Kafka in the air

Ach, was für ein herrlicher Tag! Ein Sammstagmorgen im 2.Stock 2.Hinterhof (neben mir wohnt ein Philosoph, würde Inga Humpe jetzt ergänzen). Ich hab so viel vor heute, will den Tag nutzen. Die To-Do-Liste ist geschrieben. Fenster auf, frische Luft rein! Blauer Himmel -wunderbar! Ran an den Sonnengruß (drei Runden Sonnengruß am Tag werden den Leben verändern, verspricht mein Yoga-Guru). Als ich bäuchlings auf meiner Matte liege und mich in die Cobra stemme, sehe ich die Staubflusen. Ach ja: Putzen steht noch nicht auf der Liste. Ist schon spät, so um 10, als ich in die Küche komme. Heute brunche ich mit mir. Zwei Spiegeleier, brauche ja Kraft für den Tag. Ich schaffe es, bis zum letzten Bissen mein Telefon zu ignorieren, schaue dann aber doch rein und die Mails mit den Wohnungsangeboten klingeln. Alles zu weit, zu teuer -ach überhaupt. Lasst mich in Ruhe! Ich lebe doch ganz gut hier. Wenn da nicht die kleinen Jungs wären, die ab und zu mal bei mir übernachten. Die kein eigenes Bett haben und deren Eisenbahn ich jedes Mal wieder abbauen muss. Ah!, da gibt es etwas Schönes, frisch saniert, groß hell, nur 10 Minuten entfernt, teuer, natürlich. Und natürlich kommt wieder das Gefühl, es unbedingt noch mal zu versuchen. Also Rechner an, auf die Anzeige geantwortet. Wird doch wieder nix.

Raus jetzt, auf die Straße. Der leere Bierkasten kommt mit und eine ungefähre Idee, von dem was ich mit dem Tag anfangen werde. Im Bio-Laden ein kleiner Schwatz mit der Besitzerin. Ach, umgezogen? Ja, 1200 Euro warm, ja, ja, nicht leicht heute, aber ich gönn mir das, strahlt sie. Vielleicht sollte ich mir das auch mal sagen. Weiter zum Türken-Markt, die große Tasche dabei. Hier stimmt die Welt wieder für mich. Für ein bisschenn Kleines kriege ich mehr als ich tragen kann und was nettes Süßes noch dazu. Es sind nicht alle Menschen schlecht zu mir.

Auf dem Leopoldplatz ist Flohmarkt. Steht nicht auf meinem Zettel. Geh nicht hin, sag ich mir. Du hast genug eigenes Gerümpel und keinen Platz sowieso. Und schon stehe ich mitten drin. Zwischen den Resten verganger Existenzen. Früher wollte ich davon immer etwas retten, etwas bei mir weiter leben lassen. Jetzt schaue ich nur interessiert. Bilderrahmen mit einem fröhlichen Mädchen in verschieden Altersstufen. Ein FDJ-Ausweis dazu, ausgestellt 1976, letzte 30 Pfennig-Marke eingeklebt Dezember 1989. Erinnerungen einer toten Mutter, deren Tochter jetzt Mitte 40 ist und sich nicht mehr für ihre Vergangenheit interessiert. Schnell weg hier, sonst denke ich noch daran, was meine Tochter mit dem Bild von ihr machen wird, das bei mir an der Kühlschranktür klebt und sie stolz beim Abitur zeigt….

Als ich zu meinem Fahrrad zurück komme, hat jemand die Spitze des türkischen Baguettes abgebissen, das ich auf dem Gepäckträger gelassen hatte. Es Zeit für den ersten Kaffee. Das Café Leo ist ein gefördertes Multi-Kulti-Anti-Drogen-Projekt. Ich muss mir das in Erinnerung rufen, sonst würde ich sagen, es ist eine enge Döner-Bude mit einem großen Zelt hinten dran, damit die Alkis auf dem großen Platz ein Plätzchen im Trockenen haben. Draußen kreischt eine Frau in orthopädischen Schuhen, weil der nicht ganz so helle Café-Gehilfe ihren halb abgebissenen Burger abgeräumt hat, während sie sich von einem abgerissenen Typen die Funktion eines Haschisch-Inhalators hat erklären lassen.

Mein Kaffee wirkt, die Sonne wärmt mir die Stirn. Es wird Zeit sich zu konzentrieren. Bücher, denke ich, du wolltest dir noch Bücher empfehlen lassen für den langen Flug nach China, der mir bevorsteht. Es gibt tatsächlich eine Buchhandlung bei uns, versteckt in einer Seitenstraße zwischen Rossmann und Asia-Imbiss. „Belle et Triste“ heißt sie, aber hat nix Schönes – außer den Büchern und der gold lächelnden Händlerin, die irgendwo aus Dahlem eingeflogen sein muss. Sie empfiehlt mir die „Schopenhauer-Kur“ und „Der Distelfink“ von Donna Tartt. Ein Buch übers Älter werden – ein Buch über einen Jungen, der ins Leben startet. Genau dazwischen hänge ich ja, als alter Vater mit drei kleinen Jungs. Ich nehme sie beide. „Eins für den Hinflug und eins für den Rückflug“, sagt sie unerwartet kess. Ich fühle mich gut beraten.

Im Treppenhaus treffe ich die Nachbarin, die schon 20 Jahre hier wohnt. Sie macht irgendwas mit Kunst. Sie ist die einzige im Haus, mit der ich Kontakt habe. Sonst alles junges Volk und Menschen, die fremde Sprachen sprechen. Sie singt im Chor und das will ich auch mal wieder. Ein kleiner Schwatz, eine Adresse, bei der ich mal vorsprechen kann – wunderbar!

Zu Hause packe ich meine Schätze aus. Aus den frischen Sachen vom Markt wird ein schnelles Steh-Buffet und mir fällt ein, das ich nicht mehr auf meinen Zettel geguckt hab. Egal, ich leg mich erst mal hin. Als ich aufwache, denke ich an den Fotoapparat, den ich mir noch für den Urlaub leisten wollte. Ja, jetzt, gegen alle Vernunft. Aber vorher will ich noch mal auf mein Konto schauen.  Und schon sitze ich wieder vor dem Rechner. Draußen wirds dämmrig. Es gibt noch so viel zu tun. Da lande ich auf der Seite der Wolkenbeobacherin und muss laut lachen über das Video, das sie eingestellt hat. Der Abend ist gerettet.

Mogen gehe ich ein Doppelstockbett für meine Jungs abholen. Ein Freund hilft mir beim Aufbauen.

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11 Gedanken zu “Kafka in the air

  1. Juhu, wie lang ist es denn noch bis China? Klingt so, als hättest Du bald alles für die Reise zusammen.
    Ich weiß gar nicht, wie lang Du verreist? Vielleicht reichen zwei Bücher ja gar nicht. Oh, da kann ich aushelfen, was weitere Empfehlungen angeht. Moment:

    Buchempfehlungen von mir:

    Thomas Melle, „Die Welt im Rücken“ (das WELTBESTE BUCH!)
    Radek Knapp, „Herrn Kukas Empfehlungen“ (großartig, sehr unterhaltsam und witzig!)

    Beide Bücher haben eine tolle Sprache, solltest Du dafür ein Faible haben (so wie ich) und beide lesen sich wie im Fluge (passt doch! 🙂 ). Beide wirst Du vermutlich kaum aus der Hand legen können. (Du kannst beide online anlesen)

    Aber vielleicht kommst Du ja mit den beiden zurecht, die Dir empfohlen wurden. (Beide nicht mein Fall, aber Geschmäcker sind ja bekanntlich unterschiedlich und Deine Buchhändlerin kennt Dich und Deinen Buchgeschmack ja auch schon ein paar Tage).

    Freut mich übrigens, dass Dir das Warteschleifen-Video ebenfalls so gut gefallen hat. Macht Spaß, ne? Vielleicht steht ja demnächst auf Deiner ToDo-Liste: Pizza bestellen. Stell schon mal die Kochlöffel bereit für den Gesangspart *lach*.

    Entspannten Abend Dir. Liebe Grüße von Nebenan.

    Gefällt 3 Personen

    • Am 11. Februar fliege ich. Die Reise beschäftigt mich seit Monaten. Eigentlich wollte ich ja auch über meine Reiseangst schreiben- Kafka halt, aber dann habe ich gemerkt, dass ich viel lieber über das Schöne dieses Tages schreiben will.
      Danke für die Empfehlungen. Den Kuka kenne ich. Das ist doch der junge Pole, der in Wien strandet? Wundervoll. Den Melle schaue ich mir an, wenn ich zurück bin – wenn ich je zurück komme und nicht den Flieger verpasse, das falsche Ticket erwische, in der Transit-Zone in Peking strande, nach 12 Stunden Flug wahnsinnig werde… Zum Glück holt mich meine Tochter am Flughafen ab. Wenn sie nicht den Zug verpasst, wenn ich sie überhaupt finde…. Kafka halt.

      Gefällt 3 Personen

      • Genau! Kuka ist der Pole, der, auf Empfehlung des Nachbarn, nach Wien will, mit dem Bus. 🙂
        Thomas Melle, den könntest Du auch noch vor dem Urlaub lesen. 🙂 (Oder danach. Ich bin so überzeugt und faszniert von dem Buch, merkst Du schon, ne? 🙂 )
        Jedenfalls, dass Du Dich auf das Schöne des Tages konzentrierst, finde ich klasse. Und das mit dem Sonnengruß ist etwas, was ich auf meine ToDo-Liste setze.
        Du wirst das schon schaffen mit Flughafen, Ticket usw. Alles der Reihe nach und immer schön tief durchatmen. Das erdet und gibt Ruhe. Ich wär aber auch aufgeregt, wenn ich nach China und zurück flöge. Ist ja nicht Dein erster dorthin, wenn ich das richtig erinnere, oder? Was einmal geklappt hat, klappt auch ein zweites Mal. 🙂
        Bist bestimmt nur uffjerescht. 🙂

        Gefällt 2 Personen

  2. Auf eine Reise nach China müßte bei mir unbedingt Edmund de Waal, Die weiße Straße mit. Ich habe gerade angefagen, es zu lesen und wurde (genauso wie schon bei ‚Der Hase mit den Bernsteinaugen‘) sofort vom Buch eingeschluckt, ich bin begeistert.

    Von Donna Tartt mochte ich auch Der kleine Freund sehr, eigentlich sogar fast noch lieber als den Distelfinken – was wahrscheinlich mit der Eindrücklichkeit der Tiefer-Süden-Beschreibungen von Truman Capote und Harper Lee zusammenhängt und das kann Donna Tartt auch, nur viel länger und opulenter.

    ‚Belle et Triste‘ war schon vor 30 Jahren einer der Rettungsanker der Gegend. Auch damals hieß es, ganz demnächst käme der Wedding schwer in Mode und alles würde schön. Traurig, daß sich das zuerst in absurd hohen Mieten zeigt. Ach, Berlin…

    Reisefieber wird bei denen, die es haben (ich auch), auch nach der soundsovielten Reise nicht weniger, auch bei bester Organisation und B-Plänen für jede mögliche Katastrophe nicht. Vielleicht ist es auch einfach notwendig, um den Kopfsprung aus dem Alltäglichen ins Unbekannte überhaupt zu wagen, sich selbst gegenüber entsprechend zu würdigen und das Überleben in der Fremde (wider aller Erwartung!) als geradezu rauschhaftes Glück zu erleben. Keine Angst haben nur Phantasielose.
    Bonne route!

    Gefällt 1 Person

  3. Hallo Rolf,
    was für eine Superidee…einfach im Flieger sitzenbleiben, China von oben und den Rest der Welt auch…es gibt Leute die leben im Bahnhof oder im Flughafen…jetzt du im Flieger…achte darauf immer gegen die Zeit zu fliegen…dann wirst du permanent jünger…und dann erst die Stewardessen …so als junger Dauerflieger…aber mein Sohn ruft, ich muss zwar nicht die Eisenbahn abbauen…aber das Lego Minecraftdorf sowie die StarWarsbasisstation…die Mutter beschwert sich das sie das Zimmer nur noch fliegend überqueren kann…by the way…um die Chinareise beneide ich dich : viel Glück und tolle Momente wünsche ich dir (und natürlich endlich mal eine coole bezahlbare Wohnung)
    Lieber Gruss, Jürgen

    Gefällt 3 Personen

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