Rabimmel Rabammel

Die Fahrstuhltür geht auf und plötzlich ist da dieser Duft. Ich weiß nicht wie er zustande gekommen ist und wann ich ihn das letzte Mal gerochen habe, aber mit einem Mal bin ich wieder in der Grundschule und stehe in der Schlange für die Milchspeisung. Für ein wöchentliches Milchgeld bekamen wir täglich ein kleines Päckchen Milch mit Strohhalm und diese Milch war warm, aufgewärmt mitsamt dem Tetra-Pack, der aussah wie ein kleines Häuschen. Würde heute ja keiner mehr machen, wegen der Weichmacher, den Stabilisatoren oder sonstwelchem chemischen Bedrohungen für kleine Kinder, die sich beim Wärmen lösen, aber Mikrowelle gabs halt noch nicht. Und deswegen roch es in der ganzen Schule so, wie heute Morgen im Aufzug: Ein bischen chemisch, ein bisschen nach warmem Wachs und ein bisschen nach „au weia, ich hab das Milchgeld vergessen“. Ich war dankbar für die Blitzreise in meine Kurze-Hosen-Zeit. Warum? Weil gestern Martins-Tag war und ich gehofft hatte, rührseelige Jugenderinnerungen beim Laternenumzug mit meinen Jungs wachrufen zu können. Aber wie das so ist, wenn man das Glück erzwingen will: Es klappt nicht. Ich war extra früher von Arbeit weggegangen, um das, was mir aus meiner  Kindheit auf dem Dorf als heimeliges, ehrfurchtgebietendes Gemeinschaftserlebnis in Erinnerung war, gemeinsam mit meinen Jungs erleben zu können. Laut singend waren wir damals am Martinstag mit unserem Lehrer aus dem Dorf bergan gezogen, hinter einer Blaskapelle und dem respekabelen Gaul eines ganz echt aussehenden Sankt Martin. Die Lieder hatten wir natürlich geübt in der Schule. Und sie stimmten: „Dort oben funkeln die Sterne und unten funkeln wir.“ Es war wirklich dunkel, wir sahen die Sterne, keine Autos, keine Straßenbeleuchtung, nur vereinzelte Grablichter in den Fenstern, die vom Totensonntag übrig geblieben waren, für die Vermissten des Krieges, der damals erst 20 Jahre zu Ende war und für die Brüder und Schwerstern von drüben. Die Straße gehörte uns und den Laternen, von denen nicht alle oben ankamen, weil die Kerzen umkippten und die selbstgebastelten Kunstwerke aus Transparentpapier in Flammen aufgingen. Es wurde viel geheult. Besser dran waren da die großen Kinder, die sich gruslige Fackeln aus Futterüben geschnitzt und auf einen Besenstil aufgepflanzt hatten, damit konnten sie prima herumspringen und die Kleinen erschrecken. Auf dem Berg angekommen machte die freiwillige Feuerwehr das, was sie, neben Durst löschen, am liebsten machte: Feuer! Ein filigraner Turm aus Baumstangen, Sperrmüll und Autoreifen war da aufgetürmt und a ls wir ankamen,brannte er schon  licht zum Himmel empor. Sehr beeindruckt standen wir und warteten, bis alles knackend und funkensprühend in sich zusammenfiel.  Manchmal zogen einige besonders aufgekratzte Jungs einen brennenden Autoreifen aus der Glut und ließen ihn zu Tal rollen. Dann war alles vorbei, die Feuerwehr hielt Bandwache und wir gingen zurück zur Schule, wo es warmen Kakao und einen „Hirzemann“ mit Tonpfeife für jeden gab.

Und heute, oder beser: gestern? Gestern drückte ich meinen müden Jungs um fünf Uhr Nachmittags vor der Kita zwei Plastikstäbe in die Hand, an derern Ende eine Leuchtdiode funzelte. Daran hängten wir die selbsgebastelte Laterne (immerhin noch aus Transparentpapier) und machten uns auf dem hell erleuchteten Bürgersteig schweigend mit den anderen Kita-Kindern auf den Weg. Statt Blaskapelle gab’s eine einsame Posaune und statt Sankt Martin gabs ein Pony aus dem Kinderzoo. Vermengt mit Kinderwagen, Fahrradanhängern und verständnislosen Passanten zuckelte der Zug zum nächsten Stadtplatz. Dort gab es eine kleine Pause und der Posaunist gab sein Bestes. Aber keiner sang. Statt die Lieder mit den Kindern zu üben, hatten die Erzieherinnnen den Eltern einen Zettel mit den Texten in die Hand gedrückt, den natürlich im Halbdunkel keiner entziffern konnte. Ich schmetterte mit dem Posaunisten tapfer mein tief sitzendes „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind“, textsicher bis zur letzten Strophe. Keiner sang mit. Statt dessen fragten mich einige Mütter, ob ich eine christliche Erziehung genossen hätte? (sie meinten wohl: in welchem Jahrhundert ich die Lieder gelernt hätte).  Zurück an der Kita drängte sich alles auf dem schmalen Hinterhof zwischen Kita und Kirche. Aus Lautsprechern schepperten Kinderchöre ein „Laterne, Laterne“ und dann hieß es noch eine halbe Stunde anstehen, bis die Kinder auch ihre Martins-Gans aus Zuckerkuchen bekommen hatten. Etwas abseits brannten in einer Eisenschale fünf Holzscheite, um die sich fünfzig Leute scharten. Auf dem Weg nach Hause fragte ich meine Jungs , was ihnen denn gefallen hatte beim Laternenumzug. „Das Pferd hat Kacka gemacht auf den Weg und Lasse ist reingetreten“, kam es promt zurück. Ich bin ja mal gespannt, woran sich meine Jungs erinnern, wenn sie in fünfzig Jahren einen Aufzug betreten, der nach frischen Pferdemist riecht.

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9 Gedanken zu “Rabimmel Rabammel

  1. Mensch, immerhin ein Pony! Bei uns gab´s nicht mal Rabimmel Rabammel Rabumm, heißt: der Fanfarenzug hat diesmal nicht mitgemacht. Selbst auf dem Dorf also keine Stimmung. Nach Kindergottesdienst und zehn Minuten herumspazieren noch ´ne Bockwurst bei der Freiwilligen Feuerwehr und dann ab nach Hause. Hm. Bin ich nun auch neu-spießig, weil ich mir mehr selbstgebastelte Laternen und mehr Singen gewünscht hätte?

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    • Nein, ich finde es nicht spießig, wenn du dich nach Ritualen sehnst – und sei’s auch nur für die Kinder. Dunkelheit und Feuer; Gesang und Gemeinschaft in einem Fest zu verbinden ist eben etwas, was archaische Bedürfnisse erfüllt und das deswegen auch so lange in Erinnerung bleibt. Ich finde es zeugt ehr von einem großen als von einem engen Geist, wenn du erkennst, dass du so etwas gerne hast.

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  2. Das Atelier-Kind hatte es den Erzählungen nach gut (ich war verhindert): Martin mit Pferd, Feuerchen, Weckmänner (so Stutenteig-Männchen), selbstgebastelte Laternen und der Dolmetscher hatte jede Menge Liedgut zu dolmetschen. Also alles was ich auch noch kenne. Wenn der irgendwann mit 35 die Kombination Sonne, Mond und Sterne liest, ob er auch gleich im Kopf die Stirnlampe vom Dolmetscher hat?! Oder ob er ab nun nie wieder Stirnlampen ansehen kann ohne an den Umzug zu denken?! (War sein erster bei dem er, einhändig, richtig mitsingen konnte, daher bleibt es wohl haften.)

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  3. Wieder einmal sehr schön traurig geschrieben.

    Die Erkenntnis? Früher war alles besser. Je älter ich werde, umso mehr tendiere ich dazu, diese Aussage als wahr anzuerkennen – für mich persönlich wahr, zumindest.

    Autoreifen anzünden macht man heute übrigens auch nicht mehr. Dies allerdings nicht wegen der entweichenden Weichmacher – glaube ich. 😉

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    • Das mit den Autoreifen gab auch schon damals Ärger, weil die Wiesen Feuer fingen. Und die, die nicht Feuer fingen, haben wir Ostern angezündet. Die armen Bodenbrüter. Nein, früher war nicht alles besser, vieles auch brutaler, aber da wo die Rituale noch nicht völlig sinnentleert waren, konnte sich etwas einprägen, das für’s Leben Geborgenheit schenkte.

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