Vom richtigen Zeitpunkt

Es gibt ja Sachen, die müssen gemacht werden. Aber ich mache sie trotzdem nicht. Oder zumindest nicht dann, wenn sie gemacht werden sollten. Ein andermal eben, wenns besser passt, wenns gut reinläuft. Aber wenn ich nach dem Lustprinzip leben will wie ein alter Hippie und gleichzeitg meine bürgerliche Existenz weiter führen will, dann führt das dazu, dass mir für die Pflichtaufgaben nur ein freies, also kinderfreies, Wochendende übrigbleibt. Freedom’s just another word for nothing left to loose. Und das sieht dann so aus:

Freitagabend um Sechse darf ich aus dem Büro. Es ist dunkel und kalter Niesel zieht mir die Schultern hoch. Prima Wetter für einen ersten Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, denke ich, muss mich stärken für die halbe Stunde mit dem Rad nach Hause und die Besorgungen, die ich machen muss. Glühwein denke ich und Bratwurst. Bratwurst ist nicht, sagt mir mein Kopf. Du bist Vegetarier. Aber es ist doch Weihnachten, entgegne ich. Es ist noch nicht mal Advent, kommt es barsch zurück. Ich habe Glück: In der hinteren Ecke  des verloren wirkenden Weihnachtsmarktes zwischen Friedrichstraße und dem Bundespresseamt rieche ich heimatliche Düfte: rheinische Reibekuchen. 100 Prozent vegan und gibt’s nicht alle Tage. Das Gewissen ist zufrieden, der Bauch auch. Mit dem Schoppen Glühwein fährt sichs beschwingt durch das Sauwetter. Wolltest du nicht noch zur Post, das Päckchen mit den Legosteinen für die Jungs abholen? Nö, Freitagabend ist da immer ne riesen Freitagabendschlange, für alle, die sonst nie Zeit haben. Ich geh da morgen früh hin, gleich um Neune. Dann ist da keiner.

Samstagmorgen um Zehne ist die Schlange noch länger als am Tag davor. Natürlich hatte ich vor, um Neune da zu sein. Aber die Nacht war kalt. Die Nachbarin im Parterre unter mir spart wohl an der Heizung. Und als es endlich warm wurde in meinem Bett wurde es auch schon hell. Wer kann da von einem verlangen, gleich aufzuspringen? An meinem freien Tag? Nach einer halben Stunde Schlange bin ich dran. Na, das Päckchen hätte wohl auch durch meinen Briefschlitz gepasst, meckere ich die Postfrau an. Hätte schon, gibt sie mit einem Hauch von Demut zurück, aber es war ja nie bei ihnen. Unser Fahrer hat es gleich hier gelassen, und bei ihnen eine Karte reingeworfen. Na dankeschön! Wenn sie sich beschweren wollen: Das haben heute schon sieben andere getan. War auch schon in der Presse. Der Nächste bitte!

Ich finde Trost im Simit Evi, dem türkischen Frühstückscafe vor dem neuen Jobcenter, gleich neben der Bibliothek. Bibliothek, denke ich. Wolltest du nicht mal wieder ein Buch lesen? Immerhin warst du vorgestern bei der Lesung von Salman Rushdie. „Golden House“ ist natürlich reserviert, aber Robert Harris „München“ gibt es. Auch neu. Wieder Geld gespart, lobe ich mich, bis ich draußen versuche meinen Helm aufzusetzen. Klappt nicht, weil der ist nicht da. Zurück zum Türken, zurück zur Post. Weg! Na, war sowieso alt, sag ich mir und zum Fahrradladen wolltest du eh.

Der winzige Radladen, den ich schon seit Jahren am Leben erhalte, wird bevölkert von einem struppigen Rothaarigen, der aus Mittelerde gefallen ist und einer Spanierin, die sich stolz weigert, Deutsch zu lernen. Zudem ist sie schwerhörig. Als ich den Laden eine halbe Stunde später verlasse, habe ich einen himmelblauen italienschen Sturzhelm mit rotem Rücklicht und eine Tüte mit Ersatzteilen für die Räder meiner Kinder. Die Spanierin hat dafür die Adresse meiner Hörgeräteakustikerin. Und weil ich so glücklich bin mit meinem Kauf, geh ich zu Tschibo. Da finde ich immer was, von dem ich nicht wusste, dass ich es brauche. Und solche Besorgungen müssen ja auch erledigt werden. Heute ist es ein zusammenfaltbarer Rucksack, der in eine handkäskleine Tasche passt. Eine direkte Weiterentwicklung der Dederon-Einkaufsbeutel aus der DDR. Was war das für ein Geächtse im Februar, bei meinem Asien-Urlaub. Ein großer Rucksack und ein Koffer, aber nichts für einen Tagesausflug in die Stadt. Und jetzt? Perfekt gerüstet. Und weil er so gut und so federleicht an meinen Rücken passt, lasse ich ihn gleich an. Schwarzer Rucksack auf schwarzen Mantel – passt perfekt.

Nächste Station Bio-Laden. Ich schlage ordentlich zu, denn ich will mal wieder was Ordentliches kochen. Aber als ich einpacken will, suche ich den Rucksack – vergeblich. Voll Ingrimm bitte ich die Verkäuferin, die Sachen für mich aufzubewahren, während ich mir zurück in Richtung Tschibo mache. Weil ich mich inzwischen gut auskenne mit mir, brauche ich nur bis zur nächsten Ampel, um raus zu bekommen, dass der schwarze Riemen auf meiner Schulter vor einer halben Stunde noch nicht da war. Trägt wirklich nicht auf, das Ding. Zurück zu Hause merke ich, dass ich auch noch beim Drogeriemarkt war und staple die fünf Packungen Rasierklingen zu den vier, die schon da waren.

Warum erzähle ich das alles? Weil genau jetzt, nach einem so wundervollen Morgen, jetzt, wenn das fahle Licht der Sonne noch ausreicht, die Staubflocken zu erkennen; jetzt, solange die mürrische Nachbarin sich nicht auf Mittags-, Sonntags- oder Totenruhe berufen kann, genau jetzt eben der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um meine Wohnung zu saugen. Was mir drei Wochen unmöglich erschien -jetzt wird es Wirklichkeit. Wie ein Derwisch wirbele ich durch die Zimmer, verschiebe Betten, lüpfe Teppiche, demontiere die Kindereisenbahn um nun auch jedes, aber wirklich jedes Staubkorn zu erwischen. Nach einer einer erfolgreichen Jagd, auf der ich auch noch ein paar Playmobil-Schwerter durch den Schlauch habe rasseln lassen,  blase ich den Rauch aus der Mündung meines Staubsaugers. Gut gemacht! Und im Schein der untergehenden Sonne sehe ich meine nächste Beute: Die Bügelwäsche. Schon glüht das Bügeleisen, schon knallt das Bügelbrett in Position… Nichst ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

 

 

 

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Seelenlos

Ach, ich bin ein wenig traurig.

Der Kormoran hat einen Kommentar von mir gelöscht. Das tut schon weh. Dabei wollt ich etwas Nettes beitragen zu seinem Bericht über die Schwäbischen und Berliner Seelen. Ein Leibgricht waren sie mir, so wie mir der Kormoran mir ein fröhlicher Begleiter durch die zweit Jahre des Bloggens ist. Ein lustiger Gesell ist er, mit gutem Geschmack. Und so weit gereist, es ist zum Staunen. Doch mein Fehler war es, zu gestehen, dass ich meine Seelen nach der Arbeit gerne beim Kettenbäcker Kamps kaufe und dass sie mir dort gut schmecken- besonders die mit den Oliven. „Das Land der Griechen mit der Seele suchen,“ nannt ich das. Doch der Kormoran fands nicht lustig. Den Namen des Aufbackbäckers konnt er nicht ertragen auf seiner Seite, die er dem wahren, schönen und guten Essen gewidmet hat. Als wärs die Nase des Cyrano der Bergerac, dieses Etwas, „das man in seinem Hause so wenig erwähnt wie das Seil im Hause des Henkers.“ Wenns so ist, wenns ihm rechte Schmerzen bereitet, seine Kreise so beschmutzt zu sehen, dann tut’s mir leid. Und sicher verdienen Menschen, die sich acht Stunden Zeit nehmen, um eine Seele zu backen die größte Hochachtung. Ich wünscht ihm nur, dass er auch manchmal meinem Wege zu folgen wagte, und sich überraschen ließe, welche Genüsse sich auch jenseits des rechten Weges des Bio und des slow food an den seltsamsten Orten finden lassen. Um meine Freude an solchen seltenen Schätzen zu teilen, schreibe ich meinen Blog.

„Danke für meine Arbeitsstelle…“

„… danke für jeden neuen Tag, danke, ach Herr ich will dir danken, dass ich danken darf.“

Der Kirchentag war in Berlin und hat einen großen Bogen um mich gemacht. Demütig hatte ich ein Zimmer für volle vier Tage zur Verfügung gestellt, aber keiner der müden Pilger wollte es haben. Nördlich des S-Bahn-Rings scheint für den bundesdeutschen Christenmenschen das Reich des Bösen zu beginnen. Deshalb verirrten sich nur selten  verängsitgte Grüppchen mit orangen Halstüchern in meine Gegend. Was auch wieder schön war, denn so konnte ich mir mit meinem Kleinen ein ruhiges, sonniges Wochenende machen, während die Christenheit im Zentrum der Haupstadt frohlockte.

Aber auch Montag ist ein Tag des Herrn. Und als ich mich früh im Sonnenschein mit dem Rad auf den Weg zur Arbeit machte fiel auch ich ganz plötzlich ein in den Lobpreis des Herrn, dessen Klang aus hunderttausend Kehlen noch in der Luft hing. Doch nicht für meine Arbeitsstelle dankte ich ihm, sondern für den Weg dorthin. Der ist ein wahres Gottesgeschenk.

Jeden Morgen 20 Minuten durch lindenbeschattete Altbaustraßen hin zum frisch gemachten Zeppelinplatz (der jetzt schon wieder gesperrt ist, weil die Ratten die Renovierung überlebt haben). Über den Campus der Beuth-Hochschule und durch den Kaffeeduft der Mensa, vorbei an den Cafes des schicken Sprengel-Kiezes,  ran ans Wasser des Nordhafens, unter der B 96 durch rauf auf den alten DDR-Grenzpostenweg der mitten durch den Invalidenfriedhof führt (unbedingt lesen: „Halbschattten“ von Uwe Timm, der hier den Totentanz des deutschen Militarismus inszeniert). Mitten durch zwischen Wirtschaftsministerium und Hamburger Bahnhof, rüber zu den Backsteinbauten der Charité, die freundlich ein Türchen im gußeisernen Zaun für Radler offen hält. Durch das dichter werdene Gewusel in der Luisenstraße vorbei am abgesoffenen Erweiterungsbau des Bundestages, Schulterblick nach rechts zur Fahne auf dem Reichstag. Rüber über die Spree. Vorsicht am Hinterausgang der französischen Botschaft, die morgens die Überreste ihrer vorzüglichen Kantine nach Landessitte in stinkenden Plastiksäcken auf den Radweg stellt. Geduldig die immer rote Ampel an der Ecke zum Brandenburger Tor abwarten (zu viele gelangweilte Polizisten, zu viele aufgeregte Touristen) durch die Poller  der seit dem Irakkrieg vor der britischen Botschaft gesperrten Wilhelmstraße und am Plattenbau-Restaurant  „Peking-Ente“ (vormals Reichskanzlei) links ab in einen kleinen Winkel hinter dem Supermarkt. Freundlich grüßen die Bauarbeiter, die mir den ganzen Tag mit frischem Mut ihren Lärm um die Ohren hauen werden. Und ich danke dem Herren, dass es ihm gefallen hat, mir auch an diesem Morgen diesen kleinen belebenden Ausflug zu schenken. Womit hab ich das verdient?

Herr, schmeiß Geist vom Himmel !

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Ich werde Pfingsten ja nie verstehen. Ausschüttung des Heiligen Geistes, flammende Zungen, Reden in fremden Sprachen. Es bleibt mir ein Rätsel, was da eigentlich gefeiert wird. Und das Schlimmste ist: ich bin an meiner Dummheit selber schuld.

Sich schuldig zu fühlen ist ja für einen Katholiken eigentlich ein guter Anfang. In meiner schwer religiösen Phase, so von 10 bis 12, lief ich jede Woche zur Beichte, um dem Pfarrer im dunkel gebeizten Beichtstuhl meine Vergehen zu gestehen, aber es gab keine. Die Zehn Gebote hatte ich treu eingehalten, Vater und Mutter geehrt und auch sonst konnte ich nirgends in meinem blauen Beichtheftchen ein Kreuz machen. Ich war ein braver Junge. Aber um den Herrn Pfarrer nicht zu enttäuschen, oder noch schlimmer, misstrauisch zu machen, erfand ich jede Woche neue, bußwürdige Taten, die der arme Mann mit der müden Stimme mir dann, in Gottes Namen, gegen zehn Vaterunser oder fünf „Gegrüßet seist du Maria“ wieder abnahm. Wenn ich durchgehalten hätte,  hätte ich mit 13 oder 14 beim Firmunterricht einen Einblick in die Bibel, die Mysterien des Glaubens, die Sakramente und eben den hl. Geist bekommen. Doch damals wurden mir andere Sachen wichtiger und ich hatte wirklich keine Lust, Nachmittage  bei einem missmutigen, pensionierten Bundeswehroffizier zu verbringen, der uns den Kathechismus einpauken sollte, währen draußen meine Freunde mit ihren Mopeds die Welt erkundeten. Meine Mutter, die bei meiner Taufe immerhin gelobt hatte, mich im Glauben zu erziehen, nahm meine pubertäre Verweigerungshaltung ohne großen Widerstand zur Kenntnis. Ihr Vertrauen in  die hl. Mutter Kirche war stark erschüttert, seit sie, nach der Geburt ihres dritten Kindes, versucht hatte, mit dem Pfarrer ein direktes Gespräch über erlaubte Verhütungsmethoden zu führen. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich den Verlauf des Gespräches und die hochrroten Ohren des zölibatären Gottesmannes vorzustellen. Verbürgt ist der  zornesrote Kopf meiner Mutter, nachdem er ihr geraten hatte, diese Frage doch in Gottes Hand zu legen. Eine Kirche hat sie seither nur noch zu Beerdigungen betreten.Wo waren wir? Ach ja, bei Pfingsten.

Ich komme nun in das Alter, in dem ich meine Jugendsünden bereue. Wegen des versäumen Unterrichts muss ich versuchen mir selber aus der Bibel einen Reim darauf zu machen, ob es Gott gibt, und ob er mich in all meiner Schwäche  annimmt, ohne dabei auf das Jahrtausende alte Wissen der katholischen Kirche zurück greifen zu können. Um es vorweg zu sagen: Es klappt nicht. Das neue Testament ist eine eher amüsante Lektüre für jeden, der sich schon mal kritisch mit Texten auseinander gesetzt hat. Ich bekam den Eindruck, dass der arme Jesus hauptsächlich damit beschäftigt war, die Mängel des israelitischen Gesundheitssystems auszumerzen. Blutfluss, Fallsucht, Besessenheit heilt er am laufenden Band. Hätte er nicht höheres im Sinn gehabt, er hätte eine gut gehende Praxis in Jerusalem eröffnen können. Diese Fähigkeiten hat er, und nun komme ich langsam zum Punkt, auch auf seine zwölf Gefolgsleute übertragen. Im  Markusevangelium heißt es ganz am Ende: „Diese Zeichen aber werden denen folgen, die an mich glauben: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben …und wenn sie Tödliches trinken wird es ihnen nicht schaden.“ Das scheinen die Jünger nach dem Tod Jesu an Pfingsten gleich mal ausprobiert zu haben – mit hochprozentigem Heiligen Geist. In der Apostelgeschichte heißt es zu Pfingsten: „Und sie wurden alle mit Heiligem Geist erfüllt und fingen an in anderen Sprachen zu reden, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ Einige der Umstehenden scheinen das, da ist die Bibel ehrlich, gut eingeschätzt  zu haben. „Andere aber sagten spottend: Sie sind voll süßen Weines.“ Das einzige, was Paulus als Ausrede dazu einfällt ist: „Diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, denn es ist die dritte Stunde des Tages.“ Als wäre es etwas Besonderes, nach einer Party noch drei Stunden nach Sonnenaufgang gut drauf zu sein. War also Pfingsten nichts anderes als eine überzogene Party der zwölf Freunde Jesu,  und der heilige Geist einer, der aus der Flasche kam? Wenn dem so wäre, hätte ich diese Frage doch zu gerne dem Bischof gestellt, bevor er mir als eifrigem Firmling sanft die Wange getätschelt hätte. Wahrscheinlich hätte er mir eine runtergehauen.