Fassade

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Es war die Verzweiflung, die sie auf die Straße trieb. In der Wohnung hatten die Geschwister einsilbig zusammen gesessen wie bei einem Leichenschmaus. Schweigend liefen sie auch durch die  Sturzregen und die Graupelschauer des Berliner Frühlings. Gefühle wollte keiner zeigen. Der Osterbesuch war die Idee der Schwester gewesen, die ihre beiden Brüder wieder zusammen bringen wollte, die wollte, dass sich der Ältere sich mal seine Neffen anschaut, die bald schon in die Schule kommen . Alle taten so, als sei die Familie des Jüngeren in Ordnung, die Kinder ein Segen. Keiner erwähnte die Trennung, auch die Mutter der Kinder nicht, die das Spiel mitmachte. Dabei sahen sie sich sonst nur, wenn die Kinder mal wieder den Duschvorhang herunter gerissen hatten.

Ein weiterer Beitrag zu den abc-Etüden von Christiane. Das Format hat was, vor allem den Reiz, wieder regelmäßiger zu schreiben.

 

Leicht zu kriegen

Unbenannt

Warum hatte er sich kein Haus gekauft? So ein kleines Altes wie das hier. Wo man am Samstagmorgen in der Frühlingssonne im Garten rackern konnte, um sich dann am Nachmittag auf die Treppenstufen der Terasse fallen zu lassen und einen Milchkaffee zu trinken. Er hielt das Gesicht in die Sonne und schloss die Augen. In der Küche hinter der offenen Terassentür ächzte die Espressomaschine, um seine Beine schnurrte es. Das war der Hauskater, den er mit versorgen musste, wenn am Wochenende auf das Haus aufpasste. Er hasste Katzen, seit seiner Jugend, als sie, von seiner Schwester verwöhnt, von ihm nachts rausgeschmissen, aus Rache unter sein Bett pissten. Katzenpisse auf billigen Nadelfilzplatten, das war die Ohnmacht seiner Jugend. Komm!, brummte er und klopfte müde auf seine Schenkel. Die Viecher mochten ihn und es war schön, etwas Warmes auf dem Schoß zu haben.

Danke an dich, Christiane, dass du die ABC.etüden von Textstaub weiter machst. Ich freu mich schon auf deine nächsten Wörter…

 

Zäh wie Leder…

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Schön, wenn zum eintönigen Arbeitsalltag auch mal ein Auftrag gehört, der einen mitten ins Ruhrgebiet bringt. Nach Essen zu ThyssenKrupp. Krupp! Unglaubliche Bilderwelten tun sich da auf. Adolf Menzels Bild vom Stahlwerk aus meinem Geschichtsbuch, Sozialistischer Realismus: „Golden fließt der Stahl“, „Die Aura der Schmelzer“, „Wie der Stahl gehärtet wurde“- und natürlich Kanonen, „Dicke Berta“ und so. Mein Gott, was habe ich mir in meiner Industrie-Nostalgie alles in den Kopf gezogen. Und ja, das alles gibt es noch in Essen: Da rackern sie noch mit der feurigen Ursuppe des Kapitalismus, da sprühen die Funken, da schafft der menschliche Wille neue Werke: In Bronze gegossen stehen die Arbeiter da. Als Relief gegenüber der Straßenbahnhaltestelle „ThyssenKrupp“.  Und danach kommt erst mal nix als grüne Wiese. Da wo früher aus Koks, Erz und Männerschweiß der Stahl entstand steht jetzt auf freier Fläche ein nagelneuer Bürokomplex in den gebügelte Büromenschen emsig ein und aus gehen. Ich hinterdrein.

Und dann geht es den ganzen Tag um nix anderes als um das bisschen Stahl, das in Deutschland noch produziert wird- nicht in Essen sondern in Duisburg (ja, ja, Horst Schimanski, der war auch so ein Kumpel und Männerideal)  und wie man den Rest rettet vor den Indern und Chinesen. Und natürlich um die Stahlarbeiter. Die paar Tausend, die es noch gibt, müssen mal wieder Angst haben, dass sie noch weniger werden, müssen mal wieder die Autobahnen besetzen, wie damals in Rheinhausen. Alles keine schönen Aussichten.

Betrübt fahre ich zu meinem Hotel am Bahnhof. Herbert Grönemeyer singt in meinem Bauch „Komms du vonner Schicht, gibt wat besseres nich als Currywurst“ . Ja, könnt ich jetzt eine gebrauchen. Bei Thyssen gab es vegetarische Wraps. Aber auch die Arbeiterwurst hat die Krise wohl nicht  überlebt. Hier haben die Türken übernommen. Ich sehe nur noch Döner-Buden. Zurück zu den Schnöseln an der Hotel-Bar will ich aber auch nicht. Ich finde einen Spätverkauf, der ein paar Tische in die Fußgängerzone gestellt hat, fische mir ein Bier aus dem Kühlregal und beschließe so den Tag zu beschließen. Allein: Die Flasche hat einen Kronkorken (ThyssenKrupp Verpackungsstahl, Werk Andernach) und ich weiß nicht, wie ich ihn aufkriegen soll. Den weltfernen Studenten, der hier die Kasse bedient, brauche ich erst gar nicht nach einem Öffner zu fragen. Die üblichen Männer-Utensilien, mit dem man alles hinkriegt (Feuerzeug, Schweizermesser, 17er Schlüssel) habe ich gegen ein Telefon getauscht, das alles kann -nur das nicht. Aber der Kumpel neben mir, der mit den verfilzten Haaren, dem metallisch stinkenden Trainingsanzug, der fünf leere Bierdosen auf den Thresen legt, der wird mir doch weiter helfen können. Auf meine Frage nimmt er wortlos meine Flasche, haut seine Zähne in den Kronkorken und biegt Zacke um Zacke nach oben. Als er zwischendrin abrutscht setzt er nochmal an. Er wills mir beweisen und er kriegt es auch hin. Stolz reicht er mir mein Bier. Wir gehen gemeinsam auf die Straße. Er winkt zufrieden grunzend zum Abschied. Ich wische mit der Hand seinen Sabber vom Flaschenhals  und nehme einen satten Schluck.

Die verstehen was vom Stahl, hier in Essen.

Friede, Freude, Götterfunken

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Ach, es ist doch schön, wenn die Welt mal wieder in Ordnung ist – und seis nur auf dem Berliner Gendarmenmarkt. Die Sonne scheint, die Fahnen wehen. Gepflegte, gebildete und gut gekleidete Menschen treffen sich zwischen klassischen Musentempeln  und singen gemeinsam die Ode an die Freude – und das schon seit sieben Sonntagen. Seit drei Wochen bin ich dabei. Kein Wunder, dass  die Fremdenhasser und Europaspalter in Scharen zu uns überlaufen. In den Niederlanden eine Schlappe für Wilders, im Saarland schlappe 7 Prozent für die AfD. Das sind doch klare Erfolge. Wer kann schon dem Charme einer Französin widerstehen, die von den Stufen des Konzerthauses Geschichten aus ihrer Deutsch-Französischen Ehe preisgibt (dass ihr Vater beim ersten gemeinsamen  Badeurlaub geschockt war von der deutschen Freikörperkultur, aber sich dann seiner Badehose entledigte mit den Worten „Pour l’honeur de la France“). Oder den Klängen von Giora Friedman, der vergangenen Sonntag spielte, als es aus Kannen goss und er uns aufmunterte „I never played in front of so many umbrellas.“ Ja, schön ist das, wenn alle das Gute, Wahre und Schöne  wollen. Und Freiheit und Frieden.

Und dann wird mir von den edlen Reden schlecht, wie von zu viel gutem Kuchen. Ich klettere den Französischen Dom hoch und bringe 30 Meter Höhenluft und 100 Stufen zwischen mich und meine Völkerfreunde. Von oben sieht es dann wieder sehr bewegend aus und ich atme durch. Denke an all den Spaß, den ich vor 10 Jahren hatte, als ich eine irische EU-Delegation betreut habe und vergesse den ganzen Abstimmungsirrsinn, der damit zusammen hing.

Ich bin rechtzeitig wieder unten, als die Fanfaren der Eurovision erklingen. Das finde ich nun sehr geschickt gemacht von den Veranstaltern des „Pulse of Europe“. Man kann ja von Brüssel halten was man will, aber gemeinsam Fernseh gucken, das will sich doch keiner nehmen lassen. „Spiel ohne Grenzen“ war einer der Höhepunkte meiner Jugend. Da dufte die ganze Familie lachen, wenn  Franzosen wie Engländer auf Schmierseife in Wasserbecken ausrutschten. Das war die Zeit, als der Eurovision Song Contest noch „Grand Prix d‘ Eurovision de la Chanson“ hieß.  Und wenn nach der Eurovisions-Fanfare „Aktenzeichen XY“ begann mit der Frage „Hallo Wien?, hallo Zürich? Da merkte ich: Europa ist groß, aber mit der modernen Technik mit einer allwissenden Einrichtung, die Interpol heißt, die manchmal sogar bis in die ferne Stadt Wien kommt, werden wir alle Verbrecher fangen.

Ach, Europa! Ich spanne meinen himmelblauen Schirm auf, auf dem EU 2007.de steht, damit mich meine Freunde wiederfinden. Die richtige Europahymne wird angestimmt, wir singen bis zur zweiten Strophe. Und dann bin ich auf einmal traurig: Denn die heißt am Ende:

Ja, wer auch nur eine Seele

sein nennt auf dem Erdenrund

und wer’s nie gekonnt hat stehle

weinend sich aus diesem Bund.

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Also: Europa ist was zum Party machen. Und wer nicht dazu gehört, wer nicht mitfeiern will, der soll draußen bleiben? Mit etwas an Brüssel geschultem Feinsinn beruhige ich mich: Der Text der Ode ist ja nie offiziell Teil der Hymne Europas geworden. Aber der Eindruck bleibt: Ein bisschen viel Erasmus-Stipendiaten hier, die sich ihrer schönen Zeiten erinnern. Bitte keine Zweifel. Alles freundliche, aufgeschlossene Leute. Für sie ist Europa ein Lebensraum. Mit Pulse of Europe kommt davon zum ersten Mal etwas dieser sich selbst genügenden Welt der professionellen Europäer an die Öffentlichkeit. Das ist schön. Aber es kommt nicht über den Gendarmenmarkt hinaus. Ich stelle mir die Veranstaltung gerade mal in Marzahn oder in Neukölln vor. Das würde wirken wie eine Sekte.

 

 

Virtuelle Verena

Sie kommt eine halbe Stunde zu spät. Ich bin gerade dabei, meine Rechnung zu bezahlen und zu gehen. Sie kommt eine halbe Stunde zu spät und schimpft – mit mir, mit Google-Maps, ich weiß es nicht. Sie habe das Restaurant nicht gefunden, sei die Straße auf und ab gelaufen. Sie ist aufgeregt, weiß nicht wohin mit ihrem dicken, hellen Wintermantel, ihrer Plastiktüte vom Türken. Ich überlege kurz, ob sie eine Frau ist, der man aus dem Mantel hilft. Aber sie bunkert alles um sich herum, und schimpft weiter darüber, dass zu wenig Platz sei und der Stuhl zu unbequem. Sie lächelt dabei. Ist das der Ort, wo du dich mit deinen Freunden triffst?, fragt sie mit russichem Akzent und dreht ungäubig den Kopf. Ich merke, dass ihr Schimpfen ihre Art ist, sich zu entschuldigen. Und ich merke, dass etwas nicht stimmt. Du hast geschrieben, du kennst das Schraders, du arbeitest um die Ecke. Eine abfällige Handbewegung. Was geht mich mein Geschwätz von gestern an, heißt das. Und du arbeitest in einer Musikschule? Sie lacht. Weil ich geschrieben hab, dass ich Musiklehrerin bin? Ja? Sieben Jahre war ich am Konservatorium, aber ich hab das gehasst. Ich arbeite in einer Spielhalle. Ihr Deutsch ist holprig aber faszinierend. Sie ist faszinierend. Elegant, rundes Gesicht, hohe Wangenknochen, wache braune Augen, strahlendes Lächeln, das nicht mehr aufhört. Ich gehe dir nicht mit meinem Deutsch auf die Nerven?, fragt sie. Wir können es ja auf Russisch probieren. Ich könnte viel mehr erzählen, viel mehr Wörter finden auf Russisch. Du hast geschrieben, dass du Russisch magst. Ich nicke. Aber das ist lange her. 1992, zwei Semester nebenbei, aber ich höre die Sprache immer noch gerne. Vielleicht sollte ich aus Höflichkeit die paar Sätze einflechten, die ich behalten habe. Ich lasse es, lasse sie weiter ackern. Sie rutscht auf ihrem Stuhl hin und her. Gibt es nichts anderes, fragt sie, lehnt sich zurück und macht eine entspannte Geste, mit einer Zigarette in der Hand. Wie eine russische Gräfin. Sollen wir ins Hilton gehen, frage ich die Gräfin. Wieso immer Hilton?, antwortet sie großzügig, im Steigenberger gibt es Jazz-Musik live! Hat mir eine Freundin gesagt, fügt sie verdruckst hinzu. Wir versuchen weiter zu reden, über die Kinder, die Heimat, die Eltern. Aber jeder zweite Satz geht schief. Irgendwann hab ich genug. Was mache ich hier? Sie ist schön, sie ist klug und sie hat viel Leben in sich. Aber ohne Sprache geht es nicht. Ich richte mich auf. Verena, was machen wir beiden jetzt?, frage ich sie. Sie schaut mich an und knipst ihr Lächeln aus. Ja, du hast recht, sagt sie, ich bin auch müde und nestelt an ihren Sachen herum. Geh schon mal nach vorne und hol deinen Mantel, bittet sie. Sie will nicht, dass ich sehe, wie sie sich fertig macht. Kein Blick mehr an der Tür, sie geht in die Nacht mit gesenktem Kopf, mit ihrer Plastiktüte, wie ein getretener Hund.

Mein schönstes Urlaubsfoto

Ich hab mich sehr darüber gefreut, dass mich einige Leser meines Blogs dazu ermuntert haben, doch ein paar Bilder meiner Reise zu zeigen. Wär ich selber nicht drauf gekommen. Will ja keinem auf die Nerven fallen mit meiner Urlaubsknipserei. Und weil ich ja eigentlich lieber schreibe, hatte ich mir für jedes Bild schon eine sehr kluge Unterschrift ausgedacht. Und da macht WordPress aus den Bildern, die ich hochgeladen habe einfach diese Zufallskollage. Und ich muss sagen: Das trifft es sehr gut. Ich bin richtig baff- und lass das jetzt einfach mal so stehen (was mir nicht leicht fällt).

 

Hummer im Kopf

Die erste Woche in Berlin war ich wie in Watte. Meine Kinder waren da, die Stadt war da, aber das ging mich alles gar nichts an. Berlin war einfach eine weitere Stadt, nach Hong Kong, nach Battambang, Phnom Penh. Gut, dass ich hier die Schilder lesen konnte und dass es ein Tropenmedizinisches Institut gibt. Vielleicht war es ja auch nur der Reisedurchfall, der mich so durcheinander gebracht hat. Vielleicht war es aber auch schwer, wieder aus der anderen Welt zurück zu kommen, in der ich zwei Wochen gelebt habe – aus der Welt in meinem Kopf.

Nein, es war keine Erholungsreise. Zwei Wochen mit mir und meinem Kopf allein in einer Welt voller Rätsel – vom Flughafen Terminal bis zur U-Bahn Station mit 15 Ausgängen. Und keinen mit dem ich darüber sprechen kann. Ok, die ersten Tage war meine Tochter da, oder ich bei ihr in Hong-Kong. Das war ja der Anlass der Reise. Sie hat mich von Flughafen abgeholt (gottseidank!) und hat mir ihre Stadt gezeigt, ihre Uni, ihre Plätze. Sie hat mir über die erste Panik hinweg geholfen, als die Kreditkarte nicht funktioniert hat und hat mich mitgenommen über die Dächer der Stadt. Aber dann hat sie mich überredet weiter zu fliegen, hat mir ein Hotel gebucht. „Papa, du musst das machen, du ärgerst dich sonst, dass du dich nicht getraut hast.“ Gute Tochter. Ich hab die Nacht vorher nicht geschlafen und fand mich morgens um vier in einem schäbigen Toyota-Taxi mit Lenkradschaltung und durchgesessen Kunstledersitzen auf dem Weg zum Flughafen. Aufgewacht bin ich in der kambodschanischen Variante des DDR-Tränenpalasts in Siem Reap. 10 grimmig dreinschauende Polizisten, die meine Devisen wollen und von denen einer nach dem anderen einen Stempel in meinen Pass drückt.

Und dann begann das Schweigen und das Staunen.

Geblieben ist ein Bild von Hummern, schimmernd blauen Hummern mit leuchtend orangen Streifen. Sie schwammen mit verbundenen Scheren in bunten Plasitikschüsseln vor dem großen Markt von Phnom Penh, dieser gigantischen, grellgelben Art-Deco-Krake mitten in der Altstadt, die mich direkt an ein Überbleibsel aus dem Film  „Metropolis“ erinnerte und ein bisschen an Istanbul. Normalerweise faszinieren mich ja Vögel und Krustentiere finde ich abstoßend. Aber die hier waren frisch und schillernd und vereinten in sich die ganze Farbe und die Vielfalt des Landes. Und Vögel gab’s nicht. Ich habe versucht ein Foto von den Tieren zu machen, hab die teilnahmslose Verkäuferin brav gefragt, ist aber nichts geworden, wegen der Blasen, die der Belüftungsschlauch in der Schüssel aufgewirbelt hat. Sie gehen hier gut um mit ihrer Ware, bis sie, ja was? Gegrillt wird, gekocht, getrocknet? Die Kambodschaner machen wunderbare Sachen aus allem. Aber ich kann sie ja nicht fragen. Ich hätte den Hummer in die Hand nehmen müssen. Hätte mich wirklich einlassen müssen auf’s Bildermachen- oder aufs Essen. Aber ich hab nur geknipst. Später las ich im Reiseführer, dass der Fischmarkt ein beliebtes Ziel für Fotografen ist. 24000 Kilometer geflogen, allem Mut zusammen genommen für ein misslungenes Foto von einem Krebs, das schon 1000 andere gemacht haben?

Ja, das ist es jetzt erst einmal. Ich bin wieder da und ich habs geschafft. Alles andere liegt woanders. Ich kanns jetzt nicht beschreiben, aber ich bin sicher, dass die Bilder davon da sein werden, wenn es um mich herum mal wieder dunkel wird.