Die Ruinen von oben ansehen

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Baum und Zeit ist eigentlich ein sehr poetischer Name dafür, dass ich mit hunderten Berlinern in einer Schlange mitten im Wald stehe,  fast zehn Euro zahle, und mir dafür zerbörselnde Backsteinhäuser ansehen darf, die vom Wald überwuchert waren. Ich  frage mich: Was treibt mich, was die Leute aus der Stadt hier her? Es hat sich ja einiges getan in der Hauptstadt in den letzten 25 Jahren und aus manchem zerfallenen Ziegelhaufen ist wieder ein respektables Haus geworden. Aber es sind im zernarbten Gesicht dieser Stadt immer noch genügend Ruinen aus allen Epochen der Geschichte übrig geblieben, um sich daran satt zu sehen, wenn man das denn mag. Und ich mag das. Oder besser: Ich war besessen davon. Als die Mauer aufging, lebte ich in Heidelberg, wo ich mir eine Schlossruine mit tausenden japanischen Touristen teilen musste. Jeder historische Stein war hier angefasst, poliert und so wieder hingesetzt worden, dass er in das romantische Bild des Städtchens passte. Das ließ ein großes Verlangen in mir wachsen nach dem Unverfälschten, dem Liegengelassenen, den echten Zeugen vergangener Zeiten. Und wo war das einfacher zu finden als im Osten? Leere Fabriken in der DDR, alte Gutshäuser in Polen, Wehrmachtskasernen in Tschechien: Alles leer, verlassen und nur für mich. Herrlich die Stille, wenn ich in ein solches Gebäude kam. Nur das Knirschen von zerbrochenem Glas und abgefallenem Putz war unter meinen Schritten zu hören, während sich die Räume zur Kulisse für mein Kopfkino verwandelten. Was war hier früher los? Rauschende Feste oder ödes Landleben? Despotische Hausherren oder Familienglück? Irgendwann kam dann immer das Gebrüll von Soldaten, das Rasseln von Panzern und das Geschrei von Kindern. Die Geschichten meines Vaters von Flucht und Vertreibung.  Und dann wieder Stille. Ich hörte Vogelgezwitscher, das Rauschen von Bäumen durch die zerschlagenen Fenster und spürte die Großzügigkeit der leeren Räume. Es war auch immer eine Einladung dabei, da zu bleiben, das zufällig Gefundene zu ergreifen, das Dornröschenschloss seinem Schlaf zu entreißen und mein Leben darin neu zu beginnen. Und jedes Mal wußte ich, dass ich das nicht schaffen würde. So blieb es bei kleinen Fundstücken aus meinen Entdeckungsreisen: Ein Aluminiumlöffel aus einem Gefängnis, eine schwere Gummijacke, die nach Fahrradreifen roch, ein paar bunte Plastikbecher aus einem Gutshaus, das zu einem Kinderferienheim geworden war.

Heute stehe ich über dem allem, und zwar genau 25 Meter. Auf einem breiten Steg, der sich um ein Haus schlängelt, aus dessen Dach schon seit 1945 die Bäume wachsen. Der Steg schwankt unter den Besuchermengen, die sich in Baumwipfelhöhe in die beste Fotoposition bringen wollen. Weiter unten gibt es Bratwurst und Erbsensuppe und geführte Touren durch die Häuser, die jetzt durch stabile Sicherheitszäune vor ungebetenen Besuchern geschützt werden. Es gibt nichts mehr zu entdecken, ich kann gehen. Auf dem Weg zum Parkplatz schlage ich mich hinter eine Absperrung, weil ich mal pinkeln muss. Ein letztes Abenteuer.

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