Stich ins Herz

Foto

Jeden Morgen und jeden Abend komme ich an einem Bild vorbei, von dem ich glaubte, es nie wieder sehen zu müssen. Mitten in Berlin, in der Fennstraße, keine zwei Kilometer nördlich des Hauptbahnhofs, wird ein großer Wohnblock aus der Gründerzeit abgerissen. Ein stattliches Haus mit der typischen Berliner Mischung aus Wohnungen und Gewerberäumen. Keine Schönheit, aber immerhin solide und großzügig gebaut. Qualitäten, die heutigen Häusern leider völlig fehen. Es hat Revolutionen, Kriege und Bombennächte überstanden. Und jetzt, in Zeiten von Wohnungsknappheit und steigenden Mieten wird es dem Erdboden gleich gemacht. Es tut weh das zu sehen. Wie wenn ein alter Baum gefällt wird. Es drängt mich, dem Haus zur Hilfe zu kommen. Ein alter Reflex aus den 70ern wird wach. Man müsste doch… Ja, es gab im vergangenen Jahr den Versuch das Haus zu besetzen. Doch die Polizei zerrte die Besetzer raus, kaum  dass sie ihre Transparente entrollt hatten. Die Besetzung war wohl auch eher ein Fanal als ein echter Versuch, das Haus zu retten. Wenn wenigstens neue Wohnungen entstünden – hier direkt neben dem kleinen Park, mit Blick auf den Spandauer Schiffahrtskanal. Doch die Bayer AG, der das Haus gehört, plant eine Ausweitung ihres Firmengeländes, und das obwohl sie angekündigt hat, ihren Firmensitz aus dem Wedding ins Zentrum Berlins zu verlegen. Da mag die Frühlingssonne morgens noch so sehr auf dem Wasser des Kanals glitzern: Wenn ich das sterbende Haus sehe, mischt sich für einen Moment Traurigkeit und das Gefühl von Ohnmacht in meinen Tag.

Advertisements

9 Gedanken zu “Stich ins Herz

  1. So was tut mir immer weh. Auch wenn es bei mir, gemeint ist jetzt der gesamte Großraum, um einiges weniger „schlimm“ ist, also weniger Fälle gibt, als in Berlin. Letztes Jahr wurden Menschen, die über 50 Jahre in einer Reihenhaussiedlung wohnten, also alte Leute, auf die Straße gesetzt, weil irgendso ein Magnat… Die Demos haben nichts gebracht. Und das war so eine schöne, atmende, inspirierende Siedlung (für die Gegend hier). Keine 200m von dem Haus in dem ich wohne passiert gerade auch so was, allerdings sollen da Wohnungen rein für „Leute, die es sich leisten können“. Gentrifizierung, ole! 😦

    Gefällt 2 Personen

  2. Das ist der Trend in allen größeren Städten: Familien, nicht so Wohlhabende, Senioren usw. werden an den Rand gedrängt. Sozialer Wohnungsbau? Jetzt, angesichts der Flüchtlinge, ist das plötzlich wieder mal ein politisches Thema – spät genug. Auch da findet dann ein unglücklicher Wettbewerb statt: Lieber, so hörte ich es neulich von einem Investor, doch eine Wohngruppe jetzt für Behinderte. Bevor wir – um Gottes Willen! – Asylbewerber bekommen…
    Wohnen ist eine Existenzgrundlage und eine Bürgerrecht: Man müsste erschwinglichen Wohnraum für jeden garantieren. Ich verstehe Deine Gefühle angesichts dieses Hauses nur zu gut.

    Gefällt 1 Person

    • Aha, da kommt ein Hochaus hin. Bis jetzt ist da nach dem Abriss nur eine planierte Fläche geblieben Sieht eher so aus, als solle der Parkplatz erweitert werden. Vielleicht hatte Bayer ja nur Geld für den Abriss und nicht mehr für den Neubau 😗Danke für den Link.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s