Berliner Poesie

Poeten

Julius Meinl ist eine österreichische Kaffeerösterei, die seit ein paar Jahren versucht, über die billige Berliner Bäckerkette Thürmann in der Hauptstadt Fuß zu fassen. Wie wichtig den KuK-Poeten der Kaffee war wird aus dem Zitat von Franz Kafka deutlich: „Kaffee dehydriert (entwässert) den Körper nicht. Ich wäre sonst schon Staub.“

Und was fällt dem Berliner ein zu dem inspirierenden Türkentrank? Ein Verbot.

Jet nich – jibts nich- das ist der neue Sound der Berliner Back-Poeten.

Dabei gibt es auch eine großzügigere Berliner Tradition. Über den Ausflugslokalen der Kaiserzeit hing groß das Schild: Hier können Familien Kaffee kochen.

Oder die Bäckereien von Aschinger, in denen es zum Essen so viele Schrippen gab wie man wollte –  und in denen sich deshalb die halbe Berliner Boheme durchfutterte.

Grosszügigkeit ist der Honig, mit dem man Poeten anzieht, nicht Wiener Kaffee.

Dit wär doch mal wieder wat, ihr Thürmänner.

Advertisements

Kafka in the air

Ach, was für ein herrlicher Tag! Ein Sammstagmorgen im 2.Stock 2.Hinterhof (neben mir wohnt ein Philosoph, würde Inga Humpe jetzt ergänzen). Ich hab so viel vor heute, will den Tag nutzen. Die To-Do-Liste ist geschrieben. Fenster auf, frische Luft rein! Blauer Himmel -wunderbar! Ran an den Sonnengruß (drei Runden Sonnengruß am Tag werden den Leben verändern, verspricht mein Yoga-Guru). Als ich bäuchlings auf meiner Matte liege und mich in die Cobra stemme, sehe ich die Staubflusen. Ach ja: Putzen steht noch nicht auf der Liste. Ist schon spät, so um 10, als ich in die Küche komme. Heute brunche ich mit mir. Zwei Spiegeleier, brauche ja Kraft für den Tag. Ich schaffe es, bis zum letzten Bissen mein Telefon zu ignorieren, schaue dann aber doch rein und die Mails mit den Wohnungsangeboten klingeln. Alles zu weit, zu teuer -ach überhaupt. Lasst mich in Ruhe! Ich lebe doch ganz gut hier. Wenn da nicht die kleinen Jungs wären, die ab und zu mal bei mir übernachten. Die kein eigenes Bett haben und deren Eisenbahn ich jedes Mal wieder abbauen muss. Ah!, da gibt es etwas Schönes, frisch saniert, groß hell, nur 10 Minuten entfernt, teuer, natürlich. Und natürlich kommt wieder das Gefühl, es unbedingt noch mal zu versuchen. Also Rechner an, auf die Anzeige geantwortet. Wird doch wieder nix.

Raus jetzt, auf die Straße. Der leere Bierkasten kommt mit und eine ungefähre Idee, von dem was ich mit dem Tag anfangen werde. Im Bio-Laden ein kleiner Schwatz mit der Besitzerin. Ach, umgezogen? Ja, 1200 Euro warm, ja, ja, nicht leicht heute, aber ich gönn mir das, strahlt sie. Vielleicht sollte ich mir das auch mal sagen. Weiter zum Türken-Markt, die große Tasche dabei. Hier stimmt die Welt wieder für mich. Für ein bisschenn Kleines kriege ich mehr als ich tragen kann und was nettes Süßes noch dazu. Es sind nicht alle Menschen schlecht zu mir.

Auf dem Leopoldplatz ist Flohmarkt. Steht nicht auf meinem Zettel. Geh nicht hin, sag ich mir. Du hast genug eigenes Gerümpel und keinen Platz sowieso. Und schon stehe ich mitten drin. Zwischen den Resten verganger Existenzen. Früher wollte ich davon immer etwas retten, etwas bei mir weiter leben lassen. Jetzt schaue ich nur interessiert. Bilderrahmen mit einem fröhlichen Mädchen in verschieden Altersstufen. Ein FDJ-Ausweis dazu, ausgestellt 1976, letzte 30 Pfennig-Marke eingeklebt Dezember 1989. Erinnerungen einer toten Mutter, deren Tochter jetzt Mitte 40 ist und sich nicht mehr für ihre Vergangenheit interessiert. Schnell weg hier, sonst denke ich noch daran, was meine Tochter mit dem Bild von ihr machen wird, das bei mir an der Kühlschranktür klebt und sie stolz beim Abitur zeigt….

Als ich zu meinem Fahrrad zurück komme, hat jemand die Spitze des türkischen Baguettes abgebissen, das ich auf dem Gepäckträger gelassen hatte. Es Zeit für den ersten Kaffee. Das Café Leo ist ein gefördertes Multi-Kulti-Anti-Drogen-Projekt. Ich muss mir das in Erinnerung rufen, sonst würde ich sagen, es ist eine enge Döner-Bude mit einem großen Zelt hinten dran, damit die Alkis auf dem großen Platz ein Plätzchen im Trockenen haben. Draußen kreischt eine Frau in orthopädischen Schuhen, weil der nicht ganz so helle Café-Gehilfe ihren halb abgebissenen Burger abgeräumt hat, während sie sich von einem abgerissenen Typen die Funktion eines Haschisch-Inhalators hat erklären lassen.

Mein Kaffee wirkt, die Sonne wärmt mir die Stirn. Es wird Zeit sich zu konzentrieren. Bücher, denke ich, du wolltest dir noch Bücher empfehlen lassen für den langen Flug nach China, der mir bevorsteht. Es gibt tatsächlich eine Buchhandlung bei uns, versteckt in einer Seitenstraße zwischen Rossmann und Asia-Imbiss. „Belle et Triste“ heißt sie, aber hat nix Schönes – außer den Büchern und der gold lächelnden Händlerin, die irgendwo aus Dahlem eingeflogen sein muss. Sie empfiehlt mir die „Schopenhauer-Kur“ und „Der Distelfink“ von Donna Tartt. Ein Buch übers Älter werden – ein Buch über einen Jungen, der ins Leben startet. Genau dazwischen hänge ich ja, als alter Vater mit drei kleinen Jungs. Ich nehme sie beide. „Eins für den Hinflug und eins für den Rückflug“, sagt sie unerwartet kess. Ich fühle mich gut beraten.

Im Treppenhaus treffe ich die Nachbarin, die schon 20 Jahre hier wohnt. Sie macht irgendwas mit Kunst. Sie ist die einzige im Haus, mit der ich Kontakt habe. Sonst alles junges Volk und Menschen, die fremde Sprachen sprechen. Sie singt im Chor und das will ich auch mal wieder. Ein kleiner Schwatz, eine Adresse, bei der ich mal vorsprechen kann – wunderbar!

Zu Hause packe ich meine Schätze aus. Aus den frischen Sachen vom Markt wird ein schnelles Steh-Buffet und mir fällt ein, das ich nicht mehr auf meinen Zettel geguckt hab. Egal, ich leg mich erst mal hin. Als ich aufwache, denke ich an den Fotoapparat, den ich mir noch für den Urlaub leisten wollte. Ja, jetzt, gegen alle Vernunft. Aber vorher will ich noch mal auf mein Konto schauen.  Und schon sitze ich wieder vor dem Rechner. Draußen wirds dämmrig. Es gibt noch so viel zu tun. Da lande ich auf der Seite der Wolkenbeobacherin und muss laut lachen über das Video, das sie eingestellt hat. Der Abend ist gerettet.

Mogen gehe ich ein Doppelstockbett für meine Jungs abholen. Ein Freund hilft mir beim Aufbauen.

Schlüsselerlebnis

Gestern bin ich über mich selbst hinausgewachsen. In meiner Montagnachmittags-Lieblingsbäckerei. Hab ein bisschen die Welt gerettet und  freu mich heute noch drüber!

Bevor ich hereinkam sah ich auf einem der Tische vor der Bäckerei einen Schlüsselbund liegen. Brav nahm ich ihn mit in den Laden, um ihn der Verkäuferin zu übergeben, damit sie ihn für den unglücklichen Besitzer aufbewahrt, bis dieser, kurz vor Ladenschluss in die Bäckerei hastet und die atemlose Frage nach dem Schlüssel stellt. Kurz stellte ich mir sein glückliches Gesicht vor, wenn er seinen ersehnten Bund dann, mit einem milden Lächeln des Verständnisses von der wohlmeinenden Verkäuferin, überreicht bekommen würde.

Solch beglückende Szene stellte ich mir also vor, als ich den Schlüssel über den Thresen reichte. Doch satt dessen sagte das dünne Stimmchen hinter den Brötchen und dem Kuchen: „Legen Sie den Schlüssel bitte da hin, wo sie ihn her haben.“ Verdutzt fragte ich nach dem Wieso. „Ich habe meine Anweisungen, der Schlüssel hat draußen liegen zu bleiben,“ antworte das schmächtige Weiblein in bestem Amtsdeutsch. „Oh, sagte der Kafka in mir, „es gibt Anweisung von unbekannter höherer Stelle. Diese sind sofort zu befolgen.“ Sprachs und trollte mich nach draußen, um den Schlüssel wieder seinem Schicksal zu überlassen. Was folgte war ein absurdes Theater in fünf Akten. Während ich bei Kaffee und Puddingstreusel die Schlüssel im Blick behielt, kamen nacheinander zwei Männer, ein Kind und zwei Frauen rein und versuchten den Schlüssel zu übergeben. Alle erhielten den gleichen absurden Befehl- und all die guten Menschen legten den Schlüssel brav wieder zurück! Wir brauchen in Berlin keinen Hauptmann von Köpenick mehr, keine Offiziersuniform. Befehle werden immer noch befolgt. Um hier eine Autorität zu sein, reicht eine Bäckerschürze.

Mir wurde klar, ich muss etwas unternehmen, damit dieser Wahnsinn aufhört. Sanft fragte ich die Verkäuferin, seit wann den der Schlüssel da liege, und welche Stelle denn die strikte Anweisung gegeben habe? „Meine Kollegin hat mir das heute morgen gesagt, antwortete sie verdruckst. „Und seitdem habe ich bestimmt schon zwanzig Leute wieder rausgeschickt. Ich glaube ich träum heute Nacht von dem Schlüssel.“ Das ganze Elend der geschundenen Kreatur lag in diesen wenigen Sätzen. Tapfer hatte sie den Befehl ausgeführt, die Stellung gehalten, doch jetzt war sie am Ende ihrer Kräfte. Ich wusste, dass ich jetzt zur Autorität werden und sie an die Hand nehmen musste. Wortlos ging ich nach draußen, nahm den Schlüssel und reichte ihn ihr über den Thresen. „Jetzt nehmen sie den mal an sich, sagte ich bestimmt, „sie dürfen das!“ Ihr Gesicht hellte sich auf. „Ich kann ihn ja hier neben die Kasse legen, damit ich ihn zur Hand habe, wenn jemand fragt.“ „Genau, sagte ich.“Und wenn ihn bis Ladenschluss keiner geholt hat, gehen sie vorne zur Polizei und geben ihn dort ab. Davon merkt Ihre Kollegin gar nichts.“ „Oder ich frage meinen Mann, der ist ja Polizist und kann mir sagen, was ich tun soll“, ergänzte sie eifrig. „Genau so machen sie das“, sagte ich erleichtert, verabschiedete mich und ging meiner Wege. Es ist gut, wenn es in diesem Land noch Menschen gibt, die Verantwortung übernehmen.

Ist denn hier ein Schloss?

Fünfhundert Seiten Kafka im Februar. Da sollte ich mir gut überlegen, ob ich das nervlich aushalten kann. Aber reizen tät michs schon…

The Daily Frown

RIMG1708

Im Stroemfeld Verlag entsteht in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Institut für Textkritik seit 1995 die historisch-kritische Franz Kafka Ausgabe. Als neuester Supplement-Band ist nun Das Schloss in einer hochwertigen Faksimile-Ausgabe erschienen. So soll ein unverstellter Blick auf die frühe Editionsgeschichte von Kafkas Werk ermöglicht werden.

Im Vergleich zum Prozess, der im edlen Leinen, mit gelbem Oberschnitt und Schutzumschlag einer Luxus-Variante des Romans am nächsten kommt (zumal wenn das Kleingeld für eine Erstausgabe fehlen sollte), erweckt das unscheinbare, graue Softcover der Schloss-Aufmachung auf den ersten Blick den Eindruck einer Studienausgabe. Tatsächlich handelt es sich aber um die genaue Reproduktion zwar nicht der ersten gebundenen, so doch der dritten, auch damals als einfache Broschur erschienenen Ausgabe noch aus dem Jahr nach der Ersterscheinung, also 1927. Ein Grund für die Entscheidung des Verlags für diesen Weg mag die besonder Bewandtnis sein, die es mit der Vorlage für die Herstellung des…

Ursprünglichen Post anzeigen 181 weitere Wörter

Kafka und die Kinder

Foto

Dass man seine Texte nicht richtig verstehen wird, hat Franz immer geahnt. Auch die Willkür der Obrigkeit war für ihn eine ständiges Thema. Aber dass dereinst die Behörden seien Namen verunstalten und auf schäbige Trinkhallen in Berlin-Wedding kleben werden, wäre ihm wohl noch nicht mal in seinen dunkelsten Stunden in den Sinn gekommen. („KAfKA – ich mach mit!“ ist eine eingetragene Wort-Bild-Marke des Bezirksamts Neukölln von Berlin, Abteilung Bürgerdienste und Gesundheit, 12043 Berlin)