True Colors (Kleine Fluchten II)

Bunt

Einfach mal weg. Wieder unter Leute. Nicht am Sandkastenrand sitzen und nicht mit abgehobenen Wohnungsvermietern telefonieren (Nein, der Fußboden gehört nicht zur Ausstattung, den müssen Sie selber legen.). Raus aus Berlin. Ein bisschen Leichtigkeit. Weiter Himmel… Und schon stolpere ich über ein Angebot für die Documenta in Kassel. War ich noch nie. Will ich mal hin. 179 Euro für eine Übernachtung mit Tagesticket. Wunderbar. Erst als ich die Fahrkarten dazu buche wird mir klar, dass ich gerade dabei bin, 300 Euro für einen Tag in Kassel zu verballern. Und weil ich, neben vielen anderen,  auch unter akuten Verarmungsängsten leide, seit ich Unterhalt zahle und mir die Mietpreise anschaue, schelte ich mich einen Narren und schlafe schlecht. Aber am anderen Tag bin ich froh, die Mutter meiner Söhne beherzt vor vollendete Tatsachen zu stellen und einfach in den Zug zu springen. Dabei den aktuellen Spiegel, eine Streuselschnecke und die vage Aussicht auf ein bisschend Dösen im Großraumwagen. Hat bisher noch immer geklappt.

Kassel empfängt mich mit grauem Himmel. Als ich den griechischen Tempel sehe, der aus verbotenen Büchern gebaut wird, als ich die Leute sehe, die zwischen den Säulen herumstromern, fühle ich mich ein bisschen an die fröhliche Stimmung erinnert, die bei der Reichstagsverhüllung von Christo 1995 in Berlin herrschte. Das Gefühl beim Entstehen von etwas Großem und Wichtigem dabei zu sein. Und als ich sehe, dass einer auch ein Mickey-Maus-Heft an die Säulen geklebt hat, muss ich zum ersten Mal grinsen. Hier sind Leute mit Sinn für Ironie. Hier bin ich richtig.

Das Hotel ist totaler Luxus (… beruhigt die Nerven, singt Anette Humpe). Sauna im 13. Stock, weißer Bademantel. Auf der Freiterasse weht der Wind wie auf einem Ozeandampfer und die feuchten, fettgrünen Berge am Horizont dampfen gleich mit. Und je kleiner die Welt unter meinen weißen Frottelatschen wird, desto sicherer werde ich, dass ich mir das alles redlich verdient habe: hier und heute. Zum Abendessen kleide ich mich um. Im dezent abgedunkelten Restaurant sprechen ein paar Paare gedämpft in italieliensch und polnisch. Der Blick in die Karte verrät mir warum. Die Vorspeise kostet so viel, wie ich sonst für einen ganzen Abend ausgebe. Leise frage ich die Kellnerin, ob das in meinem Pauschalpaket drin ist, ob ich frei wählen kann? Sie huscht nach hinten und kommt nickend zurück. Ich weiß, dass das nicht stimmen kann, aber egal: wenn sie’s sagt. Was kostet die Welt? Ich gehe in die Vollen. Und ganz Weltbürger weise ich sie streng zurecht, als sie versucht mir Salat mit der geräucherten Forelle  gleichzeitig mit dem Teufelsbarsch an Wildreis zu servieren. Ihre Chefin kommt und entschuldigt sich. Obs noch was Süßes zum Abschluss sein darf? Großzuügig nehme ich die Entschädigung an. Ich lese gerade ein Buch über Politiker, die durch ihre Privilegien abheben. Geht ganz schnell, merke ich gerade als auch schon die sauertöpfische Oberkellnerin kommt und nach meiner Zimmernummer fragt. Da sei wohl etwas schief gelaufen. Bedauernd hebe ich die Augenbraue. Wir einigen uns darauf, dass ich wenigstens die Getränke selbst zahle. Innerlich verbuche ich das unter: Ich habe etwas geschenkt bekommen. Etwas, was ich mir selber nie gegönnt hätte. Das ist lange nicht passiert. Mein kleines Abenteuer beginnt mir zu gefallen. An Schlaf ist natürlich nicht zu denken. War der Wildreis zu wild, die Laken zu weiß, das Bett zu leer?  Auf jeden Fall finde ich mich morgens um 7 auf der Auslegeware wieder. Meine Methode, festen Boden unter die Füße zu kriegen, wenn der Kopf Kapriolen schlägt.

Die Kunst kann mich mal. Benommen fahre ich zum Tempel und reihe mich aus lauter Trägheit in eine geführte Gruppe ein. Der schmächtige Bursche, dem ich hinterher laufe weist sich schon durch seinen Shabby Chic (so würde das meine Tochter nennen) und die gewagten Farbkombinationen als Kunstfreund aus. Und was er alles zu erzählen weiß – über die Kunstwerke und die Griechen, die hier im Mittelpunkt stehen und die vielen Interpretationsmöglichkeiten. Ein belesener Mann. Er macht nur den Fehler, am Ende offene Fragen zu stellen. „Und was sehen Sie bei diesem Werk?“ Das hätte er nich machen sollen. Das löst bei mir den „Herr Lehrer, Herr Lehrer, ich weiß was-Reflex“ aus. Ich muss die Hände in die Tasche stecken, um nicht mit den Fingern zu schnippen. Meine Mitschüler müssen mich gehasst haben. Aber meine Lehrer auch. Am Anfang gebe ich ja immer noch Antworten, von denen ich weiß, dass sie ins Konzept passen. Aber irgendwann fange ich an, in einen kleinen Wettkampf einzusteigen: Wer weiß mehr? Als wir bei dem Panzer landen, der aus lauter Sitzkissen zusammengesetzt ist und der Führer fragt, welchen Bezug das zur Stadt Kassel hat, lasse ich lässig ein „Henschel-Werke- heute Krauss Maffei“ fallen. Das nimmt er noch auf . Aber als ich ihn darauf hinweise, dass die Tarnmuster der Kissen aus verschiedenen Nato-Armeen stammen, ernte ich einen leidenden Blick und ich merke, dass ich wieder überzogen habe. Aber immerhin bin ich jetzt wach! Und mein Interesse ist geweckt. Ich laufe herum, komme mit den Leuten ins Gespräch. Alle sind freundlich und zugänglich. Und wenn nicht über die Kunst, kann man übers Wetter reden, wenn man eine Viertelstunde im strömenden Regen vor der neuen Kunsthalle um Einlass wartet. Bin ich ein kluges Kerlchen, dass ich an den Regenschirm gedacht habe. Und herrlich, was es alles zu entdecken gibt. Videos, in denen Mönche singen, knallbunte Masken kanadischer Indianer und Griechen, Griechen, Griechen. Einer hat die Ornamente aus den orthodoxen Klöstern in einem Video gepackt, das er auf den Boden der Kunsthalle projeziert. Wunderschön. Und was machen die Besucher draus? Eine soziale Skulptur. Beuys, dessen Geist und dessen 6000 Eichen hier munter gedeihen, lässt grüßen. Die Teenies nehmen die Platz in Beschlag, lassen sich vom bunte Licht überfluten und machen, was sie immer machen: Selfies. Und nachdem sie auch ihre Eltern unter die Beamer gezerrt haben, fasse ich Mut. Heißt es nicht bei Beuys, dass jeder ein Künstler ist? Also einer Besucherin meine Kamera in die Hand gedrückt und runter unters Licht. Ich gefalle mir so bunt. Ich hätte da liegen bleiben können – und schlafen, schlafen, schlafen.

Angekommen (Kleine Fluchten I)

Gestern noch durch tiefe Schluchten geflitzt. Mich selbstvergessen in enge Kurven gelegt, bis der Himmel zwischen den Bäumen durchkam. Den Drehzalmesser gequält, bis die Welle brach. Über sonnige Wiesen geschwebt, lächelnd, als König auf auf meinem weißen Ross. Nur mir stand es zu, die Pracht dieses Landes zu genießen. Und dann eingeschneist in den Stau auf der Autobahn. Hindurch zwischen den hitzeglühenden Porsches und den polnischen Lastwagen. Dem Mutigen eine Gasse! Bevor die Polizei mich erwischt, bin ich auf der Landstraße.

Heute Morgen dann beim Hausarzt: Ja, es ist die linke Schulter, bis zum Hals hoch. Beim letzten Mal war das nach zehn Massagen immer noch nicht weg. Ja, und wenn sie mir dann noch neue Einlagen verschreiben könnten. Ja, wegen der Knie, die tun sonst schnell weh, wenn ich in den Motorradstiefeln laufe. Der Arzt hat mich lange waren lassen. Hoffentlich schaffe ich noch den Termin mit der jungen Frau, die mir immer so gut die Hörgeräte anpasst.

Ich sollte das lassen, das mit den kleinen Fluchten.

 

 

 

Flieg, roter Adler!

Männer im Gras

Es ist in meinem Alter nicht mehr so leicht, richtige Männer kennen zu lernen. Frauen über 50 denken ja, es sei ihr Schicksal, es sei ihnen vorbehalten, darüber zu klagen, dass es schwer wird mit den Männern. Aber hat schon jemand einen Mann jenseits der magischen Schwelle gefragt?

Da war ich neulich zu einem Grillabend bei einem Freund eingeladen. Ich wusste schon ungefähr wer mich dort erwarten würde: Lauter handfeste Kerle, die mitten im Leben stehen und mit denen ich zusammen ein paar Spiele der letzten Weltmeisterschaft geschaut hatte. Nicht, dass ich mich im entferntesten für Fußball interessiere, aber manchmal tut es einfach gut, sich einen Abend lang über nix anderes zu unterhalten als über Bratwurst, Viererkette und Abseitsfalle, und dabei eine tiefe Verbundenheit zu spüren – als Mann unter richtigen Männern. Also hatte ich mich auch für diesen Abend kurz noch schlau gemacht, wer derzeit in der Bundesliga unten steht und was Union gerade so macht. Komm ich also rein, riech die Bratwurst schon, höre derbe Witze auf jedermanns Kosten und suche vergeblich nach alkoholfreiem Bier. Gibt keins – ein richtiger Männerabend. Da fängt dieser riesge 2-Meter-Schlacks neben dem Grill an, von Faust zu sprechen. Und wie sehr ihn die Aufführung gestern überrascht hätte. Ich denke, halt mal – der kann doch unmöglich das sechs Stunden Castorf-Abschiedsspektakel meinen. Den ganzen Volksbühnen-Quatsch, über die ich mich neulich schon beim Spargelessen mit einem Kumpel unterhalten musste, der mir sonst zuverlässig die verschiedenen Zündkerzensorten seiner geliebten englischen Motorräder aufzählt. Was ist hier los?

Ich meine, natürlich interessiere ich mich für Theater, aber das Geschrei der Volksbühne war mir schon vor 10 Jahren zu laut und danach fing das Leben an, mit mir Theater zu spielen für das ich keine Eintrittskarte brauchte. Ich wäre also bereit gewesen, auf Stammtischniveau über die Verschwendung von Steuergeldern, die Beleidigung des Publikums und das Geplänkel um Castorf zu lästern, um mich der Runde anzubiedern und schnell wieder zu den wirklich entspannenden Themen zu kommen. Aber denkste. Die ganze Truppe war gemeinsam ins Theater gegangen und kollektiv begeistert. Einer, Frank mit dem Pferdeschwanz, war sogar Profi – und so glücklich in mir jemanden gefunden zu haben, dem er einen halbstündigen Monolog zur Lage der darstellenden Kunst in Berlin halten konnte, dass mir plötzlich einfiel, dass ich morgens ganz früh raus musste.

Und was bleibt einem Mann, wenn die ganze Stadt plötzlich von Kulturschwätzern wimmelt? Richtig: Das platte Land. Dort wo der freie rote Adler fliegt – Brandenburg. Am besten mit dem Motorrad. Und noch besser ist es, in einer geschlossenen Ortschaft hinter einem Wohnmobil herzuckeln zu müssen – bis mir der Kragen platzt und ich kurz am Gasgriff drehe. „Das waren 85 km/h.“, sagt der stämmige Mann mit der schussicheren Weste, der von meinem Maneuver so beindruckt war, dass er mich am Ortsausgang gleich zu sich winkte. Doch statt mir mit kernigen, amtlichen Sätzen meine Verfehlung vorzuhalten ist er die Freundlichkeit in Person. „Also ich habe schon für sie die 10%  der Tachotoleranz abgezogen, aber leider wird für sie ein Ordnungsgeld übrig bleiben.“ Dass ich meinen Fahrzeugschein nicht bei mir habe, verzeiht er mir auch sofort und beim Losfahren wünscht er mir viel Glück mit dem Wetter. Ich glaube, wenn er die dunklen Wolken, die sich am  Himmel über mir zusammen ziehen, für mich hätte wegschieben können, er hätte es getan. Was ist mit den Männern los, wenn sich noch nicht mal mehr ein märkischer Polizist traut, wie ein Mann zu reden?

Im Briefkasten zu Hause wartet ein Brief meines Vermieters. Endlich eine 100-prozentige Garantie für kurze, knappe unfreundliche Sätze. Gleich reiße ich den Umschlag auf.  „… freue ich mich, Ihnen mitteilen zu können, dass wir Ihnen den beantragten Kellerraum ab sofort zuweisen können. Mit freundlichen Grüßen …“

Ich geb’s auf. Vielleicht liegt’s ja an mir.

 

 

„Danke für meine Arbeitsstelle…“

„… danke für jeden neuen Tag, danke, ach Herr ich will dir danken, dass ich danken darf.“

Der Kirchentag war in Berlin und hat einen großen Bogen um mich gemacht. Demütig hatte ich ein Zimmer für volle vier Tage zur Verfügung gestellt, aber keiner der müden Pilger wollte es haben. Nördlich des S-Bahn-Rings scheint für den bundesdeutschen Christenmenschen das Reich des Bösen zu beginnen. Deshalb verirrten sich nur selten  verängsitgte Grüppchen mit orangen Halstüchern in meine Gegend. Was auch wieder schön war, denn so konnte ich mir mit meinem Kleinen ein ruhiges, sonniges Wochenende machen, während die Christenheit im Zentrum der Haupstadt frohlockte.

Aber auch Montag ist ein Tag des Herrn. Und als ich mich früh im Sonnenschein mit dem Rad auf den Weg zur Arbeit machte fiel auch ich ganz plötzlich ein in den Lobpreis des Herrn, dessen Klang aus hunderttausend Kehlen noch in der Luft hing. Doch nicht für meine Arbeitsstelle dankte ich ihm, sondern für den Weg dorthin. Der ist ein wahres Gottesgeschenk.

Jeden Morgen 20 Minuten durch lindenbeschattete Altbaustraßen hin zum frisch gemachten Zeppelinplatz (der jetzt schon wieder gesperrt ist, weil die Ratten die Renovierung überlebt haben). Über den Campus der Beuth-Hochschule und durch den Kaffeeduft der Mensa, vorbei an den Cafes des schicken Sprengel-Kiezes,  ran ans Wasser des Nordhafens, unter der B 96 durch rauf auf den alten DDR-Grenzpostenweg der mitten durch den Invalidenfriedhof führt (unbedingt lesen: „Halbschattten“ von Uwe Timm, der hier den Totentanz des deutschen Militarismus inszeniert). Mitten durch zwischen Wirtschaftsministerium und Hamburger Bahnhof, rüber zu den Backsteinbauten der Charité, die freundlich ein Türchen im gußeisernen Zaun für Radler offen hält. Durch das dichter werdene Gewusel in der Luisenstraße vorbei am abgesoffenen Erweiterungsbau des Bundestages, Schulterblick nach rechts zur Fahne auf dem Reichstag. Rüber über die Spree. Vorsicht am Hinterausgang der französischen Botschaft, die morgens die Überreste ihrer vorzüglichen Kantine nach Landessitte in stinkenden Plastiksäcken auf den Radweg stellt. Geduldig die immer rote Ampel an der Ecke zum Brandenburger Tor abwarten (zu viele gelangweilte Polizisten, zu viele aufgeregte Touristen) durch die Poller  der seit dem Irakkrieg vor der britischen Botschaft gesperrten Wilhelmstraße und am Plattenbau-Restaurant  „Peking-Ente“ (vormals Reichskanzlei) links ab in einen kleinen Winkel hinter dem Supermarkt. Freundlich grüßen die Bauarbeiter, die mir den ganzen Tag mit frischem Mut ihren Lärm um die Ohren hauen werden. Und ich danke dem Herren, dass es ihm gefallen hat, mir auch an diesem Morgen diesen kleinen belebenden Ausflug zu schenken. Womit hab ich das verdient?

Sack Reis

Acht Grad Plus und Wolken können mir die Laune ja nicht verderben. Sitze vor meinem selbstverwalteten Bio-Laden mit einem Kaffee, der hier ausdrücklich Espresso mit Milch heißt und nicht Latte Macchiato, weil man ja der Gentrifizierung keinen Vorschub leisten will, lese die  taz und versinke in Nostalgie: 30 Jahre Mai-Krawalle in Kreuzberg. Schaue mir träge die Demo-Routen fürs Wochenende an und entscheide mich für die Fahrrad-Demo des DGB, weil ich da mit meinem Liegerad wieder viele freundliche Blicke ernten werde. Und wenn ich will, kann ich auch noch  am Samstag zu „Organize- Selbstorganisiert gegen Rassismus und Ausbeutung“ im Wedding gehen. Wie schön, wenn sich der Kampf gegen die Langeweile und der Kampf für das Gute in der Welt so wunderbar verbinden lassen. Meine Fahrradtasche ist vollgestopft mit besten Bio-Sachen. Weiter zu Türken-Markt schaffe ich es heute nicht mehr. Genug Frischluft, zurück nach Hause. In routinierter Virtuosität balanciere ich mein Fahrrad mit der seitenlastigen Tasche durch die schwere Gründerzeit-Holztür und bleibe stehn: Quer vor mir steht ein leerer Supermarkt- Einkaufswagen von EDEKA Fromm. Normlerweise stehen die immer draußen auf dem Gehweg, gefüllt mit irgenwelchem Unsäglichen gammeln sie dann ein paar Wochen vor sich hin, bevor sie dann so plötzlich verschwinden wie sie aufgetaucht sind. Ich weiß nicht wer sie herschiebt, ich weiß nicht wer sie abholt. Ich hab wechselweise die Alkis von der Trinker-Bude, die Türken-Kids aus der Schischa-Bar oder die Kiffer vom Kinderspielplatz im Verdacht -ist mir aber eigentlich auch immer egal gewesen. Aber jetzt fühle ich, dass es Zeit ist, die Sache in die Hand zu nehmen. Bürgersinn regt sich in mir. Das Ding muss raus, bevor die halbe Hausgemeinschaft ihren Sperrmüll da rein wirft. Draußen auf der Straße ist das mit dem Müll  ja ok, das schreckt die Schnösel ab, die die Mieten hier hochtreiben wollen. Aber hier, in meinem Hausflur – da ist die Grenze klar überschritten.

Ich wuchte mein Rad auf den wackligen Ständer, schnappe mir das Elendsgestell, und stehe schon halb damit in der Tür, als zwei erschreckte junge Frauen, na eher noch Mädchen, die Treppe runter kommen. Entschuldigung, Entschuldigung, wir hatten den Wagen nur mitgenommen, weil es uns zu schwer war, die Sachen vom Supermarkt heim zu tragen, jammern sie. Und ich weiß nicht, was mich mehr ärgert: Dass ich jetzt als Blockwart die Erstsemester-Mädchen zurecht weise, die, gerade dem behüteten Elternhaus entflohen, gleich beim ersten Mal erwischt werden, an dem sie versuchten ein bischen den Berliner Lebensstil anzunehmen. Oder ärgere ich mich , dass meine Feindbilder durcheinander geraten. Bevor ich mir klar werden kann, gibt’s ein dumpfes, klirrendes Geräusch und mein Fahrrad liegt auf der Seite wie ein sterbendes Pferd. Der Apfelsaft, denke ich, der ökologisch korrekt in einer Pfandflasche gekaufte Apfelsaft – und vielleicht auch noch die Eier. An die Tomaten will ich gar nicht erst denken. Ich stelle mir die Matsche vor, die sich jetzt in meiner Tasche breit macht. „Große Leiden machen alle kleineren gänzlich unfühlbar… und umgekehrt, bei Abwesenheit großer Leiden verstimmen uns selbst die kleinsten Unannehmlichkeiten.“ Das ist aus dem Buch „Die Schopenhauer-Kur“ von Irvin Yalom, das ich gerade lese. Ein Trost in allen Lebenslagen.

Oben angekommen schütte ich meine Einkäufe in die Dusche, rette was zu retten ist und ändere meine Pläne für’s Abendessen: Es gibt Rührei.

Fassade

2017_16-17_1_eins

Es war die Verzweiflung, die sie auf die Straße trieb. In der Wohnung hatten die Geschwister einsilbig zusammen gesessen wie bei einem Leichenschmaus. Schweigend liefen sie auch durch die  Sturzregen und die Graupelschauer des Berliner Frühlings. Gefühle wollte keiner zeigen. Der Osterbesuch war die Idee der Schwester gewesen, die ihre beiden Brüder wieder zusammen bringen wollte, die wollte, dass sich der Ältere sich mal seine Neffen anschaut, die bald schon in die Schule kommen . Alle taten so, als sei die Familie des Jüngeren in Ordnung, die Kinder ein Segen. Keiner erwähnte die Trennung, auch die Mutter der Kinder nicht, die das Spiel mitmachte. Dabei sahen sie sich sonst nur, wenn die Kinder mal wieder den Duschvorhang herunter gerissen hatten.

Ein weiterer Beitrag zu den abc-Etüden von Christiane. Das Format hat was, vor allem den Reiz, wieder regelmäßiger zu schreiben.

 

Zäh wie Leder…

picture_1449

Schön, wenn zum eintönigen Arbeitsalltag auch mal ein Auftrag gehört, der einen mitten ins Ruhrgebiet bringt. Nach Essen zu ThyssenKrupp. Krupp! Unglaubliche Bilderwelten tun sich da auf. Adolf Menzels Bild vom Stahlwerk aus meinem Geschichtsbuch, Sozialistischer Realismus: „Golden fließt der Stahl“, „Die Aura der Schmelzer“, „Wie der Stahl gehärtet wurde“- und natürlich Kanonen, „Dicke Berta“ und so. Mein Gott, was habe ich mir in meiner Industrie-Nostalgie alles in den Kopf gezogen. Und ja, das alles gibt es noch in Essen: Da rackern sie noch mit der feurigen Ursuppe des Kapitalismus, da sprühen die Funken, da schafft der menschliche Wille neue Werke: In Bronze gegossen stehen die Arbeiter da. Als Relief gegenüber der Straßenbahnhaltestelle „ThyssenKrupp“.  Und danach kommt erst mal nix als grüne Wiese. Da wo früher aus Koks, Erz und Männerschweiß der Stahl entstand steht jetzt auf freier Fläche ein nagelneuer Bürokomplex in den gebügelte Büromenschen emsig ein und aus gehen. Ich hinterdrein.

Und dann geht es den ganzen Tag um nix anderes als um das bisschen Stahl, das in Deutschland noch produziert wird- nicht in Essen sondern in Duisburg (ja, ja, Horst Schimanski, der war auch so ein Kumpel und Männerideal)  und wie man den Rest rettet vor den Indern und Chinesen. Und natürlich um die Stahlarbeiter. Die paar Tausend, die es noch gibt, müssen mal wieder Angst haben, dass sie noch weniger werden, müssen mal wieder die Autobahnen besetzen, wie damals in Rheinhausen. Alles keine schönen Aussichten.

Betrübt fahre ich zu meinem Hotel am Bahnhof. Herbert Grönemeyer singt in meinem Bauch „Komms du vonner Schicht, gibt wat besseres nich als Currywurst“ . Ja, könnt ich jetzt eine gebrauchen. Bei Thyssen gab es vegetarische Wraps. Aber auch die Arbeiterwurst hat die Krise wohl nicht  überlebt. Hier haben die Türken übernommen. Ich sehe nur noch Döner-Buden. Zurück zu den Schnöseln an der Hotel-Bar will ich aber auch nicht. Ich finde einen Spätverkauf, der ein paar Tische in die Fußgängerzone gestellt hat, fische mir ein Bier aus dem Kühlregal und beschließe so den Tag zu beschließen. Allein: Die Flasche hat einen Kronkorken (ThyssenKrupp Verpackungsstahl, Werk Andernach) und ich weiß nicht, wie ich ihn aufkriegen soll. Den weltfernen Studenten, der hier die Kasse bedient, brauche ich erst gar nicht nach einem Öffner zu fragen. Die üblichen Männer-Utensilien, mit dem man alles hinkriegt (Feuerzeug, Schweizermesser, 17er Schlüssel) habe ich gegen ein Telefon getauscht, das alles kann -nur das nicht. Aber der Kumpel neben mir, der mit den verfilzten Haaren, dem metallisch stinkenden Trainingsanzug, der fünf leere Bierdosen auf den Thresen legt, der wird mir doch weiter helfen können. Auf meine Frage nimmt er wortlos meine Flasche, haut seine Zähne in den Kronkorken und biegt Zacke um Zacke nach oben. Als er zwischendrin abrutscht setzt er nochmal an. Er wills mir beweisen und er kriegt es auch hin. Stolz reicht er mir mein Bier. Wir gehen gemeinsam auf die Straße. Er winkt zufrieden grunzend zum Abschied. Ich wische mit der Hand seinen Sabber vom Flaschenhals  und nehme einen satten Schluck.

Die verstehen was vom Stahl, hier in Essen.