Sack Reis

Acht Grad Plus und Wolken können mir die Laune ja nicht verderben. Sitze vor meinem selbstverwalteten Bio-Laden mit einem Kaffee, der hier ausdrücklich Espresso mit Milch heißt und nicht Latte Macchiato, weil man ja der Gentrifizierung keinen Vorschub leisten will, lese die  taz und versinke in Nostalgie: 30 Jahre Mai-Krawalle in Kreuzberg. Schaue mir träge die Demo-Routen fürs Wochenende an und entscheide mich für die Fahrrad-Demo des DGB, weil ich da mit meinem Liegerad wieder viele freundliche Blicke ernten werde. Und wenn ich will, kann ich auch noch  am Samstag zu „Organize- Selbstorganisiert gegen Rassismus und Ausbeutung“ im Wedding gehen. Wie schön, wenn sich der Kampf gegen die Langeweile und der Kampf für das Gute in der Welt so wunderbar verbinden lassen. Meine Fahrradtasche ist vollgestopft mit besten Bio-Sachen. Weiter zu Türken-Markt schaffe ich es heute nicht mehr. Genug Frischluft, zurück nach Hause. In routinierter Virtuosität balanciere ich mein Fahrrad mit der seitenlastigen Tasche durch die schwere Gründerzeit-Holztür und bleibe stehn: Quer vor mir steht ein leerer Supermarkt- Einkaufswagen von EDEKA Fromm. Normlerweise stehen die immer draußen auf dem Gehweg, gefüllt mit irgenwelchem Unsäglichen gammeln sie dann ein paar Wochen vor sich hin, bevor sie dann so plötzlich verschwinden wie sie aufgetaucht sind. Ich weiß nicht wer sie herschiebt, ich weiß nicht wer sie abholt. Ich hab wechselweise die Alkis von der Trinker-Bude, die Türken-Kids aus der Schischa-Bar oder die Kiffer vom Kinderspielplatz im Verdacht -ist mir aber eigentlich auch immer egal gewesen. Aber jetzt fühle ich, dass es Zeit ist, die Sache in die Hand zu nehmen. Bürgersinn regt sich in mir. Das Ding muss raus, bevor die halbe Hausgemeinschaft ihren Sperrmüll da rein wirft. Draußen auf der Straße ist das mit dem Müll  ja ok, das schreckt die Schnösel ab, die die Mieten hier hochtreiben wollen. Aber hier, in meinem Hausflur – da ist die Grenze klar überschritten.

Ich wuchte mein Rad auf den wackligen Ständer, schnappe mir das Elendsgestell, und stehe schon halb damit in der Tür, als zwei erschreckte junge Frauen, na eher noch Mädchen, die Treppe runter kommen. Entschuldigung, Entschuldigung, wir hatten den Wagen nur mitgenommen, weil es uns zu schwer war, die Sachen vom Supermarkt heim zu tragen, jammern sie. Und ich weiß nicht, was mich mehr ärgert: Dass ich jetzt als Blockwart die Erstsemester-Mädchen zurecht weise, die, gerade dem behüteten Elternhaus entflohen, gleich beim ersten Mal erwischt werden, an dem sie versuchten ein bischen den Berliner Lebensstil anzunehmen. Oder ärgere ich mich , dass meine Feindbilder durcheinander geraten. Bevor ich mir klar werden kann, gibt’s ein dumpfes, klirrendes Geräusch und mein Fahrrad liegt auf der Seite wie ein sterbendes Pferd. Der Apfelsaft, denke ich, der ökologisch korrekt in einer Pfandflasche gekaufte Apfelsaft – und vielleicht auch noch die Eier. An die Tomaten will ich gar nicht erst denken. Ich stelle mir die Matsche vor, die sich jetzt in meiner Tasche breit macht. „Große Leiden machen alle kleineren gänzlich unfühlbar… und umgekehrt, bei Abwesenheit großer Leiden verstimmen uns selbst die kleinsten Unannehmlichkeiten.“ Das ist aus dem Buch „Die Schopenhauer-Kur“ von Irvin Yalom, das ich gerade lese. Ein Trost in allen Lebenslagen.

Oben angekommen schütte ich meine Einkäufe in die Dusche, rette was zu retten ist und ändere meine Pläne für’s Abendessen: Es gibt Rührei.

Beim ersten Mal tut es noch weh

Also die 850 Euro, die sind dann warm?, frage ich. Ach, ja ja, das haben wir geschrieben, sagt der Wohnungsfuzzi, aber da kommen dann noch mal 70 Euro Nebenkosten dazu. Also 920?, frage ich ungläubig. Ja, ja genau: 920.  Da bin raus, sage ich matt, wie ein Skatspieler, der weiß, dass er nicht genug Trümpfe auf der Hand hat, um zu gewinnen. Ich bin wütend, rase das dunkle Treppenhaus runter, raus auf die ruhige Straße, atme die kalte Januarluft ein, schnappe mir mein Fahrrad und bin weg. Ich kann nichts machen, ich bin in meinem Stolz gekränkt, fühle mich verrarscht. 10 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter für eine lieblos sanierte 2-Zimmer-Wohnung in einem 30er-Jahre Bau in der Einflugschneise des Tegler Flughafens – die spinnen doch! Ein paar Querstraßen weiter komme ich zur Ruhe, halte an, wäge ab. Natürlich will ich die Wohnung. Sie liegt nur ein paar Straßen von dem Haus, in der meine Jungs wohnen. Sie ist groß genug, dass sie auch mal ein paar Tage bei mir sein können. Sie ist gut geschnitten und hat einen großen Hof mit Sandkasten – und ich habe das Geld. Ich will es nur nicht diesen Idioten in den Rachen schmeißen, jeden Monat. Langsam wird mir klar: Ich habe mich verzockt. Ich habe einfach darauf vertraut, dass es für mich in Berlin immer eine billige, große Wohnung geben wird.  Eigentlich war das der Grund hier her zu kommen. Hat die letzten 20 Jahre auch geklappt. Aber jetzt ist Schluss. Jetzt können die ruhig schlafen, die sich ein Häuschen hingestellt oder eine Wohnung gekauft haben. Und ich bin wieder da, wo ich nie wieder hin wollte: Auf dem Mieterstrich. Es war meine erste Wohnungsbesichtigung. Ich mus mich an die Preise gewöhnen, muss mich anbiedern, freundlich sein, mich von der Sympathie anderer abhängig machen… Ich hasse es, schlucke meinen Stolz runter, fahre zurück, warte bis einer der gegelten Hippster, der mit mir auf Besichtigung war, aus der Tür kommt und gehe wieder rein. Ich will die Wohnung, sage ich dem dicken Verkäufer. Er grinst, ermutigt mich und wartet geduldig, bis ich den Bewerberbogen ausgefüllt habe. Ich hoffe inbrünstig, dass es bei diesem Preis nicht viele geben wird, die bei der Stange bleiben. Das nennt man wohl Dialektik. Zur Sicherheit habe ich auch die geforderten Unterlagen dabei: blütenreine Schufa-Auskunft, Mietschuldenfreiheitsbescheinigung, Gehaltszettel- der ganze finanzielle Striptease. Was machen eingentlich die, die mal daneben getreten haben, die sich was getraut haben, und jetzt eben kein regelmäßiges Gehalt haben? Wie kriegen die eine Wohnung?, frage ich mich kurz. Doch der Gedanke ist sofort wieder weggewischt, denn dort wo ich die Mappe mit den Referenzen einer soliden bürgerlichen Existenz rausholen will, greife ich nur einen Aktendeckel mit Unterlagen, mit denen ich mich am Abend noch hinsetzen wollte. Bewerbungsunterlagen? Weg, nischt, nada! Und ich merke, wie sich in mir Leere ausbreitet. Nicht nur , weil ich die Wohnung jetzt vergessen kann, sondern weil es einen blinden Fleck in meinem Leben gibt, den ich mir nicht erklären kann. Weil ich die Kontrolle verliere. Ich bin kein besonders ordentlicher Mensch, aber bei wichtigen Sachen weiß ich immer die ein, zwei Orte, wo sie sein könnten. Wenn sie da nicht sind, habe ich das Gefühl wie bei einem Flimriss, das Gefühl, dass es einen Zeitraum in meinem Leben gegeben hat, an den ich mich nicht mehr erinnere. Und das nimmt mir das Gefühl, dass ich mein Leben im Griff habe. Das ist das Schlimmste.

Macht nix, kumpelt mich der Wohnungsmakler an,  dann schicken sie mir die Sachen morgen per Mail. Ich torkle aus dem Haus und rette mich in mein Stammcafe. Und als die Chefin mich auffordert Platz zu nehmen, sage ich, dass ich erst mal stehen bleiben will. Sie ist freundlich, versucht mich aufzuheitern, schenkt mir ein Stück belgische Schokolade, aber ich bin woanders, versuche mich zu erinnern, wo ich diese Mappe zuletzt in den Händen hatte. Auf dem Kopierer, auf dem Schreibtisch?  Ich rufe im Büro an, meine Kollegin sucht, aber findet nichts. Ich entschuldige mich für die Mühe, und überlege, woher ich jetzt noch eine Schufa-Auskunft bekomme, woher noch eine Gehaltsbescheinigung? Es hilft alles nichts. Ich muss los, zum Kindergarten, meinen Kleinsten abholen. Der lacht. Im Umkleideraum tauschen wir die Mützen und lachen noch mehr. Zu Hause warten wir auf die anderen. Machen Abendbot. Wurst mit Pistazien. Pistazienwurst. Pi, Pi, Pi, Pistazien machen wir. Und dann sag ich P-Ordner. PPP-Ordner. Natürlich P-Ordner! Das ganze Bewerbungszeug ist im Büro in meinem Persönlichen Ordner abgespeichert. Das kann ich morgen als Mail rausschicken. Vielleicht hilfts noch. Ich lache und pruste: Papa hat einen P-Ordner. Und der Kleine sagt: Nochmal! Und ich sage Papa hat einen P-Ordner. Und er lacht und sagt: Nochmal!  Und ich sage Papa hat…….

Am nächsten Tag finde ich meine Unterlagen in der Tasche, die ich bei der Wohnungsbesichtigung dabei hatte. Sie hatten sich in den Aktendeckel geschoben.

Das Wunder vom Sparrplatz

strudelka

Es wird langsam kalt. Die Dämmerung bricht herein und ich stapfe missmutig durch den frisch gefallenen Schnee. Mein Sohn hat sich auch müde gelaufen und sich in den Kinderwagen geflüchtet. Warm und weich hat er es da in seinem Daunensack, aber auch er weiß nicht so recht was er hier draußen soll. Ich brauche ein Ziel, einen Kaffee, einen guten. Das ist mein einziger Orientierungspunkt. Aber wir finden keinen Platz in der Herberge. Ich habe schon meine gewohnte Strecke durch den gentrifizieren Teil des Wedding abgelaufen, in den ich mich manchmal flüchte. Aber alle Cafes sind zu.  Es ist der Tag nach den Heiligen drei Königen. Anscheinend sind all die schicken jungen Leute, die sonst hier ihren Latte schlürfen noch bei ihren Eltern in Westdeutschland. Oder zum Skifahren oder sonstwas Wunderbarem.  Nur ich laufe hier rum, allein mit Kind und Wagen und es wird immer dunkler. Ein wild gestikulierender Mann kommt uns entgegen. “ Ist doch alles total Scheiße hier.“ schreit er um sich, wissend, dass niemand seine Wut hört. „Alles total runtergekommen, hier. Du auch, du Arschloch“. Er schaut mich dabei nicht an, trampelt weiter, flucht irgend etwas anderes. Aber zum Beleidigen findet er keinen mehr. Die Straßen bleiben leer. Und mir reichts jetzt. Ich will jetzt was Warmes, Licht, ein freundliches Gesicht. Aber selbst das türkische Cafe „Schneeglöckchen“ an der Ecke holt gerade den Mülleimer rein. Bleibt nur der  neonkalte Späti, in dem sich zwei traurige Gestalten an einem Stehtisch festhalten. Nein, da will ich nicht rein. Da gehöre ich noch nicht dazu. Es muss etwas Anderes geben. In mir keimt eine winzige Hoffnung. In Gefahr und großer Not muss man gewohnte Wege verlassen und sein Glück wagen. Also drehe ich den Wagen um die Ecke in eine dunkle, noch nie gegangene Straße. Irgendwo da hinten, hinter dem leeren Platz ist ein Studentenwohnheim. Das muss es doch… Mein Sohn wirft gelangweilt seinen Handschuh in den Schnee. Und als ich mich bücke sehe ich im Augenwinkel große, warm leuchtende Schaufenster, Tische davor. Etwas in mir will an das Glück glauben. Mit dem letzten Fünkchen Hoffnung drehe ich auf die ferne Lichtinsel ein. Zweifel machen sich breit: Vielleicht  ist es doch bloß ein blöder Designshop, oder wenn es ein Cafe ist, ist wahrscheinlich ist die Tür schon zu – zu für dich! höhnt der Kafka in meinem Kopf. Zum Glück habe ich noch meinen Bauch. Und der macht die Tür auf und weiß, dass er zu Hause ist: Hohe Räume, eine festlich geschmückte Vitrine, kleine Tische, Pärchen beim gepflegten Schweigen. Ich pflücke meinen Sohn aus seinem Wagen und freue mich daruf, langsam aufzutauen, den Schnee auf dem Mantel schmelzen und abperlen zu lassen. Die Bedienung ist freundlich und adrett. Es gibt östereichischen Strudel, liebevoll mit Zucker überpudert und einen Milchkaffee ohne Schaum. Mein Sohn sitzt still auf meinem Knie, kriegt leuchtende Augen und wir teilen den Kuchen – eins für ihn, eins für mich. Und plötzlich laufen mir die Tränen. Ich schau das blonde Knäblein an und kanns gar nicht glauben, dass der strahlende Kleine mit den roten Winterbacken meiner ist. Dass ich hier mit ihm sitzen darf, und diese Stunde mit ihm verbringen kann. Dass ich so viel Glück habe. Wir bestellen noch einen Kuchen und ich könnte ewig hier sitzen bleiben.

Als wir raus kommen, hat es weiter geschneit. Der Kinderwagen ist eingepudert wie der Strudel. Mein Kleiner läuft ein Stück an meiner Hand. Stapft ungläubig im Schnee – heute ist der erste Tag in seinem Leben, an dem er im Schnee laufen kann. Die Straße ist immer noch leer und still aber das Licht der Gaslaternen leuchtet warm auf uns. Es würde mich nicht wundern, wenn auf einmal der Weihnachtsmann auf seinem Schlitten angeschwebt käme und und neben uns landete, die Leute freundlich lachend aus den Häusern kämen und sich umarmten. Weil heute so ein wunderbarer Tag ist – mitten in Berlin.

 

 

Reich beschenkt

china

Ich hab heute so viel bekommen und weiß gar nicht, womit ich das verdient hab. Ist ja noch gar nicht Weihnachten. Und brav war ich auch nicht.

Fing damit an, dass mir heute morgen zwei Stunden im Bett geschenkt wurden, weil mein Telefon mir sagte, dass der Flug, der meine Tochter aus Peking zurück bringen sollte, eine dicke Verspätung hatte. Und als ich dann am Flughafen war und als die Aeroflot-Maschine weitere zwei Stunden ihre Runden über Berlin drehte, und als ihre Mutter und ich langsam Sorgen kriegten, weil ja gestern alle verrückt geworden sind und ein Türke den russischen Botschafter erschossen hatte, da war es das größte Geschenk, mein strahlendes Töchterchen doch noch in die Arme schließen zu können. Und fast noch schöner war, dass sie jedem  ein Geschenk aus Peking  mitgebracht. Ein Geschenk, ein ganz chinesisches, mit rotem Seidenpapier und Schriftzeichen drauf. Meine Tochter, von ihrem Geld – für uns! Bisher gabs immer nur große Augen und die aufgehaltene Hand. Heute einen handfesten Beweis, dass sie einen kleinen Moment, vielleicht im letzten Moment vor dem Abflug im Flughafen-Duty-Free, daran gedacht hat, wie sie uns eine Freude machen könnte. Ach, haben wir doch nicht alles falsch gemacht. Und der Geist der Weihnacht wehte uns an. Und als wollte die Stadt Berlin das Familienglück perfekt machen, lag heute auch mein neuer Reisepass auf dem Bürgeramt, als ich auf dem Weg nach Hause auf gut Glück dort vorbei schaute. Auf dass ich auch bald nach China fliegen darf, das Töchterchen zu besuchen. Hat nur zwei Monate gedauert. Da kann man nicht meckern.

Aber das mit dem Glück ist ja eine seltsame Sache. Hat man viel davon, will man noch mehr, will ausprobieren, wie weit die Glückssträhne reicht. Und leicht gerät man dabei in Gefahr, die Gunst der Götter zu verspielen, zu viel zu wagen und sich in die tiefste Verzweiflung zu stürzen. Das hätte ich wissen müssen, als ich das Geschäft für Anglerbedarf betrat, das plötzlich ganz unvermutet an meinem Weg zur U-Bahn lag. „Fishermans Friend“ stand über der Tür und schon dieser anbiederende, vertrauensheischende Name hätte mich mißtrauisch machen müssen. Doch ich war beschwingt vom fröhlichen Tag, sorglos und genau in der richtigen Stimmung, das größte Problem meines bisherigen Lebens zu lösen: Eine Jacke zu finden, in der ich mich wohlfühle. Nun, um zu erklären, warum ich mich damit so schwer tue und warum ich dieses Kleidungsstück ausgerechnet in einem Fischerladen suchte, müsste ich weit ausholen, müsste Bilder heraufbeschwören von fröstelnden Kindern im Regen in einer Neubausiedlung der 60er Jahre, von Kindern die trugen, was alle Kinder damals trugen: Annoraks. Und diese Kinder froren, wenn sie den ganzen tag draußen spielten, denn diese dämlichen Nylonjacken waren alles, nur nicht warm und wasserdicht. Deshalb war es, seit ich meine Kleidung selbst kaufen durfte, immer mein Ziel, eine in allen Jaheszeiten tragbare, wasserdichte Jacke zu besitzen. Kindertraumata sitzen tief. Ich hab alles ausprobiert: Ostfriesennerze (gehen nur bei Anti-Atomkraft-Demos) Seemannsjacken aus dicker Wolle (saugen sich voll und werden bleischwer), englische Lederjacken (total cool, aber halten nur englischen Regen aus), Bundeswehrparkas (grün und blau trägt jede Sau), Lodenjanker (politisch nicht korrekt) Wachstuchjacken (siehe Lederjacken, englische; reichten für eine schöne Lungenentzündung) und amerikanische Arbeiterjacken (man wird nass von innen und außen). Am liebsten hatte ich eine graue tibetische Filzjacke, die mir ein Freund aus Indien mitbrachte. Aber da war meine Müsli-Zeit schon vorbei und ich wollte mich nicht zum Gespött der Leute machen.  Neidisch schaute ich auf meine Freunde, die die Jackenfrage völlig undogmatisch angingen, sich im Sommer eine leichte Baumwolljacke anzogen und sich einen Teufel darum scherten, ob sie vielleicht mal von einem Schauer überrascht würden. Da würde ich nie hinkommen. Ich brauchte eine andere Lösung. Mein Schwager war es, der mich auf einen schwedischen Wunderstoff aufmerksam machte, teils Baumwolle, teils Polyester, der leicht und wasserabweisend sein sollte. Manchmal würde man Army-Shops Jacken der schwedischen Armee finden, die aus diesem Material wären.

Und genau das versprach mir der Angler-Laden heute. Ausgemusterte Armeekleidung. Und weil heute mein Glückstag war, gab es tatsächlich schwedische Jacken dort. Nicht in verwaschenem olivgrün, sondern fabrikneu in einem wunderbaren satten waldwiesengrün. Schlank geschnitten, nicht ganz meine Größe, aber wenn ich die Knöpfe etwas nach innen versetzte und keinen Pullover drunterzog… Meine Sommer-Jacke! Ich war wie berauscht. Die Jacke hatte mich gefunden! Natürlich gab in dem Angler-Laden keinen Spiegel. Und deshalb konnte ich es kaum erwarten, den Treffer zu Hause anzuprobieren. Ich drehte mich vor dem Spiegel und wusste sofort, dass ich mein Glück mich blind gemacht hatte: Ich hatte übersehen, dass die Schweden auf die Rückseite zwei riesige Taschen aufgesetzt hatten. Für Munition, für Proviant, für erlegte Hasen – was weiß ich. Das sah aus wie Schwalbenschwänze – vorbei mit dem Glück, vorbei mit der Freude auf den Sommer.

Ich war traurig, verfluchte meinen unbedachten Kauf – dann machte kurz Klick im Kopf, und die Freude war wieder da: Das ist die ideale Traveller-Jacke! Das wird meine Reise-Jacke für China! Da schert sich keiner um seltsame Europäer. Und meine Tochter ist meine komischen Outfits schon gewohnt. In eine der Taschen tue ich eine DVD von „Toni Erdmann“. Die gucken wir uns dann zusammen an, damit sie weiß, was sie an ihrem skurilen Alten hat.

 

Lost in translation

„Ey, was machst du da?“, schreie ich und reiße meinen Kopf nach links. Der Typ hinter mir zuckt zusammen und zieht sein elektrisches Schergerät mit einem Ruck nach oben, aber es ist zu spät. Über dem rechten Ohr hat der Idiot eine Schneise in meine zerzausten „ich wollt schon vor drei Wochen zum Friseur gehen“-Haare gefräst. Ich kann die Kopfhaut sehen. „Das sind doch keine neun Millimeter!“, belle ich mein Spiegelbild an und sehe, wie der Aushilfs-Figaro hinter mir hilfesuchend zu seinem bärtigen Chef mit der Basecap schaut. „Oh ‚tschuldige, tut mir echt leid,“ sagt der unberührt, „ich hab null Millimeter verstanden,“ schnappt sich das noch surrende Gerät, schiebt seinen Landsmann zur Seite und versucht zu retten was zu retten ist.

Aufmerksame Leser meines Blogs, wissen, dass ich, was meine Haare angeht, experimentierfreudig bin. Nicht was die Form betrifft, sondern wie die immer gleiche Aufgabe „Neun Millimeter mit der Maschine“ von den Haarkünstlern verschiedener Herkunft in meinem Viertel gemeistert wird. Man könnte sagen, ich mache eine Reise um die Welt – nicht in meinem Kopf, sondern obendrauf. Gewöhnlich stehe ich eine Weile vor dem Schaufenster und schaue mir an, wie die Kunden behandelt werden, ob sie glücklich ausschauen, an welche Schnitte sich der Maestro heranwagt. Erst dann traue ich mich einzutreten. Doch heute musste es schnell gehen. Es ist schon halb acht abends, morgen kommt meine Schwester, ich gehe mir eine Wohnung anschauen und übermorgen ist Kindergeburtstag. Alles Anlässe, an denen ein gepflegtes Äußeres gefragt ist. Hektik ist immer gefährlich. Und so lande ich bei Haircut 2000, dem letzten Laden, der um die Zeit noch aufhat. Eine neonhelle Türkenbude, in der der ein paar Jungmänner sich an ihren schwarzen Bärten herumsäbeln und ungewünschte Haare mit grünem Wachs herausreißen lassen.

Es hätte mich skeptisch machen müssen, dass mein Friseur mich nicht mit Worten auf den Stuhl bat, sondern mit Gesten. Als er mir die Halskrause umlegte hörte ich, dass er viele Fragen an seinen Chef hat. Tamam? Tamam! ging es hin und her. Jetzt ist es zu spät. Der Mann, der mich nach dem Massaker aus dem Spiegel anschaut ist blass, eckig, hart  und sehr grau. Ich versuche mich an das Gesicht gewöhnen, mit dem ich die nächsten Wochen herumlaufen muss. Verlegen lächelt der Ungeschickte mich an. „Creme?“, fragt er und weil ich nicht weiß, was er will, und weil jetzt schon alles egal ist, nicke ich ergeben. Er beginnt, meine Wangen und meinen Nacken mit Nivea-Creme zu massieren. Und als er damit fertig ist, nimmt er meinen Unterarm und walkt ihn mit seinen klobigen, festen Händen. Er  arbeitet sich weiter über die Schultern und landet mit seinen beiden Unterarmen auf meinem Rücken. Jetzt weiß ich was das wird. Das ist die kochenbrechende Art von Massagen, die man als Mann in türkischen Bädern bekommt. „Er möchte sich bei Ihnen entschuldigen“, übersetzt mir der Chef die Körpersprache. Die Entschuldigung nehme ich an. Diese harten, männlichen Freundlichkeitsbeweise sind genau das, was ich nach meinem hysterischen Kindergeburtstagsvorbereitungstag gebraucht habe. Aber in Worte fassen konnte ich dieses Bedürfnis nicht. Was die Wünsche meines Körpers angeht, bin ich genau so sprachlos, wie mein türkischer Masseur, der neu in Deutschland ist.

Jetzt  kann ich wieder lächeln und schau noch mal in den Spiegel: Sieht doch gar nicht so schlecht aus, so kurz. So ein bisschen gewagter, nicht so bieder – und als ich mir die Brille aufsetzte sehe ich ganz klar: Ein gereifter, distinguierter Großstadt-Intellektueller. „Geht aufs Haus“, sagt der Chef, als er mich zur Tür begleitet.

Ein Mann namens Uwe

fremde

Es gab nur einen, wirklich nur einen Moment, an dem ich wirklich froh war, Uwe zu sehen.  Das war, als eine kleine Gruppe von Halbwüchsigen auf unseren Hof kam und anfing an den Fahrrädern rum zu machen. Frech grinsten sie mich an, als ich hinging und sagte, sie sollen das lassen. Und als sie weitermachten, und als sie nicht reagierten wurde ich wütend und brüllte sie an, sie sollten verschwinden. Ich wusste dass es keinen Wert hatte. Aber ich wusste mir nicht zu helfen. Und als das Grinsen immer breiter wurde, als dann einer von den Nassforschen seinen Hosenschlitz öffnete und ankündigte, er werde jetzt gegen mein Bein pissen, als ich gar nichts mehr zu sagen wusste und nur noch wie ein wütender alter Mann da stand, da kam Uwe um die Ecke. Ausgerechnet Uwe. Uwe ist bullig, kahlköpfig und kann sehr grimmig gucken. Er brauchte nur zwei Schritte hin zu den Pissern zu machen, und schon waren sie verschwunden. So was kann er. Beim Leute erschrecken ist er richtig gut. Aber ansonsten ist Uwe der Pickel am Arsch unserer Nachbarschaft. Wenn ich mir einen Wutbürger vorstellen will, denke ich an Uwe. Wenn ich ihn im Treppenhaus treffe, hat er immer etwas, worüber er sich aufregt. Dass die Hausverwaltung wieder nix tut, dass der Hausmeister für nichts zu gebrauchen ist und dass auf dem neuen Spielplatz so viele Türken wären, dass er mit seinem Sohn da nicht mehr hin gehen würde. „Die da“ nennt er die Menschen, die nicht so aussehen wie er und schaut dabei vielsagend. Er sagt nicht Türken oder Araber, er sagt „Die da“ und schwenkt sein Kinn einmal von links nach rechts. Uwe kennt „Die da“ hauptsächlich aus dem Knast, denn Uwe ist Schließer in der JVA-Tegel. Da lernt man sicher nicht die nettesten Menschen kennen. Da kann man auch mal Angst bekommen, wenn einer sagt: „Ey, wenn ich rauskomm, weiß ich wo du wohnst.“ Aber Uwe hat sowieso Angst, vor allem Angst, dass etwas Unvorhergesehenes passiert. Seine Wohnungstür hat er mit zwei dicken Balkenriegeln verstärkt. Und wenn ich mal klingel, weil ich zum Beispiel seinen kleinen Finn zum Kindergeburtstag einladen will (was nur einmal geklappt hat), dann klackt es zwei Mal und ganz langsam geht die Tür auf – und wenn  er dann aus dem Türschlitz linst, denke ich immer, dass er auch noch eine Knarre im Anschlag hat.

Bei manchen Sachen ist Uwe sehr empfindlich. Als der Hausmeister, nachdem der Aufzug mal wieder stecken geblieben war, an der Tür ein Schild „Maximale Traglast 300 Kilo“ angebracht hat, da hat Uwe das persönlich genommen. Weil er fett ist, genau wie seine Frau – und zusammen mit dem Jungen… Könnte schon ungefähr hinkommen. Auf jeden Fall haben sie sich im Hausflur angebrüllt, und nicht nur einmal. Jetzt laufen Beleidigungsklagen vor Gericht. Neulich hat der Aufzug endgültig den Geist aufgegeben. Jetzt muss Uwe die Treppen hochschnaufen, bis in den fünften Stock. Und wehe, es kommt ihm einer entgegen.

Dass ich Uwe aus dem Weg gehe wo ich kann, brauche ich wohl nicht extra zu sagen. Aber neulich, abends um halb neun, da komm ich aus der Haustür und bleib noch mal kurz stehen, um eine Nachricht zu tippen. Ohne es zu merken, lehne ich mich gegen die Metallplatte mit den Klingelschildern und läute damit Alarm – minutenlang,  ausgerechnet bei Uwe! Als erstes fliegt ein Fenster im fünften Stock auf und Uwes Frau kreischt:“Seid ihr jetzt völlig plem plem?“ Ich rufe noch „Tschuldigung, falsche Klingel.“, da geht im Treppenhaus das Licht an und da steht er auch schon vor mir: Uwe! In Schlafanzugshosen, die Arme breit, den Kopf gesenkt- wie ein wilder Stier! Er sieht mich an, und statt mir eins auf die Nase zu hauen stammelt er: „Du? Du bist das?“ – dreht sich langsam um und trottet wieder nach oben. Von der halben Treppe höre ich ihn noch jammern: „Du, ich find das echt Scheiße von dir!“

Am anderen Tag hab ich eine Flasche Rotwein gekauft und eine Karte, auf der ich mich entschuldigt habe. Ich habe die Flasche vor die Wohnungstür gestellt. An der Tür hing eine Kette aus kindlich bunte Holzbuchstaben, die mich  „Herzlich Willkommen“ hießen. Zu läuten habe ich mich trotzdem nicht getraut.