Verlorene Bilder

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Ach, eigentlich ist es nicht der Rede wert. Und ich möchte niemanden langweilen. Es war ja auch nur eine Banalität am Ende eines wundervollen Tages. Meine zwei großen Jungs sind am Wochenende bei mir. Wir haben uns prima durch den Tag jongliert, ohne größere Wutausbrüche, ohne Weinen. Sogar das verlorene Fußballspiel gegen den Nachbarsjungen wurde sportlich hingenommen. Er ist ja immerhin schon sieben und im Verein. Und am Ende des Tages sind wir noch mal raus zum Auslüften vor dem Schlafengehen – zur Tunnelrutsche. Mildes Frühlingswetter, die Sonne noch hoch über den Blocks der Sozialwohnungen. Die Gang aufwändig frisierter Jungs, die selbst beim Rutschen ihr Handy nicht aus der Hand legten trollte sich irgendwann. Die Mutter, der irgendwer ein blaues Auge geschlagen hat, hatte ihre aschgrauen Kinder eingesammelt. Übrig blieben nur wir und eine ukrainische Nachbarin, die ich schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. Sie trug ihr zweites Kind vorm Bauch und ihre Tochter brachte meine Jungs auf Trab. Sie rasten hoch, rutschen runter, ohne Pause wieder hoch, akrobatisch auf dem Klettergerüst, Quietschen, große Sprüche. Wie ganz normale Jungs.

Diese kurzsichtigen Kerlchen, die Stunden bewegungslos über einem Puzzle brüten, die unter dem harten Regime der alleinerziehenden Mutter funktionieren müssen, die sich stundenlang autistisch in eine Ecke verziehen oder hinterlistig ihren kleinen Bruder malträtieren und die wir in gemeinsamer Hoffnungslosigkeit zum Jugendpsychiater schleppen wollten. Es sind ganz normale Jungs. Eine ruhige Gewissheit macht sich in mir breit, die mich schützen wird gegen die Hiobsbotschaften der Ärzte, die Cassandrarufe der Großmutter und mein eigenes schlechtes Gewissen.

Ich will diesen Moment festhalten. Einfach um etwas mitzunehmen. Wie eine Garantie, eine Konserve für Zeiten des Zweifels. Ich mache ein Video mit meinem Handy. Glückliche Kinder die begeistert auf den Turm rennen. Ich schaue zur Nachbarin. Die nickt. Wir müssen die Kinder langsam wieder auf den Boden bringen. Noch fünf Mal rutschen. Ich zähle laut. Als ich „Schluss“ sage, folgen sie mir ohne Murren, werfen sich auf ihre Räder und jagen dem Nachbarsmädchen hinterher. Hätten sie Motorräder, dann würden sie jetzt vor ihr ihre Maschinen aufheulen lassen.

Zum Abendessen verspreche ich ihnen, dass wir uns nach dem Zähneputzen gemeinsam noch das Video anschauen. Aber es gibt kein Video. Keine fröhlichen Kinder. Ich hab den falschen Knopf gedückt, und den Film aus Versehen gelöscht.  Es gibt nur ein schlechtes Bild von der Rutsche und enttäuscht jaulende Jungs. Und es gibt einen Stich in meinem Herz. Die Ruhe ist weg. Ich bin nicht abergläubisch. Aber ich habe das Gefühl, mit dem Video den ganzen Tag, das ganze gute Omen gelöscht zu haben. Das ging mir vor zehn Jahren schon mal so, als ich ein Bild von ihrer Mutter gemacht hatte, dass das ganze Glück unser jungen Liebe einzufangen schien. Falscher Knopf – gelöscht.  Ich habe tagelang versucht, das Bild wieder herzustellen.

Mit ein paar Versprechungen und einer extra Geschichte aus dem Dschungelbuch kriege ich die übermüdeten Jungs ins Bett. Nach zehn Minuten steht der Ältere neben mir und klagt, ihm sei schlecht. Ich bringe ihn zurück ins Bett und halte seine Hand fest. Kurz überlege ich, was das Schlimmste wäre, was heute Nacht passieren könnte. Ich habe frisches Bettzeug und Wechselklamotten, falls er sich übergibt. Das beruhigt mich. Und nach fünf Minuten höre ich das Kind tief und ruhig atmen.

 

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5 Gedanken zu “Verlorene Bilder

  1. Mach Dir bloß keinen Kopf! Ich bin in ner Bilderbuchfamilie auf’m Land mit Hund aufgewachsen und schau auf meinen Blog, was aus mir geworden ist. Nach spätestens 15 Jahren hält man das Bilderbuchleben vor Langeweile nicht mehr aus.

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