das alles nur, um mich mit meinem Großvater verbunden zu fühlen, der mir als Kind so viel Liebe schenkte. Vielleicht aber auch, um die einzige Familientradition fortzuführen, die der Krieg übrig gelassen hat. Mein Opa war ein kleiner verhutzelter schlesischer Bauer mit Schnurrbart. Er war mit seiner Familie im Rheinland gestrandet und hatte mit meinem Vater ein Haus gebaut, obwohl er bis zu seinem Tod darauf wartete, dass er seine sieben Hektar in der Nähe von Breslau wieder bekommt. Mit den Steinen und den Dachziegeln, die vom Hausbau übrig blieben zimmerte er sich im Garten einen schäbigen Schuppen, in dem er alles aus Metall aufbewahrte, was er finden konnte. Sein Jubeltag kam, als die Bahnstrecke vor unserem Haus erneuert wurde. Die Arbeiter schmissen die rostigen Schrauben und Spangen, die sie aus den Holzschwellen zogen einfach in die Böschung. Mein Opa sammelte sie alle ein. „Man kann ja aus allem was machen.“, war seine Devise. Nur hatte er vergessen, dass er nicht mehr in Schlesien war, keine Schmiede mehr hatte und Pferde die Hufeisen brauchten erst recht nicht. Als er gestorben war, wollte noch nicht mal mehr der Altwarenhändler, der Anfang der 70er  noch mit einem öligen Pritschenwagen und einer Messingglocke „Luuumpen! Alteiiisen!“ schreiend alle paar Wochen durch die Straßen tuckerte, den ganzen Schrott haben.

Mein Vater war ein Rebell.  Er wollte mit all dem was er als „Alträucherei“ bezeichnete nichts mehr zu tun haben. Er schmiss die Landwirtschaftslehre, die ihm mein Opa als baldigem Hoferben aufgezwungen hatte, heuerte bei einer Spedition an und kaufte sich von den am Munde abgesparten Spesen einen nagelneuen Ford Capri 1500, weiß mit roten Ledersitzen – das Rassigste, was man sich als Arbeiter damals leisten konnte. Was nicht mehr zu gebrauchen war, kam weg. „Kaputt gibt Neu“ war seine Devise. Keine Sentimentalitäten. Aber als er in Rente ging, erwischen ihn die Gene wieder. In der Garage richtete er sich eine kleine Werkstatt ein, in der er altes Zeug wieder aufmöbelte, defekte Geräte zerlegte und fleißig, sauber sortiert in durchsichtigen Plasikschubern, alte Schrauben sammelte.

Wie hätte ich diesem Familiengeist entfliehen können der so wirkmächtig über unserer Sippe hing? Seine schleichende Kraft spürte ich, als ich mit 15  begann, Fahrräder vom Sperrmüll nach Hause zu schleppen, sie zu zerlegen, wieder aufzubauen und die verwertbaren Teile zu sammeln. Damals lief das unter Öko. Aber die Wurzeln lagen tiefer. Mein Vater schenkte mir, als ich von zuhause auszog als Zeichen der Mannbarkeit einen Werkzeugkasten, den ich heute noch habe. Mittlerweile ist er gefüllt mit allerlei Krimskrams, der sich mit den Jahren dort eingefunden hat. Ein paar Schrauben von meinem ersten Moped sind auch noch dabei. Aber anders als meinem Großvater ist mir das Glück vergönnt, zu erleben, dass manches, was ich aufhebe tatsächlich genau das ist, was ich irgendwann brauche. Heute zum Beispiel, als ich mit zwei winzigen Messingschrauben, die mal eine Dreingabe bei einem Bilderrahmen waren, den abgerissenen Staubsaugerschlauch wieder festmachen konnte. Hätte ich sie nicht gehabt: Die Mutter meiner Kinder wäre ohne ihren Staubsauger wahrscheinlich schneller zugrunde gegangen als ohne Luft zum Atmen. Das war Rettung in letzter Sekunde. Das sind die Momente, die das Schrauberherz mit tiefer Genugtuung und Demut erfüllen. Und was kann schöner sein als zu sehen, dass meine Söhne in meine Fußsstapfen treten? Diese kleinen Kerlchen merken ja genau, was die Großen so umtreibt. Seit sie einmal beobachtet haben, wie strahlend ich eine halbwegs erhaltene Maschinenschraube aus der Gosse aufhob, schenken sie mir alles, was sie an Metallischem auf der Straße finden. Und ich verspreche ihnen hoch und heilig, es in meinen Werkzeugkasten zu legen. Um die nächste Generation von Schraubenfindern muss ich mir keine Sorgen machen.

Reich beschenkt

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Ich hab heute so viel bekommen und weiß gar nicht, womit ich das verdient hab. Ist ja noch gar nicht Weihnachten. Und brav war ich auch nicht.

Fing damit an, dass mir heute morgen zwei Stunden im Bett geschenkt wurden, weil mein Telefon mir sagte, dass der Flug, der meine Tochter aus Peking zurück bringen sollte, eine dicke Verspätung hatte. Und als ich dann am Flughafen war und als die Aeroflot-Maschine weitere zwei Stunden ihre Runden über Berlin drehte, und als ihre Mutter und ich langsam Sorgen kriegten, weil ja gestern alle verrückt geworden sind und ein Türke den russischen Botschafter erschossen hatte, da war es das größte Geschenk, mein strahlendes Töchterchen doch noch in die Arme schließen zu können. Und fast noch schöner war, dass sie jedem  ein Geschenk aus Peking  mitgebracht. Ein Geschenk, ein ganz chinesisches, mit rotem Seidenpapier und Schriftzeichen drauf. Meine Tochter, von ihrem Geld – für uns! Bisher gabs immer nur große Augen und die aufgehaltene Hand. Heute einen handfesten Beweis, dass sie einen kleinen Moment, vielleicht im letzten Moment vor dem Abflug im Flughafen-Duty-Free, daran gedacht hat, wie sie uns eine Freude machen könnte. Ach, haben wir doch nicht alles falsch gemacht. Und der Geist der Weihnacht wehte uns an. Und als wollte die Stadt Berlin das Familienglück perfekt machen, lag heute auch mein neuer Reisepass auf dem Bürgeramt, als ich auf dem Weg nach Hause auf gut Glück dort vorbei schaute. Auf dass ich auch bald nach China fliegen darf, das Töchterchen zu besuchen. Hat nur zwei Monate gedauert. Da kann man nicht meckern.

Aber das mit dem Glück ist ja eine seltsame Sache. Hat man viel davon, will man noch mehr, will ausprobieren, wie weit die Glückssträhne reicht. Und leicht gerät man dabei in Gefahr, die Gunst der Götter zu verspielen, zu viel zu wagen und sich in die tiefste Verzweiflung zu stürzen. Das hätte ich wissen müssen, als ich das Geschäft für Anglerbedarf betrat, das plötzlich ganz unvermutet an meinem Weg zur U-Bahn lag. „Fishermans Friend“ stand über der Tür und schon dieser anbiederende, vertrauensheischende Name hätte mich mißtrauisch machen müssen. Doch ich war beschwingt vom fröhlichen Tag, sorglos und genau in der richtigen Stimmung, das größte Problem meines bisherigen Lebens zu lösen: Eine Jacke zu finden, in der ich mich wohlfühle. Nun, um zu erklären, warum ich mich damit so schwer tue und warum ich dieses Kleidungsstück ausgerechnet in einem Fischerladen suchte, müsste ich weit ausholen, müsste Bilder heraufbeschwören von fröstelnden Kindern im Regen in einer Neubausiedlung der 60er Jahre, von Kindern die trugen, was alle Kinder damals trugen: Annoraks. Und diese Kinder froren, wenn sie den ganzen tag draußen spielten, denn diese dämlichen Nylonjacken waren alles, nur nicht warm und wasserdicht. Deshalb war es, seit ich meine Kleidung selbst kaufen durfte, immer mein Ziel, eine in allen Jaheszeiten tragbare, wasserdichte Jacke zu besitzen. Kindertraumata sitzen tief. Ich hab alles ausprobiert: Ostfriesennerze (gehen nur bei Anti-Atomkraft-Demos) Seemannsjacken aus dicker Wolle (saugen sich voll und werden bleischwer), englische Lederjacken (total cool, aber halten nur englischen Regen aus), Bundeswehrparkas (grün und blau trägt jede Sau), Lodenjanker (politisch nicht korrekt) Wachstuchjacken (siehe Lederjacken, englische; reichten für eine schöne Lungenentzündung) und amerikanische Arbeiterjacken (man wird nass von innen und außen). Am liebsten hatte ich eine graue tibetische Filzjacke, die mir ein Freund aus Indien mitbrachte. Aber da war meine Müsli-Zeit schon vorbei und ich wollte mich nicht zum Gespött der Leute machen.  Neidisch schaute ich auf meine Freunde, die die Jackenfrage völlig undogmatisch angingen, sich im Sommer eine leichte Baumwolljacke anzogen und sich einen Teufel darum scherten, ob sie vielleicht mal von einem Schauer überrascht würden. Da würde ich nie hinkommen. Ich brauchte eine andere Lösung. Mein Schwager war es, der mich auf einen schwedischen Wunderstoff aufmerksam machte, teils Baumwolle, teils Polyester, der leicht und wasserabweisend sein sollte. Manchmal würde man Army-Shops Jacken der schwedischen Armee finden, die aus diesem Material wären.

Und genau das versprach mir der Angler-Laden heute. Ausgemusterte Armeekleidung. Und weil heute mein Glückstag war, gab es tatsächlich schwedische Jacken dort. Nicht in verwaschenem olivgrün, sondern fabrikneu in einem wunderbaren satten waldwiesengrün. Schlank geschnitten, nicht ganz meine Größe, aber wenn ich die Knöpfe etwas nach innen versetzte und keinen Pullover drunterzog… Meine Sommer-Jacke! Ich war wie berauscht. Die Jacke hatte mich gefunden! Natürlich gab in dem Angler-Laden keinen Spiegel. Und deshalb konnte ich es kaum erwarten, den Treffer zu Hause anzuprobieren. Ich drehte mich vor dem Spiegel und wusste sofort, dass ich mein Glück mich blind gemacht hatte: Ich hatte übersehen, dass die Schweden auf die Rückseite zwei riesige Taschen aufgesetzt hatten. Für Munition, für Proviant, für erlegte Hasen – was weiß ich. Das sah aus wie Schwalbenschwänze – vorbei mit dem Glück, vorbei mit der Freude auf den Sommer.

Ich war traurig, verfluchte meinen unbedachten Kauf – dann machte kurz Klick im Kopf, und die Freude war wieder da: Das ist die ideale Traveller-Jacke! Das wird meine Reise-Jacke für China! Da schert sich keiner um seltsame Europäer. Und meine Tochter ist meine komischen Outfits schon gewohnt. In eine der Taschen tue ich eine DVD von „Toni Erdmann“. Die gucken wir uns dann zusammen an, damit sie weiß, was sie an ihrem skurilen Alten hat.

 

Nach Hause telefonieren

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Manchmal bin ich nett. Mindestens einmal im Jahr. Da denk ich an den Geburtstag meiner Schwester und schick ihr einen Strauß Blumen. Ich mach das nicht über’s Internet, nicht über Fleurop. Bisher ging das so: Ich nehme das Telefon und rufe ein paar Tage vorher bei der Gärtnerei in unserem Heimatstädtchen an. Ich nenne meinen Namen und den meiner Schwester und prompt kommt von der Gärtnerin die Frage: „Bess dau dem Jakobs Marie Seiner?“ Das Städtchen ist nicht groß, meine Mutter dort geboren und alle die Alten kennen sich untereinander. Dabei ist der Familienname egal. Als Eingeborener legitimiert man sich über die mütterliche Linie. Es herrscht das Matriarchat und der Dativ. Nachdem ich die Fragen nach dem Befinden der Frau Mutter und dem Verbleib sämtlicher Geschwister der Wahrheit gemäß beantwortet habe, ist das Geschäftliche eine reine Freude. Immer stärker ins heimische Platt und die rheinische Fröhlichkeit verfallend, besprechen wir die Details der Blumengabe (schön bunt) und der Lieferung. Der Rest ist Vertrauenssache.  Keine Vorauszahlung, kein Pay Pal-Gedöns. „Ich schick Ihnen dann die Rechnung.“ Das ist alles und das rührt mich jedes Mal. Der alte Ernst Moritz weht mich an „… wo Eide schwört der Druck der Hand, wo Treue hell vom Auge blitzt und Liebe warm im Herzen sitzt… Ich weiß, das war schon 1813 Propaganda, aber es ist trotzdem schön, das noch erleben  zu dürfen. Zumal es jetzt vorbei ist damit. Dieses Jahr war eine unbekannte Stimme am Telefon. Nachdem ich meinen Namen und meinen Wunsch vorgetragen hatte, kam statt der allfälligen Frage nach der Mutter ein barsches „Haben Sie ein Fax?“ Der Besitzer der Gärtnerei hatte gewechselt. Jetzt hat der kleine Severin wohl den Laden übernommen. „Ich brauche ja irgend etwas, das ich in der Hand habe,“ grummelte es auf der anderen Seite weiter. Ob er auch schon eine E-Mail-Adresse habe, fragte ich keck, ihm sein mangelndes Vertrauen mit einem Hinweis auf seine hinterwäldlerische Technikausstattung vergeltend. „Ja, hab ich“, kam es stolz zurück, „aber warten Sie mal, ich find sie gerade nicht“. Ein Ruf in die Weiten des Gewächshauses war im Telefon zu hören und ein „Nee, weiß ich auch nich,“ echote zurück. Inzwischen hatte ich die Adresse gegoogelt und nannte sie ihm. Er lachte erleichtert und klang gleich weniger geschäftsmäßig. „Man schickt sich ja so selten selber eine Mail.“ Dann konnten wir endlich über die Blumen reden und über meine Schwester, die er noch nicht kannte und es wurde wieder lustig. Zwei Tage später bekam ich eine Mail von Ihm: “ Ihre Schwester hat die bestellten Blumen persönlich hier abgeholt“. Eine Rechnung habe ich bis heute nicht bekommen. Severin hat seinen Laden wohl noch nicht im Griff. Ich werd mal wieder da anrufen, und an die Rechnung erinnern – soll ja sein Geld bekommen. Und vielleicht können wir beim nächsten Mal dann auf so neumodischen Kram verzichten. Wir kommen ja schließlich aus der gleichen Stadt.