Was übrig bleibt

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„Soll das jetzt in den Schredder, oder nicht?“, fragt der Hausmeister. „Nein,“ sage ich, “ das können Sie so ins Altpapier werfen.“ „Aber da sind handschriftliche Notizen drauf, dann muss das in den Schredder“, beharrt er. „Glauben Sie mir“, entgegne ich kraftlos, „das Zeug interessiert keinen Menschen mehr. Das können sie bei der Bild-Zeitung in die Hauspost legen, das will keiner mehr wissen.“ Das Zeug, über das wir reden füllt einen grauen Plastiktrog von der Größe einer Badewanne. Mein Büro ist jetzt leer bis auf fünf Umzugskartons mit leeren Aktenordnern. An der Wand hängt noch das Plakat von Nani Morettis Film „Caro Diario“. Ich habe den italienischen Text nie richtig übersetzen können. „Ich glaube, dass ich auch in der besten aller Gesellschaften zu einer Minderheit gehören werde.“ steht da, glaube ich.

Zumindest gehöre ich heute nicht zu den Gewinnern. Oder doch?  Das Zeug im Trog ist das, was von sechs Jahren Arbeit übrig geblieben ist. Früher waren die lieblos aus den Aktenordner gerissenen Blätter Gutachen, Vermerke, Machbarkeitsstudien, Aufträge, Gegengutachten, wissenschaftliche Berichte, Fachartikel, Vorstudien zu Evaluationen, Stellungnahmen, Protokolle, Präsentationen, Reden, Broschüren, Tabellen, Zeitschienen, Projektanträge, Finanzierungskonzepte….  Jetzt ist alles nichts.  Acht Stunden und 12 Minuten am Tag, fünf Tage die Woche habe ich Papier voll geschrieben, Mails verschickt und in Meetings mit den Kollegen gestritten. Die Vorgesetzten haben sich gegen uns entschieden. Das Projekt haben am Schluss andere gemacht. Heute hat es die letzte Hürde genommen. Die Kollegen genießen ihren Erfolg. Sie kommen entspannt den Gang entlang geschlendert, sehen mich mit meinen Kartons und fragen freundlich, wo es hin geht. „Ach, wieder was mit Schreiben? Das können Sie doch gut. Da müssen Sie sich nicht so mit den Details befassen.“ Die Hand zum Abschied geben Sie mir nicht.

Wäre ich in den schechs Jahren nicht drei Mal Vater geworden, ich glaube, ich wäre heute wirklich traurig.

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17 Gedanken zu “Was übrig bleibt

  1. Puh! An Tagen wie diesen… betrachtet man so manche leere Alltagsphrase plötzlich mit anderen Augen, z.B. die klassische Frage, ob das Glas für einen nun halb leer oder halb voll ist – bzw. die Plastiktrog-Badewanne. Ich wünsch Dir Zeit zum Verschnaufen, und dann kommt die Zeit zum Weitermachen. Gruß, Sonja

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  2. Irgendwie eine traurige Geschichte. Dass Dir nicht mal die Hand gereicht / gegeben wurde, das liest sich schmerzhaft. Glückwunsch zu den drei Kindern. Und auch sonst: Sicher waren die Jahre nicht umsonst, das Geschriebene nicht umsonst, auch wenn es nun zu neuen Ufern geht. Ich wünsche Dir einen guten Start dort, wo Du nun neu beginnst. Ein bisschen Wehmut gehört vermutlich, trotz guter und auch unguter Erfahrungen, zu einem Wechsel / Wandel dazu. Ich wünsche Dir Kraft und Zuversicht. Alles liebe, die Beobachterin

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  3. Guter Text – bitte nicht nacheditieren! 😉

    So ist es in der Arbeitswelt – jeder ist ersetzbar | entbehrlich | schnell vergessen. Ich habe mich mal mit einem Kollegen unterhalten der mir sagte, er gehe keine wieauchimmergeartete Beziehung zu seinen Mitarbeitern ein um sich im Falle eines Wegfalls | Austritts selbst zu schützen vor etwaigen Emotionen … ich weiß nicht ob diese Aussage wahr war oder nur ein Scheinargument, um seine Arschigkeit zu kaschieren.

    Viel Glück im neuen Job!

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  4. Danke für die guten Wünsche. Ich glaube das ist eine Ausrede deines Kollegen. Schade, wenn man die Chance mit anderen Menschen zusammen zu arbeiten nicht nutzen/genießen kann. Für mich ist der persönliche Kontakt das Wichtigste.

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