Stallwache

Als ich ein kleines Kind war, pflegte meine katholische Tante mit uns die schöne Tradition, nach den Feiertagen in die stille, leere Kirche zu gehen – zum „Krippchengucken“. Und sie achtete stets darauf, dass wir auch  ein paar Groschen dabei hatten, die wir in eine Metalldose werfen durften, auf der ein braunes Mohrenkind mit Turban saß. „Für die Mission“ stand darauf. Ich meine mich erinnern zu können, dass es für jede Münze dankbar mit dem Kopf genickt hat. Die kitschigen Gipsfiguren der Hirten hingegen verharrten bewegungslos auf den ewig gleichen Positionen und beteten das Kindlein an. Erst zu Heiligdreikönig verschwanden sie im Keller des Küsters.

Ja, die Zeit zwischen den Jahren ist eine Zeit des Verharrens. Das habe ich damals gelernt. Und es hilft mir bis heute. Denn seit zwei Tagen bin ich zum Hirten geworden, der einsam wacht, während alle Kolleginnen und Kollegen zu Hause ihre Kindlein anbeten. Ich wache über leere Postfächer, stille Telefone und Berge von ungeöffneten Weihnachtkarten. Ich bin allein im Büro. Ich mache die Stallwache, habe ich meinem Chef gesagt. Mein Urlaubskonto ist leer und ich brauche das Geld. Vielleicht bin ich auch gar kein Hirte, sondern das kleine Mohrenkind, das sich dafür bedanken will, dass mein Chef regelmäßig ein paar Münzen in meine Lohntüte geworfen hat. Wer weiß?

Heute ist der dritte Tag. Meinem Nachbarn aus der andern Abteilung habe ich gesagt, dass er alle paar Stunden mal vorbei kommen soll, um zu schauen, ob ich noch lebe. Er hat’s versprochen, ist aber wahrscheinlich in die Kantine abgehauen. Kein Pflichtgefühl mehr, diese Jugend. Natürlich könnte ich auch was tun – arbeiten meine ich. Endlich mal die wichtigen Studien lesen, die auf meinem Fensterbrett verstauben, böse Mails an andere Kollegen schreiben, auf deren Mitarbeit ich warte. Aber was soll’s? Ist eh keiner da. Statt dessen warte ich, bis die Deckenbeleuchtung sich wieder automatisch ausschaltet, weil sie keine Bewegung an meinem Arbeitsplatz feststellt. Dann stehe ich auf, laufe einmal bis zur Tür und winke mit den Armen. Dann wird’s wieder hell. Das brauche ich, um meine Zeitung richtig lesen zu können. Bevor ich mit der Zeitung angefangen habe, bin ich im Büro unserer Sekretärin gewesen und hab die Urlaubspostkarten studiert. Sie kommen aus dem Sudan oder aus dem Kurort Berggrieshübel. Viele sprechen von Entspannung, die endlich zwischen Bergen oder an der See gefunden wurde. Aber auf vielen ist auch zu lesen, was die lieben Kollegen noch nicht geschafft haben. „Ich habe es noch nicht auf den Gipfel geschafft“ oder „Ich habe es bis heute nicht geschafft, eine Karte zu schreiben“. Welch ungesunde Hektik spricht aus diesen Zeilen. Ich wende mich wieder der Zeitung zu.  Axel Hacke schreibt in der Süddeutschen, dass es sich im ausklingenden Jahr eine ironische Form der Kanzlerinnen-Parole „Wir schaffen das“ eingebürgert habe. „Ja, das kriegen wir hin“, soll allerorten die Antwort der dienstleistenden Massen sein. Hab ich in Berlin noch nie gehört. Ob ich es dieses Jahr noch hinkriege meinen Schreibtisch aufzuräumen? Ich habe noch drei Stunden Zeit. Klar kriege ich das hin. Aber vorher gehe ich in die Kantine. Vielleicht treffe ich da meinen Kollegen – wenn er noch lebt.

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11 Gedanken zu “Stallwache

  1. Auch von mir alles Gute zum Neuen Jahr 🙂
    Übrigens – ich erhole mich am besten zuhause, möglichst im Schlafanzug und das den ganzen Tag. Hier ist mein Reich und ich kann lesen, was sich ansammelte, zeichnen wozu ich Lust habe und schlafen, schlafen und nochmal schlafen.
    Der Sudan und sogar der Kurort Berggrieshübel bergen vieeeelllll zu viel Neues und Streß 🙂 Ich mag diese ruhige Zeit zwischen den Jahren und verabschiede mich, um weiter zu lesen ….. schade … Die Hauptstadt von Menasse habe ich schon durch …. jetzt bin ich bei München von Harris, kann aber noch nicht den gleichen Zugang wie zur Hauptstadt finden…..
    Solong, Susanne

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  2. Ich bin gestern auch eine Etage runter gelaufen um zu schauen, ob der Kollege noch lebt, weil ich drei mal vergeblich versucht hatte, ihn zu erreichen. Er kam mir dann auf halbem Weg entgegen – mit einer Kaffeetasse. Also alles gut. 🙂
    Komm gut durch die Zeit bis zum Jahreswechsel und auch danach.

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    • Nichts ist schlimmer als „Bore out“. Du sitzt da, alles ist auf Arbeit getrimmt, du auch, aber es gibt nichts zu tun. So komisch das ist: Du gehst genau so geschafft nachhause wie nach einem harten Arbeitstag. Dir wünsche ich natürlich entspanntere Zeiten und ein gutes neues Jahr.

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      • Habe ich oft genug beobachtet … Aber so ein Büro hüten, Strickzeug oder Buch oder einen Stapel Zeit-Rätsel in der Tasche, und genau wissen, daß man nicht gestört werden wird — für zweidrei Tage denke ich mir das ganz gut. (Vielleicht sollte ich mich als Stallwächterin verdingen. Fürchtet euch nicht, im Kühlschrank brennt noch Licht!)

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