Vom richtigen Zeitpunkt

Es gibt ja Sachen, die müssen gemacht werden. Aber ich mache sie trotzdem nicht. Oder zumindest nicht dann, wenn sie gemacht werden sollten. Ein andermal eben, wenns besser passt, wenns gut reinläuft. Aber wenn ich nach dem Lustprinzip leben will wie ein alter Hippie und gleichzeitg meine bürgerliche Existenz weiter führen will, dann führt das dazu, dass mir für die Pflichtaufgaben nur ein freies, also kinderfreies, Wochendende übrigbleibt. Freedom’s just another word for nothing left to loose. Und das sieht dann so aus:

Freitagabend um Sechse darf ich aus dem Büro. Es ist dunkel und kalter Niesel zieht mir die Schultern hoch. Prima Wetter für einen ersten Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, denke ich, muss mich stärken für die halbe Stunde mit dem Rad nach Hause und die Besorgungen, die ich machen muss. Glühwein denke ich und Bratwurst. Bratwurst ist nicht, sagt mir mein Kopf. Du bist Vegetarier. Aber es ist doch Weihnachten, entgegne ich. Es ist noch nicht mal Advent, kommt es barsch zurück. Ich habe Glück: In der hinteren Ecke  des verloren wirkenden Weihnachtsmarktes zwischen Friedrichstraße und dem Bundespresseamt rieche ich heimatliche Düfte: rheinische Reibekuchen. 100 Prozent vegan und gibt’s nicht alle Tage. Das Gewissen ist zufrieden, der Bauch auch. Mit dem Schoppen Glühwein fährt sichs beschwingt durch das Sauwetter. Wolltest du nicht noch zur Post, das Päckchen mit den Legosteinen für die Jungs abholen? Nö, Freitagabend ist da immer ne riesen Freitagabendschlange, für alle, die sonst nie Zeit haben. Ich geh da morgen früh hin, gleich um Neune. Dann ist da keiner.

Samstagmorgen um Zehne ist die Schlange noch länger als am Tag davor. Natürlich hatte ich vor, um Neune da zu sein. Aber die Nacht war kalt. Die Nachbarin im Parterre unter mir spart wohl an der Heizung. Und als es endlich warm wurde in meinem Bett wurde es auch schon hell. Wer kann da von einem verlangen, gleich aufzuspringen? An meinem freien Tag? Nach einer halben Stunde Schlange bin ich dran. Na, das Päckchen hätte wohl auch durch meinen Briefschlitz gepasst, meckere ich die Postfrau an. Hätte schon, gibt sie mit einem Hauch von Demut zurück, aber es war ja nie bei ihnen. Unser Fahrer hat es gleich hier gelassen, und bei ihnen eine Karte reingeworfen. Na dankeschön! Wenn sie sich beschweren wollen: Das haben heute schon sieben andere getan. War auch schon in der Presse. Der Nächste bitte!

Ich finde Trost im Simit Evi, dem türkischen Frühstückscafe vor dem neuen Jobcenter, gleich neben der Bibliothek. Bibliothek, denke ich. Wolltest du nicht mal wieder ein Buch lesen? Immerhin warst du vorgestern bei der Lesung von Salman Rushdie. „Golden House“ ist natürlich reserviert, aber Robert Harris „München“ gibt es. Auch neu. Wieder Geld gespart, lobe ich mich, bis ich draußen versuche meinen Helm aufzusetzen. Klappt nicht, weil der ist nicht da. Zurück zum Türken, zurück zur Post. Weg! Na, war sowieso alt, sag ich mir und zum Fahrradladen wolltest du eh.

Der winzige Radladen, den ich schon seit Jahren am Leben erhalte, wird bevölkert von einem struppigen Rothaarigen, der aus Mittelerde gefallen ist und einer Spanierin, die sich stolz weigert, Deutsch zu lernen. Zudem ist sie schwerhörig. Als ich den Laden eine halbe Stunde später verlasse, habe ich einen himmelblauen italienschen Sturzhelm mit rotem Rücklicht und eine Tüte mit Ersatzteilen für die Räder meiner Kinder. Die Spanierin hat dafür die Adresse meiner Hörgeräteakustikerin. Und weil ich so glücklich bin mit meinem Kauf, geh ich zu Tschibo. Da finde ich immer was, von dem ich nicht wusste, dass ich es brauche. Und solche Besorgungen müssen ja auch erledigt werden. Heute ist es ein zusammenfaltbarer Rucksack, der in eine handkäskleine Tasche passt. Eine direkte Weiterentwicklung der Dederon-Einkaufsbeutel aus der DDR. Was war das für ein Geächtse im Februar, bei meinem Asien-Urlaub. Ein großer Rucksack und ein Koffer, aber nichts für einen Tagesausflug in die Stadt. Und jetzt? Perfekt gerüstet. Und weil er so gut und so federleicht an meinen Rücken passt, lasse ich ihn gleich an. Schwarzer Rucksack auf schwarzen Mantel – passt perfekt.

Nächste Station Bio-Laden. Ich schlage ordentlich zu, denn ich will mal wieder was Ordentliches kochen. Aber als ich einpacken will, suche ich den Rucksack – vergeblich. Voll Ingrimm bitte ich die Verkäuferin, die Sachen für mich aufzubewahren, während ich mir zurück in Richtung Tschibo mache. Weil ich mich inzwischen gut auskenne mit mir, brauche ich nur bis zur nächsten Ampel, um raus zu bekommen, dass der schwarze Riemen auf meiner Schulter vor einer halben Stunde noch nicht da war. Trägt wirklich nicht auf, das Ding. Zurück zu Hause merke ich, dass ich auch noch beim Drogeriemarkt war und staple die fünf Packungen Rasierklingen zu den vier, die schon da waren.

Warum erzähle ich das alles? Weil genau jetzt, nach einem so wundervollen Morgen, jetzt, wenn das fahle Licht der Sonne noch ausreicht, die Staubflocken zu erkennen; jetzt, solange die mürrische Nachbarin sich nicht auf Mittags-, Sonntags- oder Totenruhe berufen kann, genau jetzt eben der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um meine Wohnung zu saugen. Was mir drei Wochen unmöglich erschien -jetzt wird es Wirklichkeit. Wie ein Derwisch wirbele ich durch die Zimmer, verschiebe Betten, lüpfe Teppiche, demontiere die Kindereisenbahn um nun auch jedes, aber wirklich jedes Staubkorn zu erwischen. Nach einer einer erfolgreichen Jagd, auf der ich auch noch ein paar Playmobil-Schwerter durch den Schlauch habe rasseln lassen,  blase ich den Rauch aus der Mündung meines Staubsaugers. Gut gemacht! Und im Schein der untergehenden Sonne sehe ich meine nächste Beute: Die Bügelwäsche. Schon glüht das Bügeleisen, schon knallt das Bügelbrett in Position… Nichst ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

 

 

 

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Fassade

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Es war die Verzweiflung, die sie auf die Straße trieb. In der Wohnung hatten die Geschwister einsilbig zusammen gesessen wie bei einem Leichenschmaus. Schweigend liefen sie auch durch die  Sturzregen und die Graupelschauer des Berliner Frühlings. Gefühle wollte keiner zeigen. Der Osterbesuch war die Idee der Schwester gewesen, die ihre beiden Brüder wieder zusammen bringen wollte, die wollte, dass sich der Ältere sich mal seine Neffen anschaut, die bald schon in die Schule kommen . Alle taten so, als sei die Familie des Jüngeren in Ordnung, die Kinder ein Segen. Keiner erwähnte die Trennung, auch die Mutter der Kinder nicht, die das Spiel mitmachte. Dabei sahen sie sich sonst nur, wenn die Kinder mal wieder den Duschvorhang herunter gerissen hatten.

Ein weiterer Beitrag zu den abc-Etüden von Christiane. Das Format hat was, vor allem den Reiz, wieder regelmäßiger zu schreiben.

 

Friede, Freude, Götterfunken

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Ach, es ist doch schön, wenn die Welt mal wieder in Ordnung ist – und seis nur auf dem Berliner Gendarmenmarkt. Die Sonne scheint, die Fahnen wehen. Gepflegte, gebildete und gut gekleidete Menschen treffen sich zwischen klassischen Musentempeln  und singen gemeinsam die Ode an die Freude – und das schon seit sieben Sonntagen. Seit drei Wochen bin ich dabei. Kein Wunder, dass  die Fremdenhasser und Europaspalter in Scharen zu uns überlaufen. In den Niederlanden eine Schlappe für Wilders, im Saarland schlappe 7 Prozent für die AfD. Das sind doch klare Erfolge. Wer kann schon dem Charme einer Französin widerstehen, die von den Stufen des Konzerthauses Geschichten aus ihrer Deutsch-Französischen Ehe preisgibt (dass ihr Vater beim ersten gemeinsamen  Badeurlaub geschockt war von der deutschen Freikörperkultur, aber sich dann seiner Badehose entledigte mit den Worten „Pour l’honeur de la France“). Oder den Klängen von Giora Friedman, der vergangenen Sonntag spielte, als es aus Kannen goss und er uns aufmunterte „I never played in front of so many umbrellas.“ Ja, schön ist das, wenn alle das Gute, Wahre und Schöne  wollen. Und Freiheit und Frieden.

Und dann wird mir von den edlen Reden schlecht, wie von zu viel gutem Kuchen. Ich klettere den Französischen Dom hoch und bringe 30 Meter Höhenluft und 100 Stufen zwischen mich und meine Völkerfreunde. Von oben sieht es dann wieder sehr bewegend aus und ich atme durch. Denke an all den Spaß, den ich vor 10 Jahren hatte, als ich eine irische EU-Delegation betreut habe und vergesse den ganzen Abstimmungsirrsinn, der damit zusammen hing.

Ich bin rechtzeitig wieder unten, als die Fanfaren der Eurovision erklingen. Das finde ich nun sehr geschickt gemacht von den Veranstaltern des „Pulse of Europe“. Man kann ja von Brüssel halten was man will, aber gemeinsam Fernseh gucken, das will sich doch keiner nehmen lassen. „Spiel ohne Grenzen“ war einer der Höhepunkte meiner Jugend. Da dufte die ganze Familie lachen, wenn  Franzosen wie Engländer auf Schmierseife in Wasserbecken ausrutschten. Das war die Zeit, als der Eurovision Song Contest noch „Grand Prix d‘ Eurovision de la Chanson“ hieß.  Und wenn nach der Eurovisions-Fanfare „Aktenzeichen XY“ begann mit der Frage „Hallo Wien?, hallo Zürich? Da merkte ich: Europa ist groß, aber mit der modernen Technik mit einer allwissenden Einrichtung, die Interpol heißt, die manchmal sogar bis in die ferne Stadt Wien kommt, werden wir alle Verbrecher fangen.

Ach, Europa! Ich spanne meinen himmelblauen Schirm auf, auf dem EU 2007.de steht, damit mich meine Freunde wiederfinden. Die richtige Europahymne wird angestimmt, wir singen bis zur zweiten Strophe. Und dann bin ich auf einmal traurig: Denn die heißt am Ende:

Ja, wer auch nur eine Seele

sein nennt auf dem Erdenrund

und wer’s nie gekonnt hat stehle

weinend sich aus diesem Bund.

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Also: Europa ist was zum Party machen. Und wer nicht dazu gehört, wer nicht mitfeiern will, der soll draußen bleiben? Mit etwas an Brüssel geschultem Feinsinn beruhige ich mich: Der Text der Ode ist ja nie offiziell Teil der Hymne Europas geworden. Aber der Eindruck bleibt: Ein bisschen viel Erasmus-Stipendiaten hier, die sich ihrer schönen Zeiten erinnern. Bitte keine Zweifel. Alles freundliche, aufgeschlossene Leute. Für sie ist Europa ein Lebensraum. Mit Pulse of Europe kommt davon zum ersten Mal etwas dieser sich selbst genügenden Welt der professionellen Europäer an die Öffentlichkeit. Das ist schön. Aber es kommt nicht über den Gendarmenmarkt hinaus. Ich stelle mir die Veranstaltung gerade mal in Marzahn oder in Neukölln vor. Das würde wirken wie eine Sekte.

 

 

Kafka in the air

Ach, was für ein herrlicher Tag! Ein Sammstagmorgen im 2.Stock 2.Hinterhof (neben mir wohnt ein Philosoph, würde Inga Humpe jetzt ergänzen). Ich hab so viel vor heute, will den Tag nutzen. Die To-Do-Liste ist geschrieben. Fenster auf, frische Luft rein! Blauer Himmel -wunderbar! Ran an den Sonnengruß (drei Runden Sonnengruß am Tag werden den Leben verändern, verspricht mein Yoga-Guru). Als ich bäuchlings auf meiner Matte liege und mich in die Cobra stemme, sehe ich die Staubflusen. Ach ja: Putzen steht noch nicht auf der Liste. Ist schon spät, so um 10, als ich in die Küche komme. Heute brunche ich mit mir. Zwei Spiegeleier, brauche ja Kraft für den Tag. Ich schaffe es, bis zum letzten Bissen mein Telefon zu ignorieren, schaue dann aber doch rein und die Mails mit den Wohnungsangeboten klingeln. Alles zu weit, zu teuer -ach überhaupt. Lasst mich in Ruhe! Ich lebe doch ganz gut hier. Wenn da nicht die kleinen Jungs wären, die ab und zu mal bei mir übernachten. Die kein eigenes Bett haben und deren Eisenbahn ich jedes Mal wieder abbauen muss. Ah!, da gibt es etwas Schönes, frisch saniert, groß hell, nur 10 Minuten entfernt, teuer, natürlich. Und natürlich kommt wieder das Gefühl, es unbedingt noch mal zu versuchen. Also Rechner an, auf die Anzeige geantwortet. Wird doch wieder nix.

Raus jetzt, auf die Straße. Der leere Bierkasten kommt mit und eine ungefähre Idee, von dem was ich mit dem Tag anfangen werde. Im Bio-Laden ein kleiner Schwatz mit der Besitzerin. Ach, umgezogen? Ja, 1200 Euro warm, ja, ja, nicht leicht heute, aber ich gönn mir das, strahlt sie. Vielleicht sollte ich mir das auch mal sagen. Weiter zum Türken-Markt, die große Tasche dabei. Hier stimmt die Welt wieder für mich. Für ein bisschenn Kleines kriege ich mehr als ich tragen kann und was nettes Süßes noch dazu. Es sind nicht alle Menschen schlecht zu mir.

Auf dem Leopoldplatz ist Flohmarkt. Steht nicht auf meinem Zettel. Geh nicht hin, sag ich mir. Du hast genug eigenes Gerümpel und keinen Platz sowieso. Und schon stehe ich mitten drin. Zwischen den Resten verganger Existenzen. Früher wollte ich davon immer etwas retten, etwas bei mir weiter leben lassen. Jetzt schaue ich nur interessiert. Bilderrahmen mit einem fröhlichen Mädchen in verschieden Altersstufen. Ein FDJ-Ausweis dazu, ausgestellt 1976, letzte 30 Pfennig-Marke eingeklebt Dezember 1989. Erinnerungen einer toten Mutter, deren Tochter jetzt Mitte 40 ist und sich nicht mehr für ihre Vergangenheit interessiert. Schnell weg hier, sonst denke ich noch daran, was meine Tochter mit dem Bild von ihr machen wird, das bei mir an der Kühlschranktür klebt und sie stolz beim Abitur zeigt….

Als ich zu meinem Fahrrad zurück komme, hat jemand die Spitze des türkischen Baguettes abgebissen, das ich auf dem Gepäckträger gelassen hatte. Es Zeit für den ersten Kaffee. Das Café Leo ist ein gefördertes Multi-Kulti-Anti-Drogen-Projekt. Ich muss mir das in Erinnerung rufen, sonst würde ich sagen, es ist eine enge Döner-Bude mit einem großen Zelt hinten dran, damit die Alkis auf dem großen Platz ein Plätzchen im Trockenen haben. Draußen kreischt eine Frau in orthopädischen Schuhen, weil der nicht ganz so helle Café-Gehilfe ihren halb abgebissenen Burger abgeräumt hat, während sie sich von einem abgerissenen Typen die Funktion eines Haschisch-Inhalators hat erklären lassen.

Mein Kaffee wirkt, die Sonne wärmt mir die Stirn. Es wird Zeit sich zu konzentrieren. Bücher, denke ich, du wolltest dir noch Bücher empfehlen lassen für den langen Flug nach China, der mir bevorsteht. Es gibt tatsächlich eine Buchhandlung bei uns, versteckt in einer Seitenstraße zwischen Rossmann und Asia-Imbiss. „Belle et Triste“ heißt sie, aber hat nix Schönes – außer den Büchern und der gold lächelnden Händlerin, die irgendwo aus Dahlem eingeflogen sein muss. Sie empfiehlt mir die „Schopenhauer-Kur“ und „Der Distelfink“ von Donna Tartt. Ein Buch übers Älter werden – ein Buch über einen Jungen, der ins Leben startet. Genau dazwischen hänge ich ja, als alter Vater mit drei kleinen Jungs. Ich nehme sie beide. „Eins für den Hinflug und eins für den Rückflug“, sagt sie unerwartet kess. Ich fühle mich gut beraten.

Im Treppenhaus treffe ich die Nachbarin, die schon 20 Jahre hier wohnt. Sie macht irgendwas mit Kunst. Sie ist die einzige im Haus, mit der ich Kontakt habe. Sonst alles junges Volk und Menschen, die fremde Sprachen sprechen. Sie singt im Chor und das will ich auch mal wieder. Ein kleiner Schwatz, eine Adresse, bei der ich mal vorsprechen kann – wunderbar!

Zu Hause packe ich meine Schätze aus. Aus den frischen Sachen vom Markt wird ein schnelles Steh-Buffet und mir fällt ein, das ich nicht mehr auf meinen Zettel geguckt hab. Egal, ich leg mich erst mal hin. Als ich aufwache, denke ich an den Fotoapparat, den ich mir noch für den Urlaub leisten wollte. Ja, jetzt, gegen alle Vernunft. Aber vorher will ich noch mal auf mein Konto schauen.  Und schon sitze ich wieder vor dem Rechner. Draußen wirds dämmrig. Es gibt noch so viel zu tun. Da lande ich auf der Seite der Wolkenbeobacherin und muss laut lachen über das Video, das sie eingestellt hat. Der Abend ist gerettet.

Mogen gehe ich ein Doppelstockbett für meine Jungs abholen. Ein Freund hilft mir beim Aufbauen.

Schraubenfinder

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Meine schönste Schraube kommt aus der Camargue. Jenem Landstrich im Süden Frankreichs, der von vielen Menschen wegen seiner wilden weißen Pferde, seiner Flamingos oder seiner Sonnenuntergänge wegen geliebt wird. Ich liebe ihn auch. Die zotteligen Schimmel und sumpfigen Wiesen haben mich zwar nicht sonderlich beeindruckt, aber es gab da einen Baumarkt namens „Bricolage“, in dem ich genau die Schraube fand, die unser Motorrad auf den holprigen Straßen eine Stunde vorher verloren hatte. „Je besoin d‘ une vis“, stammelte ich, und schon entführte mich der Verkäufer mit herablassender Lässigkeit in ein Paradies aus schlampig aufgerissenen braunen Pappkartons in dem seine Schätze lagerten. Und weil nicht nur  die Sprache der Liebe, sondern auch die der Schrauben universal ist, fand ich für ein paar Centimes bald was ich suchte.

Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht: Das in Frankreich war natürlich Glück, aber es war ein Notfall. Normalerweise lasse ich mich nicht dazu herab, Schrauben im Geschäft zu kaufen. Das wäre zu banal. Ich warte darauf, dass mich das Schicksal mit mit den Dingen versorgt, die ich zum Leben brauche.  Ich bin ein Sachenfinder, ein Schraubensammler – in dritter Generation. Entweder ich finde etwas Glänzendes am Straßenrand oder es tun sich mir unvermutet Schatzkammern auf, die ich ungehemmt plündern kann. So war es in dem Schrebergarten, den ich nach der Wende mietete, damit meine Tochter ein wenig Auslauf hat und aus dem wir nach wenigen Jahren wieder rausgeekelt wurden. Zum Schrebehäuschen dazu gab es eine kleine Werkstatt, vollgestopft mit Werkzeug und Kleinteilen aus DDR-Zeiten. Davon zehre ich heute, zwei Jahrzehnte und viele Umzüge später noch, auch wenn mein Freund Thomas, der Schreiner ist, mich jedes Mal wieder hasserfüllt anschaut, wenn ich ihm wieder und wieder die weichen VEB-Schlitzschrauben anbiete, wenn er mir mal wieder ein Regal an die Wand dübeln soll.

Tiefenpsychologisch betrachtet tue ich das alles nur, um mich mit meinem Großvater verbunden zu fühlen, der mir als Kind so viel Liebe schenkte. Vielleicht aber auch, um die einzige Familientradition fortzuführen, die der Krieg übrig gelassen hat. Mein Opa war ein kleiner verhutzelter schlesischer Bauer mit Schnurrbart. Er war mit seiner Familie im Rheinland gestrandet und hatte mit meinem Vater ein Haus gebaut, obwohl er bis zu seinem Tod darauf wartete, dass er seine sieben Hektar in der Nähe von Breslau wieder bekommt. Mit den Steinen und den Dachziegeln, die vom Hausbau übrig blieben zimmerte er sich im Garten einen schäbigen Schuppen, in dem er alles aus Metall aufbewahrte, was er finden konnte. Sein Jubeltag kam, als die Bahnstrecke vor unserem Haus erneuert wurde. Die Arbeiter schmissen die rostigen Schrauben und Spangen, die sie aus den Holzschwellen zogen einfach in die Böschung. Mein Opa sammelte sie alle ein. „Man kann ja aus allem was machen.“, war seine Devise. Nur hatte er vergessen, dass er nicht mehr in Schlesien war, keine Schmiede mehr hatte und Pferde die Hufeisen brauchten erst recht nicht. Als er gestorben war, wollte noch nicht mal mehr der Altwarenhändler, der Anfang der 70er  noch mit einem öligen Pritschenwagen und einer Messingglocke „Luuumpen! Alteiiisen!“ schreiend alle paar Wochen durch die Straßen tuckerte, den ganzen Schrott haben.

Mein Vater war ein Rebell.  Er wollte mit all dem was er als „Alträucherei“ bezeichnete nichts mehr zu tun haben. Er schmiss die Landwirtschaftslehre, die ihm mein Opa als baldigem Hoferben aufgezwungen hatte, heuerte bei einer Spedition an und kaufte sich von den am Munde abgesparten Spesen einen nagelneuen Ford Capri 1500, weiß mit roten Ledersitzen – das Rassigste, was man sich als Arbeiter damals leisten konnte. Was nicht mehr zu gebrauchen war, kam weg. „Kaputt gibt Neu“ war seine Devise. Keine Sentimentalitäten. Aber als er in Rente ging, erwischen ihn die Gene wieder. In der Garage richtete er sich eine kleine Werkstatt ein, in der er altes Zeug wieder aufmöbelte, defekte Geräte zerlegte und fleißig, sauber sortiert in durchsichtigen Plasikschubern, alte Schrauben sammelte.

Wie hätte ich diesem Familiengeist entfliehen können der so wirkmächtig über unserer Sippe hing? Seine schleichende Kraft spürte ich, als ich mit 15  begann, Fahrräder vom Sperrmüll nach Hause zu schleppen, sie zu zerlegen, wieder aufzubauen und die verwertbaren Teile zu sammeln. Damals lief das unter Öko. Aber die Wurzeln lagen tiefer. Mein Vater schenkte mir, als ich von zuhause auszog als Zeichen der Mannbarkeit einen Werkzeugkasten, den ich heute noch habe. Mittlerweile ist er gefüllt mit allerlei Krimskrams, der sich mit den Jahren dort eingefunden hat. Ein paar Schrauben von meinem ersten Moped sind auch noch dabei. Aber anders als meinem Großvater ist mir das Glück vergönnt, zu erleben, dass manches, was ich aufhebe tatsächlich genau das ist, was ich irgendwann brauche. Heute zum Beispiel, als ich mit zwei winzigen Messingschrauben, die mal eine Dreingabe bei einem Bilderrahmen waren, den abgerissenen Staubsaugerschlauch wieder festmachen konnte. Hätte ich sie nicht gehabt: Die Mutter meiner Kinder wäre ohne ihren Staubsauger wahrscheinlich schneller zugrunde gegangen als ohne Luft zum Atmen. Das war Rettung in letzter Sekunde. Das sind die Momente, die das Schrauberherz mit tiefer Genugtuung und Demut erfüllen. Und was kann schöner sein als zu sehen, dass meine Söhne in meine Fußsstapfen treten? Diese kleinen Kerlchen merken ja genau, was die Großen so umtreibt. Seit sie einmal beobachtet haben, wie strahlend ich eine halbwegs erhaltene Maschinenschraube aus der Gosse aufhob, schenken sie mir alles, was sie an Metallischem auf der Straße finden. Und ich verspreche ihnen hoch und heilig, es in meinen Werkzeugkasten zu legen. Um die nächste Generation von Schraubenfindern muss ich mir keine Sorgen machen.

Meine kleinen Freunde

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Quelle: Airfix.com

Die tränenüberströmte Frau trägt das Meditationskissen vor sich auf ihren ausgestreckten Armen. Mit langsamen Schritten geht sie auf den Mann zu und hält es ihm hin: „Trage du die Last, Vater. Ich habe sie lange genug getragen.“ Der verdatterte Mann nimmt das Kissen und steht hilflos mitten im Raum. Die Frau lächelt befreit. Ich sitze in einer psychotherapeutischen Familienaufstellung. Aus den tiefsten Gründen der Seele entstehten Erzählungen von hilflosen Vätern, kontrollierenden Müttern, kriegsgeschädigten Großvätern, engen Reihenhaushälften und qualvollen Kindheiten. Es geht mir alles sehr nahe, ich halt es kaum aus. Ich kann nicht weg, also hebe ich ab. Meine Messerschmitt steht schon bereit, der Assistent reicht mir den Fallschirm und schon bin ich in der Luft. Leicht und elegant kurve ich mich in den Himmel. Ein Blick über die Tragflächen: Die Erde ist weit weg. Der Himmel ist offen und leer, ich spüre die Kraft des 1000 PS-Motors. Alles um mich herum ist leicht und ruhig. Hier kann mir keiner was.

Bei den alten Flugzeugen fühle ich mich wohl. Das hat ganz früh angefangen. Sonntags nachmittags vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher in einem engen Eigenheim. Die öffentlich-rechtlichen Sender waren sich damals nicht zu blöd, statt dem treuen Hund Lassie zur besten Familien-Sendezeit eine Dokumentation über das, was man den „Frankreich-Feldzug“ nannte zu bringen. Ausgiebig wurde auf Nazi-Propaganda-Material zurückgegriffen. Stramme Soldaten im Gegenlicht präsentierten die Gewehre und marschierten in die Rümpfe von Flugzeugen aus denen sie mit dem Fallschirm abspringen sollten. Und ich, der ich mich normalerweise unter dem Beistelltisch verkroch und heulte, wenn bei den Wild-West-Filmen ein Pferd erschossen wurde, schaute fasziniert drein. Wohl auch weil mein Vater den Film zynisch, aber mit einem gewissen Stolz kommentierte. Ja, so sei es gewesen, antwortete er mir, der sonst wenig sagte und der den Krieg als 10-Jähriger von seiner dreckigen Seite, als Vertriebener aus Schliesien erlebt hatte, die deutschen Flugzeuge seien die besten gewesen. Die Heinkels und die Messerschmitts hätten den Tommy gelehrt was eine Harke ist. Ich hätte gern noch mehr erfahren, aber da kam nichts mehr. Und abends um 10 packte meine Mutter ihm wieder die Stullen ein und er war wieder weg – für drei Tage- mit einer Fuhre Lebensmittel aus dem Rheinland für die Senatsreserve von West-Berlin. Er war weg mit seinem Laster – und ließ mir seine Last da.

Und so begann ich allein meine Suche nach den Wundermaschinen und den deutschen Helden. Fündig wurde ich ausgerechnet im Kaufhaus eines Herrn Moses in der Nachbarstadt. Dort gab es die deutschen Flieger, als Plastikbausatz, Maßstab 1:72 zum selber bauen und bemalen. Und die Heldengeschichten gab es in jedem Zeitschriftenladen als Groschenheft. „Der Landser“ hießen die. Das waren Erbauungstraktate für die entmannte Kriegergeneration, über all die vergeblichen Heldentaten, die technischen Wunderleistungen, die verteidigten Festungen. Die Geschichten endeten meist mit dem Tod des Ritterkreuzträgers oder spätestens im April 45. Dass die Deutschen, trotz ihrer Helden und ihrer tollen Waffen besiegt worden waren, wurde nirgends erwähnt.

Ich bastelte Flugzeuge. Auf dem Küchentisch, im Zimmer meines Großvaters oder auf dem gestampften Lehmfußboden des Kellers. Ich wünschte, meine Eltern hätten mir damals etwas anderes gezeigt, mich aus der Welt, die ich so langsam um mich aufbaute, heraus geholt. Aber da kam nichts. Statt auf Urlaubsreisen lernte ich so Europa entlang der Schlachtfelder des 2. Weltkriegs kennen, flog über die Fjorde Norwegens auf der Suche nach allierten Geleitzügen, jagte britische Hurricanes über Südengland und bombardierte Rouen. Der Krieg in den Lüften wurde mein zu Hause. Als ich dann mit 14 zum ersten Mal aus Deutschland raus und mit dem Schüleraustausch nach Frankreich kam, nahm ich nicht etwa ein Bild meiner Familie mit, um es mir auf den Nachttisch zu stellen, sondern eine Heinkel He 111, einen Blitzkriegbomber mit Hakenkreuz und Kriegsbemalung. Meine französischen Gasteltern reagierten sehr diplomatisch, sagten nichts und luden mich dann zu einem Wochendendausflug aufs Land ein. Sie zeigten mir die Ruine ihres Elternhauses, mit dem Hinweis, dass es durch deutsche Bomben zerstört worden sei – Volltreffer.

Ich wurde sehr seltsam und sehr einsam. In unserer Straße gab es noch einen traurigen Jungen, der der gleichen Leidenschaft verfallen war. Ein anderer führte Vernichtungskriege gegen die Ameisen auf seinem Gartenweg. Ich wollte nichts mit ihnen zu tun haben. Einsame Menschen meiden einander. Und überhaupt: So verrückt wie die war ich doch nun wirklich nicht. Ich merkte es daran, dass ich irgendwann, da hatte ich mich  mich schon zum Gymnasium in einer anderen Stadt durchgeboxt, am Bahnhofskiosk statt des monatlichen Modellbaumagazins mit hochrotem Kopf den Playboy kaufte, den mir  mein Zeitungsverkäufer mit einer Geste väterlichen Wohlwollens überreichte. Und mit den neuen Freunden auf der Oberschule wurde ich Ende der 70er dann in die Friedensbewegung integriert. Eine unserer ersten Aktionen war eine gegen Kriegsspielzeug. Wir sammelten auf dem Marktplatz den Kriegsschrott aus den Kinderzimmern. Ich steuerte meine letzte Messerschmitt Me 262 bei. Ein Düsenjäger, die deutsche Wunderwaffe überhaupt. Ein schweres Opfer.

Wirkliches Fliegen hat mich nie interessiert. In meiner Zivildienstzeit traf ich im Krankenhaus einen alten Mann, der die He 111 geflogen hatte. Ich liebte seine Geschichten. Er war in einem Segelflugverein und lud mich ein. Es war das erste Mal das ich flog und es war eine Enttäuschung. Es war laut, auch ohne Motor rauschte der Wind beängstigend und ich wusste nicht wo Oben und Unten ist. Und überhaupt: Ich bin nicht schwindelfrei.

Manchmal, wenn ich mich ablenken will, streife ich heute noch durch die Spielzeugabteilungen in den Kaufhäusern. Da gibt es die Flugzeug-Bausätze noch, neben den Star-Wars-Raumschiffen und den Figuren, mit denen man sich in die Fantasy-Welt von World of Warcraft hineinbasteln kann. Ich nehme sie dann ein paar Kartons in die Hand, betrachte die Bilder, werde ganz ruhig und lächele wissend in mich hinein. Es ist als wenn ich liebe alte Freunde wiederträfe.