True Colors (Kleine Fluchten II)

Bunt

Einfach mal weg. Wieder unter Leute. Nicht am Sandkastenrand sitzen und nicht mit abgehobenen Wohnungsvermietern telefonieren (Nein, der Fußboden gehört nicht zur Ausstattung, den müssen Sie selber legen.). Raus aus Berlin. Ein bisschen Leichtigkeit. Weiter Himmel… Und schon stolpere ich über ein Angebot für die Documenta in Kassel. War ich noch nie. Will ich mal hin. 179 Euro für eine Übernachtung mit Tagesticket. Wunderbar. Erst als ich die Fahrkarten dazu buche wird mir klar, dass ich gerade dabei bin, 300 Euro für einen Tag in Kassel zu verballern. Und weil ich, neben vielen anderen,  auch unter akuten Verarmungsängsten leide, seit ich Unterhalt zahle und mir die Mietpreise anschaue, schelte ich mich einen Narren und schlafe schlecht. Aber am anderen Tag bin ich froh, die Mutter meiner Söhne beherzt vor vollendete Tatsachen zu stellen und einfach in den Zug zu springen. Dabei den aktuellen Spiegel, eine Streuselschnecke und die vage Aussicht auf ein bisschend Dösen im Großraumwagen. Hat bisher noch immer geklappt.

Kassel empfängt mich mit grauem Himmel. Als ich den griechischen Tempel sehe, der aus verbotenen Büchern gebaut wird, als ich die Leute sehe, die zwischen den Säulen herumstromern, fühle ich mich ein bisschen an die fröhliche Stimmung erinnert, die bei der Reichstagsverhüllung von Christo 1995 in Berlin herrschte. Das Gefühl beim Entstehen von etwas Großem und Wichtigem dabei zu sein. Und als ich sehe, dass einer auch ein Mickey-Maus-Heft an die Säulen geklebt hat, muss ich zum ersten Mal grinsen. Hier sind Leute mit Sinn für Ironie. Hier bin ich richtig.

Das Hotel ist totaler Luxus (… beruhigt die Nerven, singt Anette Humpe). Sauna im 13. Stock, weißer Bademantel. Auf der Freiterasse weht der Wind wie auf einem Ozeandampfer und die feuchten, fettgrünen Berge am Horizont dampfen gleich mit. Und je kleiner die Welt unter meinen weißen Frottelatschen wird, desto sicherer werde ich, dass ich mir das alles redlich verdient habe: hier und heute. Zum Abendessen kleide ich mich um. Im dezent abgedunkelten Restaurant sprechen ein paar Paare gedämpft in italieliensch und polnisch. Der Blick in die Karte verrät mir warum. Die Vorspeise kostet so viel, wie ich sonst für einen ganzen Abend ausgebe. Leise frage ich die Kellnerin, ob das in meinem Pauschalpaket drin ist, ob ich frei wählen kann? Sie huscht nach hinten und kommt nickend zurück. Ich weiß, dass das nicht stimmen kann, aber egal: wenn sie’s sagt. Was kostet die Welt? Ich gehe in die Vollen. Und ganz Weltbürger weise ich sie streng zurecht, als sie versucht mir Salat mit der geräucherten Forelle  gleichzeitig mit dem Teufelsbarsch an Wildreis zu servieren. Ihre Chefin kommt und entschuldigt sich. Obs noch was Süßes zum Abschluss sein darf? Großzuügig nehme ich die Entschädigung an. Ich lese gerade ein Buch über Politiker, die durch ihre Privilegien abheben. Geht ganz schnell, merke ich gerade als auch schon die sauertöpfische Oberkellnerin kommt und nach meiner Zimmernummer fragt. Da sei wohl etwas schief gelaufen. Bedauernd hebe ich die Augenbraue. Wir einigen uns darauf, dass ich wenigstens die Getränke selbst zahle. Innerlich verbuche ich das unter: Ich habe etwas geschenkt bekommen. Etwas, was ich mir selber nie gegönnt hätte. Das ist lange nicht passiert. Mein kleines Abenteuer beginnt mir zu gefallen. An Schlaf ist natürlich nicht zu denken. War der Wildreis zu wild, die Laken zu weiß, das Bett zu leer?  Auf jeden Fall finde ich mich morgens um 7 auf der Auslegeware wieder. Meine Methode, festen Boden unter die Füße zu kriegen, wenn der Kopf Kapriolen schlägt.

Die Kunst kann mich mal. Benommen fahre ich zum Tempel und reihe mich aus lauter Trägheit in eine geführte Gruppe ein. Der schmächtige Bursche, dem ich hinterher laufe weist sich schon durch seinen Shabby Chic (so würde das meine Tochter nennen) und die gewagten Farbkombinationen als Kunstfreund aus. Und was er alles zu erzählen weiß – über die Kunstwerke und die Griechen, die hier im Mittelpunkt stehen und die vielen Interpretationsmöglichkeiten. Ein belesener Mann. Er macht nur den Fehler, am Ende offene Fragen zu stellen. „Und was sehen Sie bei diesem Werk?“ Das hätte er nich machen sollen. Das löst bei mir den „Herr Lehrer, Herr Lehrer, ich weiß was-Reflex“ aus. Ich muss die Hände in die Tasche stecken, um nicht mit den Fingern zu schnippen. Meine Mitschüler müssen mich gehasst haben. Aber meine Lehrer auch. Am Anfang gebe ich ja immer noch Antworten, von denen ich weiß, dass sie ins Konzept passen. Aber irgendwann fange ich an, in einen kleinen Wettkampf einzusteigen: Wer weiß mehr? Als wir bei dem Panzer landen, der aus lauter Sitzkissen zusammengesetzt ist und der Führer fragt, welchen Bezug das zur Stadt Kassel hat, lasse ich lässig ein „Henschel-Werke- heute Krauss Maffei“ fallen. Das nimmt er noch auf . Aber als ich ihn darauf hinweise, dass die Tarnmuster der Kissen aus verschiedenen Nato-Armeen stammen, ernte ich einen leidenden Blick und ich merke, dass ich wieder überzogen habe. Aber immerhin bin ich jetzt wach! Und mein Interesse ist geweckt. Ich laufe herum, komme mit den Leuten ins Gespräch. Alle sind freundlich und zugänglich. Und wenn nicht über die Kunst, kann man übers Wetter reden, wenn man eine Viertelstunde im strömenden Regen vor der neuen Kunsthalle um Einlass wartet. Bin ich ein kluges Kerlchen, dass ich an den Regenschirm gedacht habe. Und herrlich, was es alles zu entdecken gibt. Videos, in denen Mönche singen, knallbunte Masken kanadischer Indianer und Griechen, Griechen, Griechen. Einer hat die Ornamente aus den orthodoxen Klöstern in einem Video gepackt, das er auf den Boden der Kunsthalle projeziert. Wunderschön. Und was machen die Besucher draus? Eine soziale Skulptur. Beuys, dessen Geist und dessen 6000 Eichen hier munter gedeihen, lässt grüßen. Die Teenies nehmen die Platz in Beschlag, lassen sich vom bunte Licht überfluten und machen, was sie immer machen: Selfies. Und nachdem sie auch ihre Eltern unter die Beamer gezerrt haben, fasse ich Mut. Heißt es nicht bei Beuys, dass jeder ein Künstler ist? Also einer Besucherin meine Kamera in die Hand gedrückt und runter unters Licht. Ich gefalle mir so bunt. Ich hätte da liegen bleiben können – und schlafen, schlafen, schlafen.

Absolute Beginners

Wenn ich mich getraut hätte, ihre Hand zu nehmen, wenn ich mich getraut hätte, sie zu küssen, dann wäre alles anders geworden. Das denke ich seit 40 Jahren.

Wir standen hinten in der Konzerthalle und vorne schepperte die Musik. Franz K, Deutschrock, viel zu laut, viel zu unromantisch. Ich hatte einen Plan für den Abend. Erst ihre Hand nehmen, dann den Arm um ihre Taille und dann küssen. So hatte ich das bei den anderen gesehen. So musste das gehen. Vorher wollte ich reden, reden konnte ich gut. Aber hier in der Halle ging das nicht. „Rock in Scheesel, eine Höllensymphonie“ krächzte der Sänger. Wir mussten raus. Dann liefen wir über den Parkplatz, ich hatte schwitzige Hände und ich hab mich nicht getraut sie zu berühren. Das war’s schon. Sie musste zum Zug, schenkte mir noch mal ihr Madonnenlächeln, ihre kastanienbraunen Haare glänzten im Neonlicht und die Zugtür ging zu.

Zwei Tage später, auf einer Sylversterfete lernte sie Ali kennen, den Sohn des Schuldirektors . Der erzähle ihr, dass er sich am liebsten umbringen wolle, sie wollte ihm helfen und so kamen sie zusammen. Ich musste mir am ersten Schultag im neuen Jahr und an jedem Tag danach die beiden knutschend vor dem Schulhof anschauen. Es war meine erste Liebe, und ich war abgewiesen worden. Es war meine Blödheit gewesen. So sah ich das. Ich litt still, denn die Verletzung saß tief.  So tief, dass ich auch meine zweite Chance vermasselte. Eine ihrer Freundinnen steckte mir ein Jahr später in der Bahn: „Du, die Hanne, die fragt oft nach dir, die hat dich noch gern.“ Wir trafen uns am Rhein, liefen die Promenade entlang. Es war kalt, in meinem Kopf lief „Hey Mister Tambourine Man“. Ich stand auf Flower Power, hatte lange Locken und eine gestickte Blume auf der Jeans. „I’m ready to go anywhere, I’m ready to forget…“ Nein, ich war kein Hippie, ich war nicht so locker drauf, wie ich sein wollte. Ich war nicht bereit zu vergeben. Die Chance war vorbei. Wir sahen uns noch ein paar Mal, dann hatte sie was mit Bernd. Bernd konnte Gitarre spielen.

Ich blieb zurück mit einer großen, unerfüllten Sehnsucht, die sich über Jahre nicht stillen ließ. Auch nicht mit den kurzen Begegnungen mit Frauen, die ich danach hatte. Ich lebte mit der Vorstellung, an diesem einen Abend die Weiche verpasst zu haben, ein Mann zu werden, mein Leben auf ein normales Gleis zu setzten mit einer Frau, mit der ich zusammenbleiben konnte, in Urlaub fahren, Pläne schmieden. So wie alle meine Freunde das taten – außer denen, denen das auch nicht gelang. Aber die zählten nicht. Ich schaute nur auf die Glücklichen.

Vor ein paar Wochen bekam ich über einen Freund eine Einladung für ein Jahrgangstreffen. Hanne war nicht auf meiner Schule. Da gab es nur Jungs. Sie war jünger und auf der Mädchenschule auf der anderen Straßenseite. Und trotzdem tauchte ihr Nachname auf der Liste auf.  Ich versuchte es auf gut Glück. Es war ihre Schwägerin. Nach Wochen bekam ich eine Nachricht, von Hanne, dass sie sich sehr freuen würde, wenn wir uns sprechen könnten. Wir tauschten Bilder aus, und ich hoffte, sie würde nicht zu sehr enttäuscht sein, dass meine Lockenpracht verschwunden war. Sie sagte, sie habe mein Lächeln wiedererkannt. Ihre wunderbaren Haare waren auch weg, dem praktischen Kurzhaarschnitt einer Grundschullehrerin zum Opfer gefallen. Der Zauber war gebrochen. Sie sagte, sie wolle im Sommer unbedingt in Berlin vorbei kommen. Ich sagte ihr, dass ich ihr Lächeln auch wieder erkannt hätte. Aber das war gelogen. Vielleicht hat sie es gemerkt.  Seitdem haben wir nichts mehr voneinander gehört.
Ach ja, anderen Jungs ist es anscheinend so ergangen…

 

 

 

 

Friede, Freude, Götterfunken

Foto 1

Ach, es ist doch schön, wenn die Welt mal wieder in Ordnung ist – und seis nur auf dem Berliner Gendarmenmarkt. Die Sonne scheint, die Fahnen wehen. Gepflegte, gebildete und gut gekleidete Menschen treffen sich zwischen klassischen Musentempeln  und singen gemeinsam die Ode an die Freude – und das schon seit sieben Sonntagen. Seit drei Wochen bin ich dabei. Kein Wunder, dass  die Fremdenhasser und Europaspalter in Scharen zu uns überlaufen. In den Niederlanden eine Schlappe für Wilders, im Saarland schlappe 7 Prozent für die AfD. Das sind doch klare Erfolge. Wer kann schon dem Charme einer Französin widerstehen, die von den Stufen des Konzerthauses Geschichten aus ihrer Deutsch-Französischen Ehe preisgibt (dass ihr Vater beim ersten gemeinsamen  Badeurlaub geschockt war von der deutschen Freikörperkultur, aber sich dann seiner Badehose entledigte mit den Worten „Pour l’honeur de la France“). Oder den Klängen von Giora Friedman, der vergangenen Sonntag spielte, als es aus Kannen goss und er uns aufmunterte „I never played in front of so many umbrellas.“ Ja, schön ist das, wenn alle das Gute, Wahre und Schöne  wollen. Und Freiheit und Frieden.

Und dann wird mir von den edlen Reden schlecht, wie von zu viel gutem Kuchen. Ich klettere den Französischen Dom hoch und bringe 30 Meter Höhenluft und 100 Stufen zwischen mich und meine Völkerfreunde. Von oben sieht es dann wieder sehr bewegend aus und ich atme durch. Denke an all den Spaß, den ich vor 10 Jahren hatte, als ich eine irische EU-Delegation betreut habe und vergesse den ganzen Abstimmungsirrsinn, der damit zusammen hing.

Ich bin rechtzeitig wieder unten, als die Fanfaren der Eurovision erklingen. Das finde ich nun sehr geschickt gemacht von den Veranstaltern des „Pulse of Europe“. Man kann ja von Brüssel halten was man will, aber gemeinsam Fernseh gucken, das will sich doch keiner nehmen lassen. „Spiel ohne Grenzen“ war einer der Höhepunkte meiner Jugend. Da dufte die ganze Familie lachen, wenn  Franzosen wie Engländer auf Schmierseife in Wasserbecken ausrutschten. Das war die Zeit, als der Eurovision Song Contest noch „Grand Prix d‘ Eurovision de la Chanson“ hieß.  Und wenn nach der Eurovisions-Fanfare „Aktenzeichen XY“ begann mit der Frage „Hallo Wien?, hallo Zürich? Da merkte ich: Europa ist groß, aber mit der modernen Technik mit einer allwissenden Einrichtung, die Interpol heißt, die manchmal sogar bis in die ferne Stadt Wien kommt, werden wir alle Verbrecher fangen.

Ach, Europa! Ich spanne meinen himmelblauen Schirm auf, auf dem EU 2007.de steht, damit mich meine Freunde wiederfinden. Die richtige Europahymne wird angestimmt, wir singen bis zur zweiten Strophe. Und dann bin ich auf einmal traurig: Denn die heißt am Ende:

Ja, wer auch nur eine Seele

sein nennt auf dem Erdenrund

und wer’s nie gekonnt hat stehle

weinend sich aus diesem Bund.

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Also: Europa ist was zum Party machen. Und wer nicht dazu gehört, wer nicht mitfeiern will, der soll draußen bleiben? Mit etwas an Brüssel geschultem Feinsinn beruhige ich mich: Der Text der Ode ist ja nie offiziell Teil der Hymne Europas geworden. Aber der Eindruck bleibt: Ein bisschen viel Erasmus-Stipendiaten hier, die sich ihrer schönen Zeiten erinnern. Bitte keine Zweifel. Alles freundliche, aufgeschlossene Leute. Für sie ist Europa ein Lebensraum. Mit Pulse of Europe kommt davon zum ersten Mal etwas dieser sich selbst genügenden Welt der professionellen Europäer an die Öffentlichkeit. Das ist schön. Aber es kommt nicht über den Gendarmenmarkt hinaus. Ich stelle mir die Veranstaltung gerade mal in Marzahn oder in Neukölln vor. Das würde wirken wie eine Sekte.

 

 

Virtuelle Verena

Sie kommt eine halbe Stunde zu spät. Ich bin gerade dabei, meine Rechnung zu bezahlen und zu gehen. Sie kommt eine halbe Stunde zu spät und schimpft – mit mir, mit Google-Maps, ich weiß es nicht. Sie habe das Restaurant nicht gefunden, sei die Straße auf und ab gelaufen. Sie ist aufgeregt, weiß nicht wohin mit ihrem dicken, hellen Wintermantel, ihrer Plastiktüte vom Türken. Ich überlege kurz, ob sie eine Frau ist, der man aus dem Mantel hilft. Aber sie bunkert alles um sich herum, und schimpft weiter darüber, dass zu wenig Platz sei und der Stuhl zu unbequem. Sie lächelt dabei. Ist das der Ort, wo du dich mit deinen Freunden triffst?, fragt sie mit russichem Akzent und dreht ungäubig den Kopf. Ich merke, dass ihr Schimpfen ihre Art ist, sich zu entschuldigen. Und ich merke, dass etwas nicht stimmt. Du hast geschrieben, du kennst das Schraders, du arbeitest um die Ecke. Eine abfällige Handbewegung. Was geht mich mein Geschwätz von gestern an, heißt das. Und du arbeitest in einer Musikschule? Sie lacht. Weil ich geschrieben hab, dass ich Musiklehrerin bin? Ja? Sieben Jahre war ich am Konservatorium, aber ich hab das gehasst. Ich arbeite in einer Spielhalle. Ihr Deutsch ist holprig aber faszinierend. Sie ist faszinierend. Elegant, rundes Gesicht, hohe Wangenknochen, wache braune Augen, strahlendes Lächeln, das nicht mehr aufhört. Ich gehe dir nicht mit meinem Deutsch auf die Nerven?, fragt sie. Wir können es ja auf Russisch probieren. Ich könnte viel mehr erzählen, viel mehr Wörter finden auf Russisch. Du hast geschrieben, dass du Russisch magst. Ich nicke. Aber das ist lange her. 1992, zwei Semester nebenbei, aber ich höre die Sprache immer noch gerne. Vielleicht sollte ich aus Höflichkeit die paar Sätze einflechten, die ich behalten habe. Ich lasse es, lasse sie weiter ackern. Sie rutscht auf ihrem Stuhl hin und her. Gibt es nichts anderes, fragt sie, lehnt sich zurück und macht eine entspannte Geste, mit einer Zigarette in der Hand. Wie eine russische Gräfin. Sollen wir ins Hilton gehen, frage ich die Gräfin. Wieso immer Hilton?, antwortet sie großzügig, im Steigenberger gibt es Jazz-Musik live! Hat mir eine Freundin gesagt, fügt sie verdruckst hinzu. Wir versuchen weiter zu reden, über die Kinder, die Heimat, die Eltern. Aber jeder zweite Satz geht schief. Irgendwann hab ich genug. Was mache ich hier? Sie ist schön, sie ist klug und sie hat viel Leben in sich. Aber ohne Sprache geht es nicht. Ich richte mich auf. Verena, was machen wir beiden jetzt?, frage ich sie. Sie schaut mich an und knipst ihr Lächeln aus. Ja, du hast recht, sagt sie, ich bin auch müde und nestelt an ihren Sachen herum. Geh schon mal nach vorne und hol deinen Mantel, bittet sie. Sie will nicht, dass ich sehe, wie sie sich fertig macht. Kein Blick mehr an der Tür, sie geht in die Nacht mit gesenktem Kopf, mit ihrer Plastiktüte, wie ein getretener Hund.

Sprung in die Vergangenheit

fotoIch koennt jetzt anfangen mit dem Lustigen, mit dem was wirklich jeder von Asien kennt. Mit dem ueberladenen Moped, das an uns vorbeifaehrt. Silber glaenzen die Aluminiumtoepfe und Schuesseln, die kunstvoll um einen Kaefig herum gebunden sind. Wir sitzen im Schatten eines kambodschanischen Stelzenhauses, und Vannareth, mein Guide, zeigt auf den Haendler: He sells pots to the people. And when they have no money, they give him a dog. For eating. Do you wanna try dog?

Nein, ich hab kein Hundefleisch probiert, obwohl er mir genuesslich den Geschmack angepriesen hat: Something between beef and chicken, very soft. Ich erklaerte ihm, dass in Europa die Hunde so etwas wie Freunde und Gefaehrten sind und dass wir Freunde nicht essen. Ist natuerlich etwas vereinfacht, nicht das mit dem Esssen, aber das mit den Freunden, vor allem wenn ich zurueck an Berlin denke.  Aber sonst bin ich ihm gefolgt auf seiner Reise ueber das Land seiner Kindheit nahe von Angkor Wat. Er hat mich einfach mitgenommen.  Es war eine Freude dabei zu sein, wie er ueberall da stoppte, wo er etwas  von den Geschmaeckern und den Abenteuern seiner Jugend wiederfand. Bei einer Familie, die Palmsirup kochte schleckte er mit einem Bambusstaebchen im leeren Siedetopf herum, so wie ich das frueher in der Teigschuessel meiner Mutter gemacht habe.  Vom frisch destillierten Reiswein probierten wir auch und vom frischen Palmsaft, den die Bauern in aufgeschlitzten Plasikflaschen vom Gipfel der Baeume holten trank er gleich einen halben Liter. Als er auf einem Hof ein Wurfnetz fand, zeigte er mir, wie man damit Fische im Reisfeld faengt. Und wie ein kleiner Junge, der nicht erwischt werden will, haengte er es ohne etwas zu sagen an die Rueckseite eines Pfeilers, obwohl es bei seien Wuerfen einen Riss bekommen hatte.  Und weil es die Welt seiner Kindheit war, war es eine heile Welt, die er mir zeigt. Wo die Kinder mit grossen Stecken auf den trockenen Reisfeldern nach Krabben graben und wo ein kleiner Junge mit seinem Vater im Schlamm des Entwaesserungsgrabens nach Fischen buddelt. Kinder lernen von ihren Eltern und mit ihren Eltern, was sie zum Leben brauchen. Eine Illusion, aber eine schoene. Und ich merkte, wie ich am anderen Ende der Welt eintauchte in meine Kindheit. Wo wir gemeinsam mit meiner Mutter im Herbst mit den Bauern auf den Acker gingen, um  Kartoffeln zu sammeln, Karoffelfeuer anzuendeten und  zum Ruebenstechen gingen. Das war kein Bullerbue, sondern richtige Arbeit. Aber als Belohnung durften wir dann mit dem Schlepper mitfahren. Das war so ein komisches Ding, ein Motor auf zwei Raedern, der vor den Anhaenger gespannt wurde. Agria war die Marke. Und mit den gleichen Dingern, die grobe Variante Made in China mit gefaehrlich offen laufenden Keilriemen, jagen die Bauern hier ueber die holprigen, tennisplatzroten Schotterpisten. They are faster then a chart pulled by waterbuffalos and they can power a generator, sagt Vannerth lakonisch, als wir mit unseren Mopeds am Abend staubbedeckt zurueck in die schaebige, laute Stadt Siem Reap knattern. Er ist mitte Dreissig, geschieden und raucht zu viel. Sein Sohn lebt bei der Mutter. Seine Kindheit ist auch lange vorbei.