Vom richtigen Zeitpunkt

Es gibt ja Sachen, die müssen gemacht werden. Aber ich mache sie trotzdem nicht. Oder zumindest nicht dann, wenn sie gemacht werden sollten. Ein andermal eben, wenns besser passt, wenns gut reinläuft. Aber wenn ich nach dem Lustprinzip leben will wie ein alter Hippie und gleichzeitg meine bürgerliche Existenz weiter führen will, dann führt das dazu, dass mir für die Pflichtaufgaben nur ein freies, also kinderfreies, Wochendende übrigbleibt. Freedom’s just another word for nothing left to loose. Und das sieht dann so aus:

Freitagabend um Sechse darf ich aus dem Büro. Es ist dunkel und kalter Niesel zieht mir die Schultern hoch. Prima Wetter für einen ersten Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, denke ich, muss mich stärken für die halbe Stunde mit dem Rad nach Hause und die Besorgungen, die ich machen muss. Glühwein denke ich und Bratwurst. Bratwurst ist nicht, sagt mir mein Kopf. Du bist Vegetarier. Aber es ist doch Weihnachten, entgegne ich. Es ist noch nicht mal Advent, kommt es barsch zurück. Ich habe Glück: In der hinteren Ecke  des verloren wirkenden Weihnachtsmarktes zwischen Friedrichstraße und dem Bundespresseamt rieche ich heimatliche Düfte: rheinische Reibekuchen. 100 Prozent vegan und gibt’s nicht alle Tage. Das Gewissen ist zufrieden, der Bauch auch. Mit dem Schoppen Glühwein fährt sichs beschwingt durch das Sauwetter. Wolltest du nicht noch zur Post, das Päckchen mit den Legosteinen für die Jungs abholen? Nö, Freitagabend ist da immer ne riesen Freitagabendschlange, für alle, die sonst nie Zeit haben. Ich geh da morgen früh hin, gleich um Neune. Dann ist da keiner.

Samstagmorgen um Zehne ist die Schlange noch länger als am Tag davor. Natürlich hatte ich vor, um Neune da zu sein. Aber die Nacht war kalt. Die Nachbarin im Parterre unter mir spart wohl an der Heizung. Und als es endlich warm wurde in meinem Bett wurde es auch schon hell. Wer kann da von einem verlangen, gleich aufzuspringen? An meinem freien Tag? Nach einer halben Stunde Schlange bin ich dran. Na, das Päckchen hätte wohl auch durch meinen Briefschlitz gepasst, meckere ich die Postfrau an. Hätte schon, gibt sie mit einem Hauch von Demut zurück, aber es war ja nie bei ihnen. Unser Fahrer hat es gleich hier gelassen, und bei ihnen eine Karte reingeworfen. Na dankeschön! Wenn sie sich beschweren wollen: Das haben heute schon sieben andere getan. War auch schon in der Presse. Der Nächste bitte!

Ich finde Trost im Simit Evi, dem türkischen Frühstückscafe vor dem neuen Jobcenter, gleich neben der Bibliothek. Bibliothek, denke ich. Wolltest du nicht mal wieder ein Buch lesen? Immerhin warst du vorgestern bei der Lesung von Salman Rushdie. „Golden House“ ist natürlich reserviert, aber Robert Harris „München“ gibt es. Auch neu. Wieder Geld gespart, lobe ich mich, bis ich draußen versuche meinen Helm aufzusetzen. Klappt nicht, weil der ist nicht da. Zurück zum Türken, zurück zur Post. Weg! Na, war sowieso alt, sag ich mir und zum Fahrradladen wolltest du eh.

Der winzige Radladen, den ich schon seit Jahren am Leben erhalte, wird bevölkert von einem struppigen Rothaarigen, der aus Mittelerde gefallen ist und einer Spanierin, die sich stolz weigert, Deutsch zu lernen. Zudem ist sie schwerhörig. Als ich den Laden eine halbe Stunde später verlasse, habe ich einen himmelblauen italienschen Sturzhelm mit rotem Rücklicht und eine Tüte mit Ersatzteilen für die Räder meiner Kinder. Die Spanierin hat dafür die Adresse meiner Hörgeräteakustikerin. Und weil ich so glücklich bin mit meinem Kauf, geh ich zu Tschibo. Da finde ich immer was, von dem ich nicht wusste, dass ich es brauche. Und solche Besorgungen müssen ja auch erledigt werden. Heute ist es ein zusammenfaltbarer Rucksack, der in eine handkäskleine Tasche passt. Eine direkte Weiterentwicklung der Dederon-Einkaufsbeutel aus der DDR. Was war das für ein Geächtse im Februar, bei meinem Asien-Urlaub. Ein großer Rucksack und ein Koffer, aber nichts für einen Tagesausflug in die Stadt. Und jetzt? Perfekt gerüstet. Und weil er so gut und so federleicht an meinen Rücken passt, lasse ich ihn gleich an. Schwarzer Rucksack auf schwarzen Mantel – passt perfekt.

Nächste Station Bio-Laden. Ich schlage ordentlich zu, denn ich will mal wieder was Ordentliches kochen. Aber als ich einpacken will, suche ich den Rucksack – vergeblich. Voll Ingrimm bitte ich die Verkäuferin, die Sachen für mich aufzubewahren, während ich mir zurück in Richtung Tschibo mache. Weil ich mich inzwischen gut auskenne mit mir, brauche ich nur bis zur nächsten Ampel, um raus zu bekommen, dass der schwarze Riemen auf meiner Schulter vor einer halben Stunde noch nicht da war. Trägt wirklich nicht auf, das Ding. Zurück zu Hause merke ich, dass ich auch noch beim Drogeriemarkt war und staple die fünf Packungen Rasierklingen zu den vier, die schon da waren.

Warum erzähle ich das alles? Weil genau jetzt, nach einem so wundervollen Morgen, jetzt, wenn das fahle Licht der Sonne noch ausreicht, die Staubflocken zu erkennen; jetzt, solange die mürrische Nachbarin sich nicht auf Mittags-, Sonntags- oder Totenruhe berufen kann, genau jetzt eben der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um meine Wohnung zu saugen. Was mir drei Wochen unmöglich erschien -jetzt wird es Wirklichkeit. Wie ein Derwisch wirbele ich durch die Zimmer, verschiebe Betten, lüpfe Teppiche, demontiere die Kindereisenbahn um nun auch jedes, aber wirklich jedes Staubkorn zu erwischen. Nach einer einer erfolgreichen Jagd, auf der ich auch noch ein paar Playmobil-Schwerter durch den Schlauch habe rasseln lassen,  blase ich den Rauch aus der Mündung meines Staubsaugers. Gut gemacht! Und im Schein der untergehenden Sonne sehe ich meine nächste Beute: Die Bügelwäsche. Schon glüht das Bügeleisen, schon knallt das Bügelbrett in Position… Nichst ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

 

 

 

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Unterschlagung

Wenn Genesis es hinkriegt, aus drei Paragraphen des britischen Strafgesetzbuches (Robbery, Assault and Battery) einen Song zu machen, so sollte es mir doch gelingen, aus einem einzigen Straftatbestand einen ordentlichen Beitrag hinzubekommen.

Vor Gericht:

Der Angeklagte: Ja, Herr Vorsitzender: Ich gestehe. Ich habe unterschlagen.  Und ich tue das schon eine ganze Weile.

Einmalige Eindrücke, kleine Geschichten, tolle Überschriften, schräge Bilder, wahre Gefühle und unzensierte Gendanken – ich behalte sie einfach für mich. Ich weiß, dass ich mich in meiner Selbstdarstellung zu diesem Blog dazu verpflichtet habe, sie mit allen zu teilen. Die Frau Staatsanwältin hat es ja schon zitiert: Ich habe geschrieben: „Manche Geschichten sind einfach zu schön, als dass sie vergessen werden dürften. Deswegen schreib ich sie hier auf.“ Ja, das war vor Jahren, damals habe ich das so locker dahin geworfen. Heute mache ich mir Gedanken, viele Gedanken, ob ich etwas aufschreiben soll oder nicht. Die dritte Geschichte bei einem Friseur, das nächste Erlebnis in einer Bäckerei. Der Einkauf im Späti, die Gestalten in meinem Bio-Laden. Ich gebe zu: Der Reflex ist noch da. Jedes Mal fange ich an zu formulieren, sehe die Zeilen vor mir und schmecke die verschiedenen Anfänge wie guten Wein. Aber dann hört es auf. Ich muss gar nicht mehr an den Rechner um es auszuformulieren. Allein der Gedanke, dass ich es könnte, reicht mir.

Der Verteidiger: Herr Vorsitzender, ich möchte zum besseren Verständnis dessen, was mein Mandant gerade unvorsichtig formuliert hat sagen, dass er eigentlich gar nichts mehr erlebt, was des Teilens mit seinen Lesern würdig wäre. Somit ist auch der Tatbestand der Unterschlagung nicht erfüllt. Seit er aus den desolaten Verhältnissen einer kleinen Hinterhofwohnung in eine etwas angemessenere Bleibe in einer ruhigen Seitenstraße gezogen ist, ist es vorbei mit den kleinen Geschichen. Auch hat er sein Smartphone verloren, mit dem er früher die Bilder aufnahm, die ihn zu Geschichten inspirierten. Seither ist er in eine Art „Kommunikationspurismus“ zurückgefallen.  Zudem wurde ihm ärztlicherseits frühe und ausreichende Nachtruhe verordnet.

Die Staatsanwältin: Herr Kollege, das sie versuchen Verständnis für Ihren Mandanten zu wecken, ist verständlich. Aber leider haben wir auf der Festplatte des Angeklagten mehrere Entwürfe sicherstellen können, die so vielversprechende  Titel trugen wie „Ein Platz, ein Spatz und die Liebe zur DDR“ „Die kleine Claudia“ oder „Die Macht der Bilder“. Hier sind der Öffentlichkeit durchaus interessante Ausführungen vorenthalten worden. Außerdem möchte ich auf den abschließenden Teil seiner Selbstverpflichtung hinweisen, in der er erklärte „wenn ich mein tägliches Klein-Klein mal niederschreibe, merke ich, dass ich nur durch die Tür gehen muss, die geschlossen erscheint, die aber, wie Franz es ja weiß, immer offen steht.“  Die Vertreterin der Anklage kann nachweisen, dass dem Angeklagten in der jüngsten Vergangenheit mehrfach gelungen ist, solche „offenen Türen“ zu durchschreiten, ohne davon zu berichten. So fanden wir bei der Durchsuchung eine Theaterkarte für die letzte Aufführung von „Die Reise nach Reims“, die schon seit Monaten ausverkauft war. Laut des Beleges muss sie wenige Minuten vor Aufführungsbeginn in den Besitz des Angeklagten gekommen sein. Solche positiven Geschichten der Leserschaft vorzuenthalten, erhöht noch die Schwere der Schuld.

Der Verteidiger: Herr Vorsitzernder, ich möchte Sie bitten, die Sitzung kurz zu unterbrechen. Ich möchte mit meinem Mandanten das vorliegende Material noch einmal sichten. Außerdem ist es Zeit für die Nachtruhe. Sie müssen entschuldigen.

Kafa on the road – reloaded

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freundinnen und Freunde von Kafkaontheroad – Lords, Romans, Countrymen: Dieser Blog ist jetzt drei Jahre alt. Darüber freue ich mich sehr. Er wird von mehr als hundert Menschen gelesen, worunter sich eine erhebliche Anzahl von Katzenliebhaberinnen und Hobbyköchen befinden. Seid willkommen.

Vor drei Jahren sagte mein kluger Freund Thomas: Schreib mal einen Blog und dann schau mal nach ein- zwei Jahren. Du wirst dich wundern, wie sich das, was du schreibst verändert hat. Recht hatte er.

Und zur Feier des Tages enthülle ich das lang gehütete Geheimnis:

Wie mein Blog zu seinem Namen kam.

Es war eine Fahrt von Berlin nach Freiburg in einem geliehenen Auto mit meiner Tochter, die  mich (die Fahrt, nicht die Tochter) meine wenigen verbliebenen Nerven kostete. Daraus wurde einer der ersten Blogbeiträge. Heute würde ich weniger paranoid und weniger dramatisch schreiben. Und vielleicht bin ich weniger paranoid und einfach ein wenig gelassener – wäre ja ein schöner Erfolg.

Aber überzeugt euch selbst. Hier die kafkaeske Geschichte im ungekürzten Original:

 

Kafka On The Road

Flughafen Berlin-Tegel, morgens früh um Sieben. Ich habe ein Auto gemietet. Ich will meine Tochter mitsamt dem komprimierten Inhalt ihrer Berliner Teenagerhöhle in ein Studentenwohnheim in Süddeutschland verfrachten. Es ist ein herrlich sonniger Herbsttag.  Doch in meinem Herzen ist Finsternis.

Ich habe Angst vor anonymen, übermächtigen Institutionen. Nicht vor der NSA oder dem MAD – wieso sollten die sich für mich interessieren? Aber wenn ich im Internet einen Mietwagen buche, online, also ohne mit einem Menschen gesprochen zu haben, dann ist es mir, als begäbe ich mich in die Hände einer riesigen bösartigen Organisation, ein Moloch mit 1000 hinterlistigen unqualifizierten, unwilligen Mitarbeitern, die nichts anderes im Sinn haben, als sich das Leben leicht und mir schwer zu machen. Sie nehmen einfach mein Geld, schicken mir eine PDF. Und dann stehe ich am Schalter und es stellt sich heraus, dass das alles nichts gilt, dass meine Buchung nicht im System ist und die feisten Angestellten stellen sich dumm. – und ich stehe da, weiß nicht was ich machen soll und mein Geld bekomme ich nie wieder zurück…

Ehrlich gesagt ist mir das noch nie wirklich passiert. Eigentlich ist immer alles gut gegangen, mal abgesehen von dem Kleinbus, damals in Heidelberg, der plötzlich eine Delle im Dach hatte, aber das ist eine andere Geschichte…. Selbst in der Türkei haben sie unser verdrecktes Auto, das wir im fliegendem Wechsel fünf Minuten vor dem Abflug abgegeben haben anstandslos zurückgenommen. Aber was heißt das schon? Gleich heute kann die Bosheit des Systems zuschlagen – und du bist für immer erledigt!

Ich bin fast pünktlich, aber nervös. Ich wollte schon vor einer halben Stunde anrufen, dass ich 10 Minuten zu spät komme- keiner geht ran. Drei Mal habe ich den Lageplan der Autovermietung nachgeschaut. Aus einem unerklärlichen Grund sieht es für mich so aus, als sei Vermietungsstation am Berliner Flughafen eine abgelegene Baracke, die quasi unauffindbar, ganz weit weg vom Flughafen liegt. Das machen sie extra, damit nur Eingeweihte und erfahrene Reisende sie finden. Und wer nicht pünktlich erscheint, dessen Auto geben sie ganz fix jemand anderem. Das steht bestimmt in einer ganz klein gedruckten Einverständniserklärung, die ich irgendwo angeklickt habe – und dann kommt es, wie ich es schon immer befürchtet habe: Das Auto ist weg und meine Tochter steht mit ihren Kartons und Plastiktüten voller  H&M Kram im Regen und schimpft mich einen Dummkopf. Bin ich ja auch, hätte ja alles lesen können. Aber das Buchen im Internet ist mir so unangenehm, dass ich es möglichst schnell hinter mich bringen will…

Natürlich interessiert es niemand, ob ich zu spät komme. Kaum bin ich am Flughafen, werde ich geblendet von Wegweisern zur zentralen Autovermietung. Eine Treppe runter und ich bin da. Wären ja auch schön blöd, wenn sie es anders machen würden. Wollen ja Geld verdienen, schließlich. Warum ist mir das nicht vorher eingefallen? Also jetzt vor dem Schalter: Vor mir lässige Nordeuropäer mit ihrem souveränem Englisch -Weltreisende -whow. Ich bin noch ganz klein vor Neid, als mich die adrette Frau hinter dem Schalter heranbittet. Ruck zuck geht das. Schon habe ich ein Vertragsformular vor der Nase, dass ich in dem blinden Vertrauen unterschreibe, dass die geschäftige Freundlichkeit der Frau für den Bruchteil einer Sekunde in mir geweckt hat. Jetzt habe den Autoschlüssel in der Hand und gleich um die Ecke steht der Wagen. Ein nagelneuer Golf. Den darf ich jetzt haben.

Wenn ich nur wüsste, wie ich ohne Kratzer aus dem Parkhaus komme. Und dann die Stadt und erst die Autobahn! 19 Jahre habe ich meine Tochter mit Liebe beim groß werden begleitet, und jetzt setze ich leichtfertig ihr Leben aufs Spiel. Soll ich ihr nicht lieber eine Zugfahrkarte kaufen und ihre Wohnungseinrichtung mit einer Spedition hinterherschicken? Mit einem richtigen Lastwagen und Leuten, die richtig fahren können?

Die ganze Fahrt lang passierte: Nichts! Mit jedem Kilometer wuchs die Zuversicht. Bald flog ich mit 160 dem Süden entgegen. Töchterchen hatte das iPhone angeschlossen und den Navi programmiert. Ich folgte der süßen, verständnisvollen Stimme und meine Beifahrerin lobte meine entspannte Fahrweise. Angekommen in Freiburg lief alles super. Das Zimmer war schön, die Sachen schnell verstaut, und schon am ersten Abend feierte meine Tochter mit einer Flasche Campari beim Zimmernachbarn, während ihr alter Vater auf der Iso-Matte schlief.

Doch das System konnte mich nicht vergessen haben – das wußte ich. Unweigerlich nahte der Tag, da ich das Auto wieder abgeben musste. Noch stand es vor der Tür, im frischen Lack und unbeschädigt. Doch wer weiß, was am nächsten Tag noch alles geschehen würde? Ich würde in die Stadt fahren, in der winzigen Innenstadt einen Parkplatz finden müssen und die Unversehrtheit meines Gefährts im Gewühl gegen hunderte unberechenbare Autofahrer verteidigen müssen. Und dann die Rückgabe! Einige Kratzer waren schon im Übergabeprotokoll vermerkt, aber sicher würde der akribische Bedienstete der Vermietung mehrfach um das Fahrzeug zirkeln, weitere Schäden entdecken, um sie mir dann unter zu schieben. Ich fragte mich, ob ich einen guten Anwalt kenne, mir fiel aber keiner ein.

Golden schien die Herbstsonne auf mein makelloses Auto, als ich schweißgebadet auf den Hof der Vermietung fuhr. Sauber stellte ich es in Blickweite des Vermietungsbüros ab und ging tapfer durch die Tür, um mich der Übergabeprozedur zu stellen. Mit halbem Auge linste ein junger Landenschwengel hinter seinem Computer hervor. „Schlüssel und Papiere bitte.“ Pflichtschuldig reichte ich ihm das Gewünschte. Drei, vier Klicks später murmelte er: „Alles ok, vielen Dank“ und wollte nichts mehr von mir wissen. Benommen verabschiedete ich mich und torkelte ins Freie. War’s das jetzt? Das kann doch nicht alles gewesen sein? So viel Vertrauen habe ich mir immer erträumt, aber nie für möglich gehalten. Glückliches Baden Württemberg! Ist im Süden wirklich alles entspannter? Soll ich nicht einfach hier bleiben?

Mein Glücksgefühl währte nur kurz. Schon in der Straßenbahn zum Bahnhof überlief es mich siedend heiß: Ich habe ja gar nichts in der Hand! Kein Übergabeprotokoll, kein Nachweis, dass ich das Auto überhaupt abgegeben habe. Der Jungspund hatte mich übers Ohr gehauen, war jetzt wahrscheinlich mit dem Auto schon über die französischen Grenze und verscherbelte es dort um sich dann hinterher dumm zu stellen: „Ein Auto? hab ich nie gekriegt.“ Nur mit äußerster Anstrengung gelang es mir, nicht die Notbremse zu ziehen. Und ich weiß bis heute nicht, was mich davon abgehalten hat, im Laufschritt zurück zu rennen, um mir von der Vermietung eine gesiegelte Urkunde ausstellen zu lassen, die mir amtlich bescheinigt, dass das Auto wieder wohlbehalten in den Händen seines Eigentümers ist, und dass ich an keinem Schaden Schuld trage.

Es hätte mir alles nicht genutzt. Denn ich hätte wissen müssen, dass sie es mir nicht so einfach machen. Ich hatte ganz vergessen, dass das Grausame im System nicht mit Absicht, sondern aus Dummheit begangen wird.

Eine Woche später war immer noch kein Zeichen da. Keine Abrechnung, keine Mail, nichts. Ich hielt diese brennende Ungewissheit nicht mehr aus. Ich wollte wissen, was mit dem Auto war und wie viel ich jetzt zahlen muss. Ich hatte schon gegoogelt, was ein neuer Golf kostet und überschlagen, wie viel von meinem Ersparten ich wohl schnell dafür zusammenkratzen könnte. Immer wieder hatte ich die Webseite der Vermietung besucht. Sie versprach mir höhnisch jedes mal, dass ich schon nach 48 Stunden meine Rechnung herunterladen könne, doch nie konnte sie eine Rechnung finden. Natürlich, die feisten Gesellen in der Zentrale wollten ihren Triumph auskosten. Sie wussten, dass ich nichts in der Hand hatte, um mich gegen ihre dreisten Forderungen zu wehren, die sie jetzt genüsslich in die höchsten Höhen schraubten würden. In meiner Not rief ich die Hotline an.

Warteschleife, Knacken, dann eine Begrüßung in einem Deutsch, das die Weiten des Ostens klingen ließ. Sie sitzen also im Osten,… (wo sich ja immer die Zentralen des Bösen verstecken). „Ihre Rechnungsnummer bitte, forderte die dunkle Frauenstimme. Dann Tastaturgeklapper, Straßengeräusche. Wo war ich? Mit wem sprach ich? „Ihre Rechnung ist noch nicht fertig, kam es mit dem harten Akzent von der anderen Seite der Leitung, „es gibt da ein … Problem.“  Es durchfuhr mich, als hätte ich statt des Telefons ein Starkstromkabel in der Hand. Ich war zum Problem im riesigen, weltumspannenden Netz dieses Unternehmens geworden, und ich wusste, wie solche Organisationen mit Menschen umgehen, die ihnen Probleme machen. „Welches Problem?“ fragte ich zaghaft. „Ich kann das heute nicht mehr klären, kam die ebenso zaghafte Antwort, „wir sind in Ungarn und es ist Feiertag. Wir schicken Ihnen morgen eine Mail.“ Ungarn also. War das die neue Filale von „Russisch Inkasso“? Ich hatte noch 24 Stunden Zeit, in denen ich mich entscheiden konnte, ob ich vor den bezahlten Häschern fliehe, oder ob ich mich einfach tot stelle und auf die winzig kleine Chance hoffe, dass das System mich vergisst….

Ich habe nie eine Mail bekommen. Ich habe auch nie eine Rechnung bekommen. Nach zwei Wochen erhielt ich einen kleinen Brief, dessen Absender ein Briefzentrum in Belgien war. Er enthielt einen Verrechnungsscheck über 70 Euro.

Jetzt warte ich darauf, dass das System merkt, dass es sich geirrt hat. Sie werden mich nicht vergessen – das weiß ich.

 

Music was my first love

Nun, das ist gelogen. Meine erste Liebe hieß Patricia und ging mit mir in die Grundschule. Ich brachte sie immer zum Bahnhof, auch wenn die Anderen sich das Maul zerissen. Das mit der Musik kam später- nach den Rübezahl-Platten meines Großvaters. Als ich 10 oder 11 war ergatterte ich das alte Röhrenradio meiner Großeltern und hörte  in meinem Zimmer Südwestfunk: „Vom Telefon zum Mikrofon“. Eine Wunschsendung, in der verlässlich jede Woche der Montanara Chor (Hörst du das Lied der Berge…?) und der Gefangenen-Chor aus Aida erbeten wurden. Auch Fred Bertelmann, der singende Vagabund, war ein Dauerbrenner. Meine Mutter mochte den – sehr. Manchmal schaltete ich auf Mittelwelle, tunte das „Magische Auge“, eine grün leuchtende Röhre, die die beste Sendestärke anzeigte und hörte Radio Moskau auf Deutsch, um mich zu gruseln. Popmusik gab es erst später, nach 10 Uhr. Das Radio brummte, die Röhren leuchteten und der Sprecher, er hieß Frank oder so ähnlich, führte mich  mit sonorer Stimme ein in die geheimnisvolle Welt der Beatles.  Von da an war klar: Popmusik kommt nicht von dieser Welt, wird nicht von Menschen und Instrumenten gemacht, sondern schwebt im Äther. Es ist etwas, was immer schon da war, so wie die Beatles und das ab abends um 10 von Frank zelebriert wird. Die Texte der Songs waren geheime Botschaften, weil ich kein Englisch verstand. Das wurde Hauptschülern damals noch nicht beigebracht. So war die Musik in Franks Sendungen für mich das, was früher die lateinischen Messen dem Katholiken waren: Ein Mysterium, in das ich alles hinein phantasieren konnte, was ich wollte. Zu Weihnachten wünschte ich mir einen Casettenrekorder. Damit konnte ich Stücke der abendlichen Messen mitschneiden und verehren wie Reliquien. Die orangen BASF-Casetten leierten. Das verstärkte den meditativen Sound von „Strawberry Fields“ enorm. Irgendwann erbten wir die Musiktruhe meines Opas. Da war ein Schallplattenspieler drin. Und das Geld reichte genau für zwei LP’s: Das rote und das blaue Album der Beatles. Mehr brauchte ich ja auch nicht. Das war ein geschlossenes Universum außerhalb dessen es keine Musik gab und keine Welt.

Irgendwann erzählte Frank etwas von San Francisco, Blumenkindern und dem Sommer der Liebe. Und mit Scott McKenzie rauschte ich nahtlos von Liverpool an die Westküste, wo es für mich nur Hippies und glückliche Menschen gab. Natürlich ahnte ich, dass ich zu spät war. Es gab die Bravo und „Disco“ mit Ilia Richter. Da lief anderes, Slade und Sweet – Glamrock mit Plateausohlen. Wer in unserer Klasse cool sein wollte hörte Genesis oder Pink Floyd. Aber ich malte mir unverdrossen „Love“ und „Peace“ auf meine erste Jeans und ließ mir die Locken wachsen, pilgerte zu „Jesus Christ Superstar“, sah mir „Hair“ im Kino an und tanzte mit dem Ober-Hippie auf dem Tisch. Als er am Ende in Vietnam starb, hab ich geheult.

40 Jahre später ist der Himmel leer. Meine Casetten habe ich weggeworfen, die Mini-Discs auch und den Karton mit CDs die mir im Laufe der Zeit über den Weg liefen, habe ich in den Keller geräumt.

Aber die magischen Abende gibt es wieder. Mein Frank heißt jetzt YouTube. Es zeigt mir die Musik, die es damals öffentlich-rechtlich nicht geben durfte und die Platten, nach denen ich nie gesucht habe. Ich nehme abends um 10 den Laptop auf den Schoß, setze die Kopfhörer auf, und los gehts. Meist fange mit einem Lied an, das ich von irgendwoher kenne, oder das mir ein Blogger empfohlen hat und lass mich dann weiter treiben. Schön sind diese Entdeckungsreisen. Viel Soul, alte Briten wie The Who, Weltmusik wie Transglobal Underground oder Jazz von Chet Baker. Für einen Abend kann ich nicht genug davon kriegen, und dann ist’s vorbei. Nur als David Bowie gestorben ist, hab ich mir zwei Wochen nichts anderes angeschaut. Von ihm kannte ich bisher nichts als „Heroes“. Das war wieder ein Eintauchen in einen kleinen Kosmos. Aber anders als früher sehe ich die Menschen, die die Musik machen. Das ist das gute an den Videos. Ich sehe die Entwicklungen, die Gesichter und auch das Tragische. Und es ist mir, als hätte ich sie immer schon gekannt, auch damals schon, als ich neben dem Radio lag. „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“, sagt mein Therapeut.

Fingerübung

Heute war Schreibseminar. Rein beruflich. 15 Frauen und ich. Wir lernten das automatische Schreiben. Sieben Minuten ohne aufzuhören. Nur Hauptsätze, aber alles was einem durch den Kopf geht. Thema ist „Jetzt“ und los gehts:

Aua, meine Schulter tut weh. Hätte ich besser aufgepasst. Blöder Bordstein. War doch so ein schöner Abend. Und dann genau vor der Haustür. Der Arzt hat mich lange warten lassen. Kann auch nichts finden. Tut aber weh. Er schaut aufs Röntgenbild. Ist alles in Ordnung, sagt er. Können noch ein MRT machen. Will nicht in die Röhre. Jetzt tut die Schulter aber wieder weh. Blöde Schulter. Warum muss ich auch die Garage ausräumen? Mit einer kranken Schulter. Schämen sollst du dich. Hat der Arzt aber nicht gesagt. Hat nicht gesagt, dass ich mich schonen soll. Bleibt das jetzt so? Für immer? Was wird mit meinem Motorrad? Ich kann es nicht mehr wegfahren- in die Garage. Du lügst. Bist heute gefahren. Bist durch die Stadt gefahren. Zu dem Seminar mit den 15 Frauen. Musste sein. Hat aber keine gesehen, mein Motorrad. Stand ja draußen. Hätte es ja in den zweiten Stock getragen. Aber die Schulter tut ja weh. Noch eine Minute. Was soll ich sagen? Die Tabletten helfen auch nicht. Aua!. Ich werde heute Nacht nicht schlafen können. Ach, das wird schon wieder.

Voll Retro

Es ist gerade schwer, mich zu erreichen – nicht telefonisch, aber  whatsappisch oder facebookisch.  Mein altes iPhone liegt vermutlich im Straßengraben der AVUS und wartet auf künftige Generationen, die sich  freuen werden, wenn sie an der verwaisten Autobahn die Wiesen durchsteifen und das zerdepperte Gerät finden. Welche wunderbare Sammlung von Gold, Silber und seltenen Erden. Es war natürlich nicht schön, das Telefon zu verlieren, gerade mitten im Umzug, wenn Handwerker Termine vereinbaren wollen, Nachmieter den Einzugstermin und und und… Also griff ich zum nächstbesten Ersatz – ein Rentner-Handy mit großen Tasten für 25 Euro, um meine „Erreichbarkeit“ wieder her zu stellen. Und was soll ich sagen? – Mir gefällt’s!

Ein neues Telefon ist ein neues Telefon. Es riecht gut nach – na ja, frischem Lötzinn und Plastik vielleicht, auf  jeden Fall neu – und es hat eine Betriebsanleitung, an der ich nicht verzweifeln muss. Es macht mir  Spaß, dass mein Wissen von vor 15 Jahren  mir noch nützlich sein kann. Menüs mit Pfeiltasten bedienen, die Doppelt- und Dreifach- Belegung  der Zifferntasten zu erkunden – Ich fühlte mich 10 Jahre jünger, ganz in meinem Element. Und ein UKW-Radio hat es auch – da darf sich Apple mal eine Scheibe von abschneiden. In der Süddeutschen las ich neulich, dass das Wissen, das sich ein heute Fünfzigjähriger in seinen Zwanzigern angeeignet hat, heute obsolet sei, ebenso wie das Wissen, das er sich heute aneignet – das sei schon in zehn Jahren überholt. Ach, was für ein Quatsch. Ich habe mit 14 auf der Realschule einen Schreibmaschinenkurs gemacht und der hilft mir auch heute noch, Texte blind schneller zu schreiben als meine Tochter, die sich geweigert hat, dem väterlichen Rat zu folgen und sich mal auf meiner mechanischen Schreibmaschine auszuprobieren (die ich extra für sie aufgehoben hatte).

Aber das Schönste ist, dass mich mein neues Telefon in Ruhe lässt.

Kein nervöses Gewische in langweiligen Besprechungen, keine immer enttäuschten Erwartungen, dass sich irgendwer irgendwann auf einem der vielen Kanäle  bei mir meldet oder meinen neuesten Blogbeitrag geliked hat. Nein, Ruhe! Nur Telefon und SMS. Und wer ruft einen heutzutage denn schon noch an? Und wer lässt sich noch anrufen? Jeder Versuch endete auf der Mailbox -bestenfalls. Als Freund alter Motorräder weiß ich, dass es Mühe und Mut kostet ein Gerät zu betreiben, wenn die dazugehörige Infrastruktur nicht mehr da ist. Bis vor etwa 20 Jahren war an vielen Tankstellen auch noch ein Schrauber mit öligen Händen zu finden, wenn man, wie das bei der alten Technik öfter vorkam, ein Problem hatte, das über das Nachfüllen von Benzin hinaus ging. Heute gibt es manchmal nicht einmal mehr einen Luftdruckprüfer (ich weiß, weil die alle geklaut werden). Und bevor die Smartphones kamen, tat man alles, damit einen ein Anruf auch erreichte. Heute wartet man auf eine geschriebene Nachricht. Ein Anruf ist eigentlich immer unpassend.

Bis jetzt habe ich noch keinen Freund verloren durch mein Opa-Telefon, auch weil ich die Adressen, die mit dem alten Telefon verloren waren händisch von meinem Adressbuch (aus Papier) in das Telefon übertragen konnte. Auch meine Tochter, die zuerst nölte, wann ich denn endlich wieder WhatsApp hätte, hat den Weg in meine neue Wohnung gefunden. Dass die NSA nicht mehr mitlesen kann, stört mich auch nicht. Und anderen Freunden, deren Telefonnummer ich mir nicht notiert hatte, habe ich eine Postkarte geschrieben, sie sollen mich doch bitte mal anrufen. Einmal bin ich sogar bei einem Freund vorbei gefahren, um die Kontaktdaten zu erfragen.  Ist doch schön, wenn man mal wieder miteinander redet.

Mysterious Machine

Foto

Dass ich bei diesem Bild sofort an Mann und Frau und Trennung denken muss, liegt nicht daran, dass ich zur Zeit bei allem an Mann und Frau und Trennung denke, sondern an der Geschichte, die mir der derbe Verkäufer vor vielen Jahren zu dieser Maschine erzählte, bevor ich sie aus seinem Antiquitätenladen mit dem vor Understatement strotzenden Namen „Just Junk“ für 20 schottische Pfund in unseren „Kunsttransporter“ lud, der nichts anderes war als eine klapprige weiße Kasten-Ente, die einem Holländer gehörte und deswegen auch einen kontinentalen Linkslenker hatte und die er mir und meinem Freund, der gerade aus Indien zurückgekommen war, und der dabei ein so kantiges Gesicht bekommen hatte, dass die Frauen ihm zu Füßen lagen, uns, die wir seit Jahren nur Fahrrad fuhren, in verantwortungsloser Weise anvertraut hatte um einige seiner klobigen Skulpturen (heute malt er kleine Miniaturen) von Edinburgh nach Maastricht zu transportieren.

Diese Geschichte, die er uns mit der Herablassung eines überlegenen Unterdrückten erzählte, weil sie von Engländern handelte, bei denen, so habe man ihm erzählt, es als größte Liebesbeweis eines  Ehegatten gegenüber seiner Gemahlin gelte, wenn er sie vor der morgendlichen Toilette, noch im Bett schlummernd mit einer Tasse frisch zubereiteten Tees überrasche, diese Erzählung sparte nicht mit hämischen Bemerkungen über die närrischen Sitten der ungeliebten Besatzer Schottlands, sondern war auch gefüllt mit Spott darüber, wie diese Sitten mittlerweile verkommen seien, da nämlich nun der englische Gentleman eine Maschine ersonnen habe, eben jene, die er mir gerade für einen lächerlichen Preis überlasen habe,  die ihm, dem Engländer, das mannhaft frühe Erwachen abnähme, indem sie mittels eines simplen Wippenmechanismus in Verbindung mit einer elektrischen Uhr das Wasser im Kessel zu einer vorgegebenen Stunde zur Wallung bringen würde, auf dass es sich in die Kanne ergieße, die nun, seufzend unter dem neuen Gewicht, die Wippe nach unten drücke, was die Stromzufuhr im Kessel sofort unterbräche.

Auch an dieser Stelle fehlte es der Erzählung nicht an derben Zoten über die allbekannte Prüderie in den Schlafzimmern jenseits des Hadrianswalls und den fehlenden Qualitäten englischer Liebhaber. Endgültig unvergesslich aber machte er mir die Geschichte, als er mich hoch erregt an der Schulter packte und grob schüttelte um mir leiblich zu demonstrierten, wie allmorgentlich der unwillige Gatte unter dem infernalischen Weckton und den grell blinkenden Lampen der Maschine seiner Frau ins Ohr brüllte „Love wake up, tea’s ready!“

Solcherart feixend (Ya know, mate! Ya know, mate!) gab er mir die Maschine in die Hand, die ich, damals ein bis zur Selbstaufgabe treuer Verehrer und Sammler sämtlicher Relikte des untergegangenen Empires, auf Händen nach Hause trug, nachdem wir den wackligen Transporter, in dem wir hunderte von  Kilometern Linksverkehrs nahe des Straßengrabens überlebt hatten, dem Holländer wieder zu treuen Händen ließen. Stolz präsentierte ich das Wunderwerk aus elfenbeinfarbenem Bakelit auf einem Ehrenplatz in meiner Küche und versäumte es nicht, zu festlicher Gelegenheit meinen ratlosen Besuchern die Funktion des dampfenden und blinkenden englischen Meisterwerks zu präsentieren. Natürlich nicht, ohne dazu die deftige Geschichte des alten Schotten zu erzählen, was bei den Herren zur Erheiterung und bei den Damen zu grämlichen Gesichtern führte. Irgendwann, nein nicht irgendwann, sondern genau an jenem Tage vor sieben Jahren, als ich mit der Mutter meiner Kinder in die schöne helle Wohnung zog, aus deren dunklen Keller ich sie neulich bei meinem Auszug wieder ans Licht brachte, verlor sie ihren Ehrenplatz. In der gemeinsamen Küche war nurmehr Platz für einen „Thermomix“, ein Gerät, dessen Versprechen auf universelle Glückseligmachung der Frauen  künftigen Generationen ähnlich skurril anmuten wird, wie jene Mechanisierung der englischen Ritterlichkeit, die ich, wieder auf Händen, durch die Trödelläden rund um die Malplaquetstraße im Wedding trug, um sie jedem anzudienen, der mir noch ein paar Euro dafür gäbe. In meiner neuen Wohnung will ich Neues sehen. Das Verherrlichen alter Zeiten ist vorbei.

Die „Teasmade“, so ihr simpler englischer Name steht jetzt in einem der neuen Künstlercafés am Leopoldplatz. Wenn ich den Umzug hinter mir habe, gehe ich mal hin, und erzähle dem Barista ihre Geschichte.