Einfach mal nix essen

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Es könnte ein schöner Gemüseeintopf werden. Auf dem Herd köcheln Kartoffeln, Möhren, Sellerie und Lauch vor sich hin. Der Duft steigt mir in die Nase, aber ich bleibe standhaft, nehme die Suppe, gieße sie über ein Sieb und werfe alles was im Sieb bleibt in den Mülleimer. Nur die dünne Brühe behalte ich. Sie ist das Einzige, was ich in der nächsten Woche „essen“ will. Dieses seltsame Ritual vollziehe ich jedes Jahr einmal: Ich bereite mich auf meine Fastenwoche vor. Nicht um mir Pfunde wegzuquälen faste ich, nicht um mich mit meinem Gott zu versöhnen, sondern um es mir gut gehen zu lassen. Ehrlich! Ich mache das schon seit zehn Jahren, und es hat fast immer geklappt. Fasten ist wie eine Woche Urlaub mit mir selbst, ohne dafür wegfahren zu müssen. Ich komme runter, werde gelassen, gehe früh ins Bett und tauche ein in eine andere Welt. Die Stadt und ihre damfpfenden Garküchen verschwinden aus meinem Bewusstsein. Ich, der ich sonst von jedem Dönerstand und jeder Pommebude angelockt werde, gehe unbeirrt meiner Wege. Mit etwas überheblichem Erstaunen schaue ich auf die Menschen, die sich gierig irgendetwas in den Mund stopfen und es scheint mir absurd, dass ich das auch mal gemacht habe. Nach einer Woche komme ich meist an den Punkt, an dem ich das Gefühl habe, dass ich ewig so weiter machen könnte. Dann kann ich sogar mit den Kollegen in die Kantine gehen, meinen verdünnten Gemüsesaft schlürfen und zu staunen, wie sie das hinkriegen: Ein Stück Fleisch zu zerteilen, es zu essen und gleichzeitig zu reden – und wie unappetitlich das aussieht. Irgendwann ist dann aber Schluss mit dem Ego-Trip. Nicht, weil ich Hunger spüre, sondern weil mein Gesicht im Spiegel aussieht, als hätte ich gerade einen harten Drogenentzug hinter mir und weil die Sinne rebellieren. Meine Zunge will  endlich wieder was anderes schmecken als fade Fastensuppe und Kräutertee. Ich stelle mir dann vor, was ich jetzt alles essen kann – fette Torten, Erdnussriegel und eine großen Falaffel vom Libanesen, am besten alles auf einmal. Doch zum Anfang des Fastenbrechens gibts nur ein Äpfelchen, gedünstet mit ein paar Rosinen. Eine Köstlichkeit!

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5 Gedanken zu “Einfach mal nix essen

  1. Da wollte ich dir gerade zu deinem sehr aufgeräumten Kühlschrank gratulieren, da lese ich das … und erinnere mich an meine Erfahrungen damit. Viele Jahre her. Ich fand den Einstieg am schlimmsten und ich durfte unter der Woche neben Brühe und Tee auch noch Obst-/Gemüsesaft.
    Mir ist im Gedächtnis geblieben, dass mich Essenwerbung und -gerüche geradezu verfolgten. Und du machst jedes Jahr eine Fastenwoche? Nicht leicht, meine Hochachtung.
    Grüße zur Nacht
    Christiane

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  2. Ich habe großen Respekt vor Leuten, die das freiwillig machen und durchhalten. Und gleich noch mal so häufig.

    Wobei ich mir das sehr schwer vorstelle, danach wieder normal zu essen (ich habe die Macke mir manchmal Unpüriertes anzusehen und zu wissen, ich habe genau das gleiche auf dem Teller, nur so angerichtet, dass ich es zu mir nehmen kann, und dann denke ich Wie kann man das Feste da essen? auf die Technik bezogen), stelle mir beim Fasten immer vor, dass es so ähnlich ist oder dass man sich vorstellt, dass das Feste zu sehr im Magen liegt. Ich weiß nicht ob das so ist.

    Bei deiner Köstlichkeit am Ende kann ich dir zustimmen – ja, ja, ja. Herrlich, nur bei mir mit Nüssen statt Rosinen. Schön als Brei und jetzt im Hernst/Winter mit selbst gemachtem Marzipan.

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      • Äh, vorsichtig ausgedrückt: JAAA. Ich bekomme auch vieles heute nach Jahren ohne richtig kauen zu können nicht runter.

        Es ist immer ein Fest wenn ich an einem Tag merke, ich bekomme den Mund weit genug auf und bewegt, dass da mal ein Stück Brot (ich bin wahrscheinlich der einzige Mensch, der Rinden mag) oder so durch passt und zerkaut werden kann. Hat aber auch Vorteile: Man lernt alles mögliche Herzhafte in Waffeln zu verbacken, die kann man (bäh) weich lutschen und das Kind freut sich.

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