Die Mutter des Weihnachtsmanns

Die blasse Postkarte zeigte ein Landschaftgemälde aus dem 18. Jahrhundert. Mit Bleistift war darauf geschrieben „Wir planen eine Einladung zu einem kleinen Abendessen, damit wir unseren neuen Nachbarn kennenlernen.“ Unterschrift unleserlich. Ach wie nett, dachte ich. Die Bestimmtheit, mit der der Anspruch, mich als neuen Mitbewohner kennen zu lernen hier formuliert wurde, ließ mich an eine ältere Dame denken, die noch weiß was sich gehört. Und tatsächlich hatte ich mich nicht im Haus vorgestellt, nachdem ich eingezogen war, was sich ja eigentlich gehört – oder mal gehört hat.

Aber doch nicht im Wedding. Die vierschrötige, wortkarge Berlinerin unter mir, die ich in ihrer Gartenbauerkluft für die Hausmeisterin hielt, die den graugrünen Leinsockel im Flur mit Blümchen und Katzenbildern verschönert, hatte mir gereicht. Als ich bei ihr klingelte, um Bescheid zu geben, dass ich am Sonntag mal ein paar Löcher bohren müsste, öffnete sie den Mund, wölbte ihre Zunge nach vorne, die mit  ein paar Leberwurstresten belegt war, überlegte kurz und grunzte: War ja ooch schon laut vergangenen Sonnabmnd. Eine Katze schlich zwischen ihren Beinen hervor, und ich fragte wie viele sie denn habe. Neune, sagte sie, aba varpfeifn se mich nich bei der Verwaltung. Türe zu.

Die steinalten Leutchen übern Flur wollten auch keinen Kontakt.  Als ich bei ihnen wegen eines Päckchens klingelte war die Tür gleich wieder zu.  Eine Treppe höher das Gleiche. Jetzt also die Karte.

Zwei Wochen später die nächste Nachricht. Eine Karte aus Kew-Gardens bei London. „Freitag 19 Uhr würde uns gut passen.“ Jetzt waren zwei Unterschriften darunter, von denen ich eine lesen konnte. Ich warf eine Karte (Landschaftsmalerei, 19. Jarhundert) in den Kasten und sagte für Freitag zu.  Ich muss sagen, ich war gespannt auf ein Dinner für drei mit Miss Sophie und ihrem Gatten.  Aber am Tag vorher traf ich im Hausflur eine kleine schwarzhaarige Frau, etwa mein Alter und eine jüngere baumlange blonde Walküre in einer Felljacke. Beide sagten, sie freuten sich auf unsern Abend. Ok, dachte ich: lesbisches Pärchen. Das wird ja nicht einfach.

Mit einer Flasche Wein klopfte ich im vierten Stock. Die kleine Schwarze öffnete, war geschäftig am Telefon und winkte mich ohne Gruß in die dunkele Wohnung. Dunkle alte Möbel, verblasste Landschaftsmalerei an der Wand, Teppiche auf dem Boden. Wer so wohnt, wohnt so schon lange. Als ich eine Weile mit der Hauskatze gespielt hatte, machte ich mich bemerkbar. Ohne Zeichen von Verlegenheit legte meine Gastgeberin das Telefon weg. Das Gespräch war nicht nach ihren Wünschen verlaufen. Die Nachbarin kommt noch nicht, sagte sie, weder freundlich noch entschuldigend. Wie immer, setzte sie noch hintendran. Der Tisch war gedeckt, aber einen Platz bot sie mir nicht an. Auch schien sie von mir zu erwarten, dass ich das Gespräch am laufen halte.  Ich versuchte es mit den Landschaftsbildern. Ach, die hab ich bei ebay ersteigert, aber langsam hab ich dafür keinen Platz mehr. Ende des Gesprächs.

Mir wurde klar, dass ich hier kein Gast war, sondern ein Aspirant. Das würde ein Vorstellungsgespräch werden. Wir plänkelten ein bisschen über den Garten und meine Zufriedenheit mit der Wohnung, da bekam ich schon das Du angeboten. Also Margarethe. Ich gehörte jetzt zur Familie. Seit „Der Pate II“ weiß ich, was das bedeutet. Endlich schneite die Nachbarin herein. Plappernd, lächelnd, Grande Dame, aber die Hausherrin blieb klar die Chefin am Tisch, an den wir uns endlich gesetzt hatten. Was macht der Syrer? fragte die Madame, als ob ich nicht dabei wäre. Die Schwarze winkte ab. Der kommt nicht mehr, seit ich ihm über die Approbationsprüfung geholfen habe. Männer blieben das Thema des Gespräches, zu dem ich nur wenig beizutragen hatte. Meistens Männer, die schon wieder weg waren. So wie der Vater der großen Tochter, die Walküre von gestern, die jetzt im roten Sportdress erschien und sich von Mutti kurz den Rücken richten ließ, bevor sie, mehrfach ermahnt, Fahrradhelm und Schutzweste zu tragen, aus der Wohnung floh. Zwischendrin hatte sie mir noch ein Lustiges Taschenbuch aus ihrem Zimmer in die Hand gedrückt: Sie haben doch Zwillinge. Es blieb das einzige Zeichen des Willkommens an dem Abend. Kaum war die Tochter weg, war ich mit Marion per Du und wir kamen endlich auf das Thema unseres Geschäftsessens: Das Haus und die Bewohner. Der Trinker im Dritten, der mit der Tochter der Hausmeisterswitwe aus dem Parterre verheiratet war. Der Sohn der Gartenbaufrau, der vorher in meiner Wohnung wohnte, ständig Party machte und dann endlich rausflog. Die leise Mutter mit den Zwillingen, deren Vater man nie sieht. Das irre Projekt der Hausverwaltung, das Margarethe erfolgreich verhindert hatte, einem Erfolg, dem ich auch meine Wohnung zu verdanken hätte. (in den wunderbaren großen Garten sollte ein weiteres Wohnhaus gesetzt werden und dafür im Vorderhaus zwei Wohnungen für die Durchfahrt abgerissen werden, weshalb meine Wohnung lange leerstehen gelassen wurde.)

Ich glaube, Margarethe wollte mir zeigen, wer hier im Haus die Fäden in der Hand hält. Wenn Margarete schon die Männer immer wegliefen, ihr Sohn ein Tunichtgut war, dann hatte sie wenigstens in den 25 Jahren das Haus unter ihre Kontrolle gebracht: Wenn der alte Frank sich endlich zu Tode gesoffen hat, kriegst du seine Wohnung, Marion, da sorge ich für, sagte sie zur Verabschiedung zur Nachbarin. Auch für mich fiel was ab. Ich brauchte noch einen Weihnachtsmann für meine Jungs. Eine Nachricht an ihren Sohn ging sofort raus. Wenn er nicht wieder total spinnt, sagte sie lakonisch, steht er an Heiligabend um Fünf vor deiner Tür.

Frohe Weihnachten

 

 

 

 

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Unterschlagung

Wenn Genesis es hinkriegt, aus drei Paragraphen des britischen Strafgesetzbuches (Robbery, Assault and Battery) einen Song zu machen, so sollte es mir doch gelingen, aus einem einzigen Straftatbestand einen ordentlichen Beitrag hinzubekommen.

Vor Gericht:

Der Angeklagte: Ja, Herr Vorsitzender: Ich gestehe. Ich habe unterschlagen.  Und ich tue das schon eine ganze Weile.

Einmalige Eindrücke, kleine Geschichten, tolle Überschriften, schräge Bilder, wahre Gefühle und unzensierte Gendanken – ich behalte sie einfach für mich. Ich weiß, dass ich mich in meiner Selbstdarstellung zu diesem Blog dazu verpflichtet habe, sie mit allen zu teilen. Die Frau Staatsanwältin hat es ja schon zitiert: Ich habe geschrieben: „Manche Geschichten sind einfach zu schön, als dass sie vergessen werden dürften. Deswegen schreib ich sie hier auf.“ Ja, das war vor Jahren, damals habe ich das so locker dahin geworfen. Heute mache ich mir Gedanken, viele Gedanken, ob ich etwas aufschreiben soll oder nicht. Die dritte Geschichte bei einem Friseur, das nächste Erlebnis in einer Bäckerei. Der Einkauf im Späti, die Gestalten in meinem Bio-Laden. Ich gebe zu: Der Reflex ist noch da. Jedes Mal fange ich an zu formulieren, sehe die Zeilen vor mir und schmecke die verschiedenen Anfänge wie guten Wein. Aber dann hört es auf. Ich muss gar nicht mehr an den Rechner um es auszuformulieren. Allein der Gedanke, dass ich es könnte, reicht mir.

Der Verteidiger: Herr Vorsitzender, ich möchte zum besseren Verständnis dessen, was mein Mandant gerade unvorsichtig formuliert hat sagen, dass er eigentlich gar nichts mehr erlebt, was des Teilens mit seinen Lesern würdig wäre. Somit ist auch der Tatbestand der Unterschlagung nicht erfüllt. Seit er aus den desolaten Verhältnissen einer kleinen Hinterhofwohnung in eine etwas angemessenere Bleibe in einer ruhigen Seitenstraße gezogen ist, ist es vorbei mit den kleinen Geschichen. Auch hat er sein Smartphone verloren, mit dem er früher die Bilder aufnahm, die ihn zu Geschichten inspirierten. Seither ist er in eine Art „Kommunikationspurismus“ zurückgefallen.  Zudem wurde ihm ärztlicherseits frühe und ausreichende Nachtruhe verordnet.

Die Staatsanwältin: Herr Kollege, das sie versuchen Verständnis für Ihren Mandanten zu wecken, ist verständlich. Aber leider haben wir auf der Festplatte des Angeklagten mehrere Entwürfe sicherstellen können, die so vielversprechende  Titel trugen wie „Ein Platz, ein Spatz und die Liebe zur DDR“ „Die kleine Claudia“ oder „Die Macht der Bilder“. Hier sind der Öffentlichkeit durchaus interessante Ausführungen vorenthalten worden. Außerdem möchte ich auf den abschließenden Teil seiner Selbstverpflichtung hinweisen, in der er erklärte „wenn ich mein tägliches Klein-Klein mal niederschreibe, merke ich, dass ich nur durch die Tür gehen muss, die geschlossen erscheint, die aber, wie Franz es ja weiß, immer offen steht.“  Die Vertreterin der Anklage kann nachweisen, dass dem Angeklagten in der jüngsten Vergangenheit mehrfach gelungen ist, solche „offenen Türen“ zu durchschreiten, ohne davon zu berichten. So fanden wir bei der Durchsuchung eine Theaterkarte für die letzte Aufführung von „Die Reise nach Reims“, die schon seit Monaten ausverkauft war. Laut des Beleges muss sie wenige Minuten vor Aufführungsbeginn in den Besitz des Angeklagten gekommen sein. Solche positiven Geschichten der Leserschaft vorzuenthalten, erhöht noch die Schwere der Schuld.

Der Verteidiger: Herr Vorsitzernder, ich möchte Sie bitten, die Sitzung kurz zu unterbrechen. Ich möchte mit meinem Mandanten das vorliegende Material noch einmal sichten. Außerdem ist es Zeit für die Nachtruhe. Sie müssen entschuldigen.

Music was my first love

Nun, das ist gelogen. Meine erste Liebe hieß Patricia und ging mit mir in die Grundschule. Ich brachte sie immer zum Bahnhof, auch wenn die Anderen sich das Maul zerissen. Das mit der Musik kam später- nach den Rübezahl-Platten meines Großvaters. Als ich 10 oder 11 war ergatterte ich das alte Röhrenradio meiner Großeltern und hörte  in meinem Zimmer Südwestfunk: „Vom Telefon zum Mikrofon“. Eine Wunschsendung, in der verlässlich jede Woche der Montanara Chor (Hörst du das Lied der Berge…?) und der Gefangenen-Chor aus Aida erbeten wurden. Auch Fred Bertelmann, der singende Vagabund, war ein Dauerbrenner. Meine Mutter mochte den – sehr. Manchmal schaltete ich auf Mittelwelle, tunte das „Magische Auge“, eine grün leuchtende Röhre, die die beste Sendestärke anzeigte und hörte Radio Moskau auf Deutsch, um mich zu gruseln. Popmusik gab es erst später, nach 10 Uhr. Das Radio brummte, die Röhren leuchteten und der Sprecher, er hieß Frank oder so ähnlich, führte mich  mit sonorer Stimme ein in die geheimnisvolle Welt der Beatles.  Von da an war klar: Popmusik kommt nicht von dieser Welt, wird nicht von Menschen und Instrumenten gemacht, sondern schwebt im Äther. Es ist etwas, was immer schon da war, so wie die Beatles und das ab abends um 10 von Frank zelebriert wird. Die Texte der Songs waren geheime Botschaften, weil ich kein Englisch verstand. Das wurde Hauptschülern damals noch nicht beigebracht. So war die Musik in Franks Sendungen für mich das, was früher die lateinischen Messen dem Katholiken waren: Ein Mysterium, in das ich alles hinein phantasieren konnte, was ich wollte. Zu Weihnachten wünschte ich mir einen Casettenrekorder. Damit konnte ich Stücke der abendlichen Messen mitschneiden und verehren wie Reliquien. Die orangen BASF-Casetten leierten. Das verstärkte den meditativen Sound von „Strawberry Fields“ enorm. Irgendwann erbten wir die Musiktruhe meines Opas. Da war ein Schallplattenspieler drin. Und das Geld reichte genau für zwei LP’s: Das rote und das blaue Album der Beatles. Mehr brauchte ich ja auch nicht. Das war ein geschlossenes Universum außerhalb dessen es keine Musik gab und keine Welt.

Irgendwann erzählte Frank etwas von San Francisco, Blumenkindern und dem Sommer der Liebe. Und mit Scott McKenzie rauschte ich nahtlos von Liverpool an die Westküste, wo es für mich nur Hippies und glückliche Menschen gab. Natürlich ahnte ich, dass ich zu spät war. Es gab die Bravo und „Disco“ mit Ilia Richter. Da lief anderes, Slade und Sweet – Glamrock mit Plateausohlen. Wer in unserer Klasse cool sein wollte hörte Genesis oder Pink Floyd. Aber ich malte mir unverdrossen „Love“ und „Peace“ auf meine erste Jeans und ließ mir die Locken wachsen, pilgerte zu „Jesus Christ Superstar“, sah mir „Hair“ im Kino an und tanzte mit dem Ober-Hippie auf dem Tisch. Als er am Ende in Vietnam starb, hab ich geheult.

40 Jahre später ist der Himmel leer. Meine Casetten habe ich weggeworfen, die Mini-Discs auch und den Karton mit CDs die mir im Laufe der Zeit über den Weg liefen, habe ich in den Keller geräumt.

Aber die magischen Abende gibt es wieder. Mein Frank heißt jetzt YouTube. Es zeigt mir die Musik, die es damals öffentlich-rechtlich nicht geben durfte und die Platten, nach denen ich nie gesucht habe. Ich nehme abends um 10 den Laptop auf den Schoß, setze die Kopfhörer auf, und los gehts. Meist fange mit einem Lied an, das ich von irgendwoher kenne, oder das mir ein Blogger empfohlen hat und lass mich dann weiter treiben. Schön sind diese Entdeckungsreisen. Viel Soul, alte Briten wie The Who, Weltmusik wie Transglobal Underground oder Jazz von Chet Baker. Für einen Abend kann ich nicht genug davon kriegen, und dann ist’s vorbei. Nur als David Bowie gestorben ist, hab ich mir zwei Wochen nichts anderes angeschaut. Von ihm kannte ich bisher nichts als „Heroes“. Das war wieder ein Eintauchen in einen kleinen Kosmos. Aber anders als früher sehe ich die Menschen, die die Musik machen. Das ist das gute an den Videos. Ich sehe die Entwicklungen, die Gesichter und auch das Tragische. Und es ist mir, als hätte ich sie immer schon gekannt, auch damals schon, als ich neben dem Radio lag. „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“, sagt mein Therapeut.

True Colors (Kleine Fluchten II)

Bunt

Einfach mal weg. Wieder unter Leute. Nicht am Sandkastenrand sitzen und nicht mit abgehobenen Wohnungsvermietern telefonieren (Nein, der Fußboden gehört nicht zur Ausstattung, den müssen Sie selber legen.). Raus aus Berlin. Ein bisschen Leichtigkeit. Weiter Himmel… Und schon stolpere ich über ein Angebot für die Documenta in Kassel. War ich noch nie. Will ich mal hin. 179 Euro für eine Übernachtung mit Tagesticket. Wunderbar. Erst als ich die Fahrkarten dazu buche wird mir klar, dass ich gerade dabei bin, 300 Euro für einen Tag in Kassel zu verballern. Und weil ich, neben vielen anderen,  auch unter akuten Verarmungsängsten leide, seit ich Unterhalt zahle und mir die Mietpreise anschaue, schelte ich mich einen Narren und schlafe schlecht. Aber am anderen Tag bin ich froh, die Mutter meiner Söhne beherzt vor vollendete Tatsachen zu stellen und einfach in den Zug zu springen. Dabei den aktuellen Spiegel, eine Streuselschnecke und die vage Aussicht auf ein bisschend Dösen im Großraumwagen. Hat bisher noch immer geklappt.

Kassel empfängt mich mit grauem Himmel. Als ich den griechischen Tempel sehe, der aus verbotenen Büchern gebaut wird, als ich die Leute sehe, die zwischen den Säulen herumstromern, fühle ich mich ein bisschen an die fröhliche Stimmung erinnert, die bei der Reichstagsverhüllung von Christo 1995 in Berlin herrschte. Das Gefühl beim Entstehen von etwas Großem und Wichtigem dabei zu sein. Und als ich sehe, dass einer auch ein Mickey-Maus-Heft an die Säulen geklebt hat, muss ich zum ersten Mal grinsen. Hier sind Leute mit Sinn für Ironie. Hier bin ich richtig.

Das Hotel ist totaler Luxus (… beruhigt die Nerven, singt Anette Humpe). Sauna im 13. Stock, weißer Bademantel. Auf der Freiterasse weht der Wind wie auf einem Ozeandampfer und die feuchten, fettgrünen Berge am Horizont dampfen gleich mit. Und je kleiner die Welt unter meinen weißen Frottelatschen wird, desto sicherer werde ich, dass ich mir das alles redlich verdient habe: hier und heute. Zum Abendessen kleide ich mich um. Im dezent abgedunkelten Restaurant sprechen ein paar Paare gedämpft in italienisch und polnisch. Der Blick in die Karte verrät mir warum. Die Vorspeise kostet so viel wie ich sonst für einen ganzen Abend ausgebe. Leise frage ich die Kellnerin, ob das in meinem Pauschalpaket drin ist, ob ich frei wählen kann? Sie huscht nach hinten und kommt nickend zurück. Ich weiß, dass das nicht stimmen kann, aber egal: wenn sie’s sagt. Was kostet die Welt? Ich gehe in die Vollen. Und ganz Weltbürger weise ich sie streng zurecht, als sie versucht mir Salat mit der geräucherten Forelle  gleichzeitig mit dem Teufelsbarsch an Wildreis zu servieren. Ihre Chefin kommt und entschuldigt sich. Obs noch was Süßes zum Abschluss sein darf? Großzuügig nehme ich die Entschädigung an. Ich lese gerade ein Buch über Politiker, die durch ihre Privilegien abheben. Geht ganz schnell, merke ich als auch schon die sauertöpfische Oberkellnerin kommt und nach meiner Zimmernummer fragt. Da sei wohl etwas schief gelaufen. Bedauernd hebe ich die Augenbraue. Wir einigen uns darauf, dass ich wenigstens die Getränke selbst zahle. Innerlich verbuche ich das unter: Ich habe etwas geschenkt bekommen. Etwas, was ich mir selber nie gegönnt hätte. Das ist lange nicht passiert. Mein kleines Abenteuer beginnt mir zu gefallen. An Schlaf ist natürlich nicht zu denken. War der Wildreis zu wild, die Laken zu weiß, das Bett zu leer?  Auf jeden Fall finde ich mich morgens um 7 auf der Auslegeware wieder. Meine Methode, festen Boden unter die Füße zu kriegen, wenn der Kopf Kapriolen schlägt.

Die Kunst kann mich mal. Benommen fahre ich zum Tempel und reihe mich aus lauter Trägheit in eine geführte Gruppe ein. Der schmächtige Bursche, dem ich hinterher laufe weist sich schon durch seinen Shabby Chic (so würde das meine Tochter nennen) und die gewagten Farbkombinationen als Kunstfreund aus. Und was er alles zu erzählen weiß – über die Kunstwerke und die Griechen, die hier im Mittelpunkt stehen und die vielen Interpretationsmöglichkeiten. Ein belesener Mann. Er macht nur den Fehler, am Ende offene Fragen zu stellen. „Und was sehen Sie bei diesem Werk?“ Das hätte er nich machen sollen. Das löst bei mir den „Herr Lehrer, Herr Lehrer, ich weiß was-Reflex“ aus. Ich muss die Hände in die Tasche stecken, um nicht mit den Fingern zu schnippen. Meine Mitschüler müssen mich gehasst haben. Aber meine Lehrer auch. Am Anfang gebe ich ja immer noch Antworten, von denen ich weiß, dass sie ins Konzept passen. Aber irgendwann fange ich an, in einen kleinen Wettkampf einzusteigen: Wer weiß mehr? Als wir bei dem Panzer landen, der aus lauter Sitzkissen zusammengesetzt ist und der Führer fragt, welchen Bezug das zur Stadt Kassel hat, lasse ich lässig ein „Henschel-Werke- heute Krauss Maffei“ fallen. Das nimmt er noch auf . Aber als ich ihn darauf hinweise, dass die Tarnmuster der Kissen aus verschiedenen Nato-Armeen stammen, ernte ich einen leidenden Blick und ich merke, dass ich wieder überzogen habe. Aber immerhin bin ich jetzt wach! Und mein Interesse ist geweckt. Ich laufe herum, komme mit den Leuten ins Gespräch. Alle sind freundlich und zugänglich. Und wenn nicht über die Kunst, kann man übers Wetter reden, wenn man eine Viertelstunde im strömenden Regen vor der neuen Kunsthalle um Einlass wartet. Bin ich ein kluges Kerlchen, dass ich an den Regenschirm gedacht habe. Und herrlich, was es alles zu entdecken gibt. Videos, in denen Mönche singen, knallbunte Masken kanadischer Indianer und Griechen, Griechen, Griechen. Einer hat die Ornamente aus den orthodoxen Klöstern in ein Video gepackt, das er auf den Boden der Kunsthalle projeziert. Wunderschön. Und was machen die Besucher draus? Eine soziale Skulptur. Beuys, dessen Geist und dessen 6000 Eichen hier munter gedeihen, lässt grüßen. Die Teenies nehmen den Platz in Beschlag, lassen sich vom bunte Licht überfluten und machen, was sie immer machen: Selfies. Und nachdem sie auch ihre Eltern unter die Beamer gezerrt haben, fasse ich Mut. Heißt es nicht bei Beuys, dass jeder ein Künstler ist? Also einer Besucherin meine Kamera in die Hand gedrückt und runter unters Licht. Ich gefalle mir so bunt. Ich hätte da liegen bleiben können – und schlafen, schlafen, schlafen.

Angekommen (Kleine Fluchten I)

Gestern noch durch tiefe Schluchten geflitzt. Mich selbstvergessen in enge Kurven gelegt, den Berg hoch,  bis der Himmel zwischen den Bäumen durchkam. Den Motor gequält, bis dem Drehzahlmesser die Welle brach. Später über sonnige Wiesen geschwebt, lächelnd, als König auf meinem weißen Ross. Nur mir stand es zu, die Pracht dieses Landes zu genießen. Und dann eingeschneist in den Stau auf der Autobahn. Hindurch zwischen den hitzeglühenden Porsches und den polnischen Lastwagen. Dem Mutigen eine Gasse! Bevor die Polizei mich erwischen kann, bin ich auf der Landstraße.

Heute Morgen dann beim Hausarzt: Ja, es ist die linke Schulter, bis zum Hals hoch. Beim letzten Mal war das nach zehn Massagen immer noch nicht weg. Ja, und wenn sie mir dann noch neue Einlagen verschreiben könnten. Ja, wegen der Knie, die tun sonst schnell weh, wenn ich in den Motorradstiefeln laufe. Der Arzt hat mich lange waren lassen. Hoffentlich schaffe ich noch den Termin mit der jungen Frau, die mir immer so gut die Hörgeräte anpasst.

Ich sollte das lassen, das mit den kleinen Fluchten.