Music was my first love

Nun, das ist gelogen. Meine erste Liebe hieß Patricia und ging mit mir in die Grundschule. Ich brachte sie immer zum Bahnhof, auch wenn die Anderen sich das Maul zerissen. Das mit der Musik kam später- nach den Rübezahl-Platten meines Großvaters. Als ich 10 oder 11 war ergatterte ich das alte Röhrenradio meiner Großeltern und hörte  in meinem Zimmer Südwestfunk: „Vom Telefon zum Mikrofon“. Eine Wunschsendung, in der verlässlich jede Woche der Montanara Chor (Hörst du das Lied der Berge…?) und der Gefangenen-Chor aus Aida erbeten wurde. Auch Fred Bertelmann, der singende Vagabund, war ein Dauerbrenner. Meine Mutter mochte den – sehr. Manchmal schaltete ich auf Mittelwelle, tunte das „Magische Auge“, eine grün leuchtende Röhre, die die beste Sendestärke anzeigte und hörte Radio Moskau auf Deutsch, um mich zu gruseln. Popmusik gab es erst später, nach 10 Uhr. Das Radio brummte, die Röhren leuchteten und der Sprecher, er hieß Frank oder so ähnlich, führte mich  mit sonorer Stimme ein in die geheimnisvolle Welt der Beatles.  Von da an war klar: Popmusik kommt nicht von dieser Welt, wird nicht von Menschen und Instrumenten gemacht, sondern schwebt im Äther. Es ist etwas, was immer schon da war, so wie die Beatles und das ab abends um 10 von Frank zelebriert wird. Die Texte der Songs waren geheime Botschaften, weil ich kein Englisch verstand. Das wurde Hauptschülern damals noch nicht beigebracht. So war die Musik in Franks Sendungen für mich das, was früher die lateinischen Messen dem Katholiken waren: Ein Mysterium, in das ich alles hinein phantasieren konnte, was ich wollte. Zu Weihnachten wünschte ich mir einen Casettenrekorder. Damit konnte ich Stücke der abendlichen Messen mitschneiden und verehren wie Reliquien. Die orangen BASF-Casetten leierten. Das verstärkte den meditativen Sound von „Strawberry Fields“ enorm. Irgendwann erbten wir die Musiktruhe meines Opas. Da war ein Schallplattenspieler drin. Und das Geld reichte genau für zwei LP’s: Das rote und das blaue Album der Beatles. Mehr brauchte ich ja auch nicht. Das war ein geschlossenes Universum außerhalb dessen es keine Musik und keine Welt gab.

Irgendwann erzählte Frank etwas von San Francisco, Blumenkindern und dem Sommer der Liebe. Und mit Scott McKenzie rauschte ich nahtlos von Liverpool an die Westküste, wo es für mich nur Hippies und glückliche Menschen gab. Natürlich ahnte ich, dass ich zu spät war. Es gab die Bravo und „Disco“ mit Ilia Richter. Da lief anderes, Slade und Sweet – Glamrock mit Plateausohlen. Wer in unserer Klasse cool sein wollte hörte Genesis oder Pink Floyd. Aber ich malte mir unverdrossen „Love“ und „Peace“ auf meine erste Jeans und ließ mir die Locken wachsen, pilgerte zu „Jesus Christ Superstar“, sah mir „Hair“ im Kino an und tanzte mit dem Ober-Hippie auf dem Tisch. Als er am Ende in Vietnam starb, hab ich geheult.

40 Jahre später ist der Himmel leer. Meine Casetten habe ich weggeworfen, die Mini-Discs auch und den Karton mit CDs die mir im Laufe der Zeit über den Weg liefen, habe ich in den Keller geräumt.

Aber die magischen Abende gibt es wieder. Mein Frank heißt jetzt YouTube. Es zeigt mir die Musik, die es damals öffentlich-rechtlich nicht geben durfte und die Platten, nach denen ich nie gesucht habe. Ich nehme abends um 10 den Laptop auf den Schoß, setze die Kopfhörer auf, und los gehts. Meist fange mit einem Lied an, das ich von irgendwoher kenne, oder das mir ein Blogger empfohlen hat und lass mich dann weiter treiben. Schön sind diese Entdeckungsreisen. Viel Soul, alte Briten wie The Who, Weltmusik wie Transglobal Underground oder Jazz von Chet Baker. Für einen Abend kann ich nicht genug davon kriegen, und dann ist’s vorbei. Nur als David Bowie gestorben ist, hab ich mir zwei Wochen nichts anderes angeschaut. Von ihm kannte ich bisher nichts als „Heroes“. Das war wieder ein Eintauchen in einen kleinen Kosmos. Aber anders als früher sehe ich die Menschen, die die Musik machen. Das ist das gute an den Videos. Ich sehe die Entwicklungen, die Gesichter und auch das Tragische. Und es ist mir, als hätte ich sie immer schon gekannt, auch damals schon, als ich neben dem Radio lag. „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“, sagt mein Therapeut.

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True Colors (Kleine Fluchten II)

Bunt

Einfach mal weg. Wieder unter Leute. Nicht am Sandkastenrand sitzen und nicht mit abgehobenen Wohnungsvermietern telefonieren (Nein, der Fußboden gehört nicht zur Ausstattung, den müssen Sie selber legen.). Raus aus Berlin. Ein bisschen Leichtigkeit. Weiter Himmel… Und schon stolpere ich über ein Angebot für die Documenta in Kassel. War ich noch nie. Will ich mal hin. 179 Euro für eine Übernachtung mit Tagesticket. Wunderbar. Erst als ich die Fahrkarten dazu buche wird mir klar, dass ich gerade dabei bin, 300 Euro für einen Tag in Kassel zu verballern. Und weil ich, neben vielen anderen,  auch unter akuten Verarmungsängsten leide, seit ich Unterhalt zahle und mir die Mietpreise anschaue, schelte ich mich einen Narren und schlafe schlecht. Aber am anderen Tag bin ich froh, die Mutter meiner Söhne beherzt vor vollendete Tatsachen zu stellen und einfach in den Zug zu springen. Dabei den aktuellen Spiegel, eine Streuselschnecke und die vage Aussicht auf ein bisschend Dösen im Großraumwagen. Hat bisher noch immer geklappt.

Kassel empfängt mich mit grauem Himmel. Als ich den griechischen Tempel sehe, der aus verbotenen Büchern gebaut wird, als ich die Leute sehe, die zwischen den Säulen herumstromern, fühle ich mich ein bisschen an die fröhliche Stimmung erinnert, die bei der Reichstagsverhüllung von Christo 1995 in Berlin herrschte. Das Gefühl beim Entstehen von etwas Großem und Wichtigem dabei zu sein. Und als ich sehe, dass einer auch ein Mickey-Maus-Heft an die Säulen geklebt hat, muss ich zum ersten Mal grinsen. Hier sind Leute mit Sinn für Ironie. Hier bin ich richtig.

Das Hotel ist totaler Luxus (… beruhigt die Nerven, singt Anette Humpe). Sauna im 13. Stock, weißer Bademantel. Auf der Freiterasse weht der Wind wie auf einem Ozeandampfer und die feuchten, fettgrünen Berge am Horizont dampfen gleich mit. Und je kleiner die Welt unter meinen weißen Frottelatschen wird, desto sicherer werde ich, dass ich mir das alles redlich verdient habe: hier und heute. Zum Abendessen kleide ich mich um. Im dezent abgedunkelten Restaurant sprechen ein paar Paare gedämpft in italienisch und polnisch. Der Blick in die Karte verrät mir warum. Die Vorspeise kostet so viel wie ich sonst für einen ganzen Abend ausgebe. Leise frage ich die Kellnerin, ob das in meinem Pauschalpaket drin ist, ob ich frei wählen kann? Sie huscht nach hinten und kommt nickend zurück. Ich weiß, dass das nicht stimmen kann, aber egal: wenn sie’s sagt. Was kostet die Welt? Ich gehe in die Vollen. Und ganz Weltbürger weise ich sie streng zurecht, als sie versucht mir Salat mit der geräucherten Forelle  gleichzeitig mit dem Teufelsbarsch an Wildreis zu servieren. Ihre Chefin kommt und entschuldigt sich. Obs noch was Süßes zum Abschluss sein darf? Großzuügig nehme ich die Entschädigung an. Ich lese gerade ein Buch über Politiker, die durch ihre Privilegien abheben. Geht ganz schnell, merke ich als auch schon die sauertöpfische Oberkellnerin kommt und nach meiner Zimmernummer fragt. Da sei wohl etwas schief gelaufen. Bedauernd hebe ich die Augenbraue. Wir einigen uns darauf, dass ich wenigstens die Getränke selbst zahle. Innerlich verbuche ich das unter: Ich habe etwas geschenkt bekommen. Etwas, was ich mir selber nie gegönnt hätte. Das ist lange nicht passiert. Mein kleines Abenteuer beginnt mir zu gefallen. An Schlaf ist natürlich nicht zu denken. War der Wildreis zu wild, die Laken zu weiß, das Bett zu leer?  Auf jeden Fall finde ich mich morgens um 7 auf der Auslegeware wieder. Meine Methode, festen Boden unter die Füße zu kriegen, wenn der Kopf Kapriolen schlägt.

Die Kunst kann mich mal. Benommen fahre ich zum Tempel und reihe mich aus lauter Trägheit in eine geführte Gruppe ein. Der schmächtige Bursche, dem ich hinterher laufe weist sich schon durch seinen Shabby Chic (so würde das meine Tochter nennen) und die gewagten Farbkombinationen als Kunstfreund aus. Und was er alles zu erzählen weiß – über die Kunstwerke und die Griechen, die hier im Mittelpunkt stehen und die vielen Interpretationsmöglichkeiten. Ein belesener Mann. Er macht nur den Fehler, am Ende offene Fragen zu stellen. „Und was sehen Sie bei diesem Werk?“ Das hätte er nich machen sollen. Das löst bei mir den „Herr Lehrer, Herr Lehrer, ich weiß was-Reflex“ aus. Ich muss die Hände in die Tasche stecken, um nicht mit den Fingern zu schnippen. Meine Mitschüler müssen mich gehasst haben. Aber meine Lehrer auch. Am Anfang gebe ich ja immer noch Antworten, von denen ich weiß, dass sie ins Konzept passen. Aber irgendwann fange ich an, in einen kleinen Wettkampf einzusteigen: Wer weiß mehr? Als wir bei dem Panzer landen, der aus lauter Sitzkissen zusammengesetzt ist und der Führer fragt, welchen Bezug das zur Stadt Kassel hat, lasse ich lässig ein „Henschel-Werke- heute Krauss Maffei“ fallen. Das nimmt er noch auf . Aber als ich ihn darauf hinweise, dass die Tarnmuster der Kissen aus verschiedenen Nato-Armeen stammen, ernte ich einen leidenden Blick und ich merke, dass ich wieder überzogen habe. Aber immerhin bin ich jetzt wach! Und mein Interesse ist geweckt. Ich laufe herum, komme mit den Leuten ins Gespräch. Alle sind freundlich und zugänglich. Und wenn nicht über die Kunst, kann man übers Wetter reden, wenn man eine Viertelstunde im strömenden Regen vor der neuen Kunsthalle um Einlass wartet. Bin ich ein kluges Kerlchen, dass ich an den Regenschirm gedacht habe. Und herrlich, was es alles zu entdecken gibt. Videos, in denen Mönche singen, knallbunte Masken kanadischer Indianer und Griechen, Griechen, Griechen. Einer hat die Ornamente aus den orthodoxen Klöstern in ein Video gepackt, das er auf den Boden der Kunsthalle projeziert. Wunderschön. Und was machen die Besucher draus? Eine soziale Skulptur. Beuys, dessen Geist und dessen 6000 Eichen hier munter gedeihen, lässt grüßen. Die Teenies nehmen den Platz in Beschlag, lassen sich vom bunte Licht überfluten und machen, was sie immer machen: Selfies. Und nachdem sie auch ihre Eltern unter die Beamer gezerrt haben, fasse ich Mut. Heißt es nicht bei Beuys, dass jeder ein Künstler ist? Also einer Besucherin meine Kamera in die Hand gedrückt und runter unters Licht. Ich gefalle mir so bunt. Ich hätte da liegen bleiben können – und schlafen, schlafen, schlafen.

Angekommen (Kleine Fluchten I)

Gestern noch durch tiefe Schluchten geflitzt. Mich selbstvergessen in enge Kurven gelegt, bis der Himmel zwischen den Bäumen durchkam. Den Drehzalmesser gequält, bis die Welle brach. Über sonnige Wiesen geschwebt, lächelnd, als König auf auf meinem weißen Ross. Nur mir stand es zu, die Pracht dieses Landes zu genießen. Und dann eingeschneist in den Stau auf der Autobahn. Hindurch zwischen den hitzeglühenden Porsches und den polnischen Lastwagen. Dem Mutigen eine Gasse! Bevor die Polizei mich erwischt, bin ich auf der Landstraße.

Heute Morgen dann beim Hausarzt: Ja, es ist die linke Schulter, bis zum Hals hoch. Beim letzten Mal war das nach zehn Massagen immer noch nicht weg. Ja, und wenn sie mir dann noch neue Einlagen verschreiben könnten. Ja, wegen der Knie, die tun sonst schnell weh, wenn ich in den Motorradstiefeln laufe. Der Arzt hat mich lange waren lassen. Hoffentlich schaffe ich noch den Termin mit der jungen Frau, die mir immer so gut die Hörgeräte anpasst.

Ich sollte das lassen, das mit den kleinen Fluchten.