Schraubenfinder

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Meine schönste Schraube kommt aus der Camargue. Jenem Landstrich im Süden Frankreichs, der von vielen Menschen wegen seiner wilden weißen Pferde, seiner Flamingos oder seiner Sonnenuntergänge wegen geliebt wird. Ich liebe ihn auch. Die zotteligen Schimmel und sumpfigen Wiesen haben mich zwar nicht sonderlich beeindruckt, aber es gab da einen Baumarkt namens „Bricolage“, in dem ich genau die Schraube fand, die unser Motorrad auf den holprigen Straßen eine Stunde vorher verloren hatte. „Je besoin d‘ une vis“, stammelte ich, und schon entführte mich der Verkäufer mit herablassender Lässigkeit in ein Paradies aus schlampig aufgerissenen braunen Pappkartons in dem seine Schätze lagerten. Und weil nicht nur  die Sprache der Liebe, sondern auch die der Schrauben universal ist, fand ich für ein paar Centimes bald was ich suchte.

Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht: Das in Frankreich war natürlich Glück, aber es war ein Notfall. Normalerweise lasse ich mich nicht dazu herab, Schrauben im Geschäft zu kaufen. Das wäre zu banal. Ich warte darauf, dass mich das Schicksal mit mit den Dingen versorgt, die ich zum Leben brauche.  Ich bin ein Sachenfinder, ein Schraubensammler – in dritter Generation. Entweder ich finde etwas Glänzendes am Straßenrand oder es tun sich mir unvermutet Schatzkammern auf, die ich ungehemmt plündern kann. So war es in dem Schrebergarten, den ich nach der Wende mietete, damit meine Tochter ein wenig Auslauf hat und aus dem wir nach wenigen Jahren wieder rausgeekelt wurden. Zum Schrebehäuschen dazu gab es eine kleine Werkstatt, vollgestopft mit Werkzeug und Kleinteilen aus DDR-Zeiten. Davon zehre ich heute, zwei Jahrzehnte und viele Umzüge später noch, auch wenn mein Freund Thomas, der Schreiner ist, mich jedes Mal wieder hasserfüllt anschaut, wenn ich ihm wieder und wieder die weichen VEB-Schlitzschrauben anbiete, wenn er mir mal wieder ein Regal an die Wand dübeln soll.

Tiefenpsychologisch betrachtet tue ich das alles nur, um mich mit meinem Großvater verbunden zu fühlen, der mir als Kind so viel Liebe schenkte. Vielleicht aber auch, um die einzige Familientradition fortzuführen, die der Krieg übrig gelassen hat. Mein Opa war ein kleiner verhutzelter schlesischer Bauer mit Schnurrbart. Er war mit seiner Familie im Rheinland gestrandet und hatte mit meinem Vater ein Haus gebaut, obwohl er bis zu seinem Tod darauf wartete, dass er seine sieben Hektar in der Nähe von Breslau wieder bekommt. Mit den Steinen und den Dachziegeln, die vom Hausbau übrig blieben zimmerte er sich im Garten einen schäbigen Schuppen, in dem er alles aus Metall aufbewahrte, was er finden konnte. Sein Jubeltag kam, als die Bahnstrecke vor unserem Haus erneuert wurde. Die Arbeiter schmissen die rostigen Schrauben und Spangen, die sie aus den Holzschwellen zogen einfach in die Böschung. Mein Opa sammelte sie alle ein. „Man kann ja aus allem was machen.“, war seine Devise. Nur hatte er vergessen, dass er nicht mehr in Schlesien war, keine Schmiede mehr hatte und Pferde die Hufeisen brauchten erst recht nicht. Als er gestorben war, wollte noch nicht mal mehr der Altwarenhändler, der Anfang der 70er  noch mit einem öligen Pritschenwagen und einer Messingglocke „Luuumpen! Alteiiisen!“ schreiend alle paar Wochen durch die Straßen tuckerte, den ganzen Schrott haben.

Mein Vater war ein Rebell.  Er wollte mit all dem was er als „Alträucherei“ bezeichnete nichts mehr zu tun haben. Er schmiss die Landwirtschaftslehre, die ihm mein Opa als baldigem Hoferben aufgezwungen hatte, heuerte bei einer Spedition an und kaufte sich von den am Munde abgesparten Spesen einen nagelneuen Ford Capri 1500, weiß mit roten Ledersitzen – das Rassigste, was man sich als Arbeiter damals leisten konnte. Was nicht mehr zu gebrauchen war, kam weg. „Kaputt gibt Neu“ war seine Devise. Keine Sentimentalitäten. Aber als er in Rente ging, erwischen ihn die Gene wieder. In der Garage richtete er sich eine kleine Werkstatt ein, in der er altes Zeug wieder aufmöbelte, defekte Geräte zerlegte und fleißig, sauber sortiert in durchsichtigen Plasikschubern, alte Schrauben sammelte.

Wie hätte ich diesem Familiengeist entfliehen können der so wirkmächtig über unserer Sippe hing? Seine schleichende Kraft spürte ich, als ich mit 15  begann, Fahrräder vom Sperrmüll nach Hause zu schleppen, sie zu zerlegen, wieder aufzubauen und die verwertbaren Teile zu sammeln. Damals lief das unter Öko. Aber die Wurzeln lagen tiefer. Mein Vater schenkte mir, als ich von zuhause auszog als Zeichen der Mannbarkeit einen Werkzeugkasten, den ich heute noch habe. Mittlerweile ist er gefüllt mit allerlei Krimskrams, der sich mit den Jahren dort eingefunden hat. Ein paar Schrauben von meinem ersten Moped sind auch noch dabei. Aber anders als meinem Großvater ist mir das Glück vergönnt, zu erleben, dass manches, was ich aufhebe tatsächlich genau das ist, was ich irgendwann brauche. Heute zum Beispiel, als ich mit zwei winzigen Messingschrauben, die mal eine Dreingabe bei einem Bilderrahmen waren, den abgerissenen Staubsaugerschlauch wieder festmachen konnte. Hätte ich sie nicht gehabt: Die Mutter meiner Kinder wäre ohne ihren Staubsauger wahrscheinlich schneller zugrunde gegangen als ohne Luft zum Atmen. Das war Rettung in letzter Sekunde. Das sind die Momente, die das Schrauberherz mit tiefer Genugtuung und Demut erfüllen. Und was kann schöner sein als zu sehen, dass meine Söhne in meine Fußsstapfen treten? Diese kleinen Kerlchen merken ja genau, was die Großen so umtreibt. Seit sie einmal beobachtet haben, wie strahlend ich eine halbwegs erhaltene Maschinenschraube aus der Gosse aufhob, schenken sie mir alles, was sie an Metallischem auf der Straße finden. Und ich verspreche ihnen hoch und heilig, es in meinen Werkzeugkasten zu legen. Um die nächste Generation von Schraubenfindern muss ich mir keine Sorgen machen.

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5 Gedanken zu “Schraubenfinder

  1. Wieder so eine schöne Generationen-Geschichte, und so wunderbar erzählt!
    Der Unterfranke ist auch so einer: er hebt alles auf, was glänzt oder rostet und packt es vorsorglich ein. Man weiß ja nie. Wenn dann eine Schraube am Moped fehlt, muss er nur ein paar Stunden suchen, bis er Zuhause Ersatz gefunden hat.

    Schön, dass Deine Kinder den Wert der kleinen Dinge am Straßenrand auch schon erkennen. Ich bin sicher die Tradition setzt sich fort.

    Gefällt 2 Personen

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