Jeht schon

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Der fette Typ sitzt auf meinem Platz. Dreckiges Lachen, dreckige Jogginghose und ein Plautze, die zu den Knien reicht. So ein Typ, denke ich, der den Tag rauchend und feiste Sprüche klopfend verbringt – auf meinem Platz. Mein Platz, draußen vor dem türkischen Back-Shop, meine Rettungsinsel in Tagen der Elternzeit. Seit einem Monat schiebe ich jeden Morgen halb Neun meinen Jüngsten durch den Kietz bis er einschläft. Und kaum hat er die Augen zu, steuert Vattern zum Türken, um sich den ersten Kaffee des Tages zu gönnen, die Augen zu schließen und die viel zu kurze Nacht zu vergessen. Wenn die ersten Sonnenstrahlen mein Gesicht wärmen, kann ich endlich entspannen. Allein! In Ruhe! Und jetzt dieser Typ. Ich setze mich neben ihn, so, dass ich in nicht ansehen muss, tue so, als würde ich den Kinderwagen schaukeln. Aber ich höre ihn. Er atmet schwer, hustet mit seiner Zigarette – widerlich. Die hübsche Backwaenverkäuferin, die mich immer mit einem grimmigen Blick mustert, kommt zu uns heraus. Sie wechselt ein paar Worte mit dem Dickwanst. Die beiden haben ein Geheimnis, das sehe ich aus den Augenwinkeln. Und der Dicke hat neue Informationen für sie. Sie lächelt, verschwindet, kommt noch mal raus, lacht und verschwindet wieder. Neid und Neugier wallen in mir auf. Was hat er, was ich nicht habe? Ich muss es wissen und fange ein Gespräch an. Was er mit „der Kleenen“ hat, verrät er mir nicht, aber dass er sich Kindern auskennt. „Is immer jut, wenn die Jörn schlafen,“ schnauft er mit Blick auf meinen Kinderwagen. Er schweigt wieder. Ist wohl doch keiner von den Schwätzern, die einem in fünf Minuten ihr Leben erzählen und Gott und die Welt für ihr Elend verantwortlich machen. Ich muss bohren. Das kann ich gut. Ja, Frührentner ist er, nach 40 Jahren Arbeit, erst Heizer, dann Eisengießerei. „Hab mer die Knochen kaputt jemacht und die Lunge ooch. 500 Euro krieg ich und muss ooch noch zum Sozialamt loofen. Aba jeht schon.“ Ich bekomme Ehrfurcht vor diesem ehrlichen Arbeiter, diesem alten Weisen. Meine Rente wird deutlich höher sein, obwohl ich keine 40 Jahre gearbeitet habe und meine Knochen heile sind. Trotzdem hab ich Angst, es könnte nicht reichen. Warum eigentlich? Ich muss los. Der Alte sitzt in der Sonne, ich gönne ihm die einfache Freude. Ich hab noch ein paar Stunden vor mir mit meiner süßen Last. Auch nicht immer einfach. Aba jeht schon…

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9 Gedanken zu “Jeht schon

  1. Beinahe bleibt mir die Spucke weg, beim und nach dem Lesen dieses Textes.
    „Ein typischer Hartzer“ mit fetter Plautze, der auf Deine Kosten lebt und auf Deinem Platz sitzt, wird dort beschrieben, der sich am Ende aber doch als „ehrlicher Arbeiter“ entpuppt, der Dir Respekt abringt.

    Meinst Du das ernst, und wenn ja, was meinst Du damit, dass er auf Deine Kosten lebt?
    Lebt der genauso auf Deine Kosten, wie das gut situierte Ehepaar, das zwei mal im Monat in die Oper geht und durch Quersubventionierung des Opernhauses auf diese Weise mehr von „Deinem“ Geld verbraucht, als der feiste Sprüche klopfende „Hartzer“?

    Du weisst, dass ich Dich und Deine Ansichten und Text sehr schätze. Dieser jedoch lässt mch wirklich ratlos und überaus verwundert zurück.

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    • Danke für deine offenen Worte. Mich schaudert es auch manchmal, wenn ich merke, wie meine Vorurteile mir den Blick auf die Welt verstellen. Ich bin nicht frei davon, besonders wenn ich selber unter Druck bin. Ich habe sie sowohl bei Hipstern als auch bei Harzern. Ich weiß, dass ich da ungerecht bin, zumal ich schon ein paar Mal in meinem Leben selber auf Unterstützung angewiesen war. Aber das ist es ja gerade, was ich mit meinen Geschichten aus dem Wedding beschreiben möchte: Dass sich diese Vorurteile immer wieder als falsch erweisen, sobald ich mit den Menschen in Kontakt komme.

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      • Danke für Deine freundliche und sehr offene Antwort.
        Ich mag Deine Geschichten aus dem Weddinger Milieu und erlebe Dich in Deinen Texten als menschenfreundlich und bereit gefasste Urteile zu überdenken. In diesem Falle aber bekräftigst Du Dein Vorurteil statt es aufzuheben, denn erst als Du den Mnn als „ehrlichen Arbeiter“ identifizierst und nicht mehr als bloßen, feisten „Hartzer“, der Dein Geld kostet, ist er Deines Respektes würdig.
        Ich möchte Dich gar nicht in lange Diskussionen vverwickeln, wollt nur mal angemerkt haben, wie es rüberkommt.

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  2. So wollt ich nicht rüberkommen. Hab ein bisschen nachgedacht und den Einstieg geändert. Tatsächlich kenne ich keinen Hartzer, der so aussieht wie der Mann vor dem Café. Wieso schreibe ich also „typisch“? Und auf meine Kosten stimmt erst recht nicht. Schliesslich lebe ich in der Elternzeit selber von Sozialleistungen. Tja, wenn ich mal so ins Nachdenken komme, bleibt nicht viel von den Vorurteilen. Ist einer der Gründe, weswegen ich mit dem Bloggen begonnen habe.

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    • Ich hoffe ich war nicht zu hart. Bin in manchen Dingen sehr empfindlich und tue mir dann auch schwer zu schweigen. Entschuldige bitte, wenn ich harsch war.
      Ich glaube übrigens, dass jeder von uns solche Vorurteile im Kopf hat, Klischees. sei es über Hartzer oder Sinti und Roma, über Bayern, über US-Amerikaner usw. Ich auch.

      Der neue Einstieg gefällt mir viel besser, lieber eimaeckel 🙂

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  3. Okay … der Text wurde geändert. Dachte, ich wäre zu blöd die richtige Passage zu finden.

    Ohne das Original zu kennen sage ich, dass es mir besser gefallen hätte, die erste Version wäre unverändert geblieben – geht es doch im Text darum, Vorurteile und Stereotypen durch persönliche Erfahrungen widerlegt zu sehen. Da darf der Einstieg ruhig ganz persönlich vorurteilbehaftet daherkommen und polarisieren.

    Naja – man kann es eh nie allen recht machen. 😉

    Liebe Grüße

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  4. Immer wenn ich mich dabei erwische, in Vorurteile zu verfallen, denke ich an ein ganz bestimmtes Gedicht.
    Ich kenne es auswendig und immer wieder berührt es mich von Neuem:
    Es ist von Jewgenij Jewtuschenko und lautet wie folgt:
    *
    Jeder hat seine eigene,
    geheime, persönliche Welt.
    Es gibt in dieser Welt
    den besten Augenblick,
    es gibt in dieser Welt
    die schrecklichste Stunde;
    aber dies alles ist uns verborgen.

    Und wenn ein Mensch stirbt,
    dann stirbt mit ihm sein erster Schnee
    und sein erster Kuss und sein erster Kampf…
    all das nimmt er mit sich.

    Was wissen wir über die Freunde, die Brüder,
    was wissen wir schon?
    Und über unseren eigenen Vater
    wissen wir, die wir alles wissen, nichts.

    Die Menschen gehen fort…
    Da gibt es keine Rückkehr.
    Ihre geheimen Welten
    können nicht wieder entstehen.

    Und jedes Mal möchte ich von neuem
    diese Unwiederbringlichkeit hinaus schreien.

    (Jewgenij Jewtuschenko)

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    • Das gefällt mir sehr gut. Lässt mich aber auch an Trauer und Abschied denken. Aber das Einzigartige eines jeden Menschen erkenne ich nicht von außen. Es ist ja auch meine Erfahrung, dass ich mit meinen schnellen Schubladen dem Menschen nicht gerecht werde. Aber wie bitte finde ich Orientierung. Wie finde ich meinen Platz, wenn die Erfahrung mich immer wieder trügt?

      Gefällt 1 Person

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