Blüten der Jugend

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Ist das nicht erschreckend? Von der Jugend holdem Traum bleibt einem nach fast 40 Jahren nur noch ein rotstichiges Photo-Porst-Bildchen mit runden Ecken. Kaum noch zu erkennen, der Junge mit der lockigen Mähne und den Cord-Schlaghosen. Der auf dem Nachttisch ein altes Röhren-Radio stehen hatte und auf der rauschenden Mittelwelle Nachrichten aus dem Reich des Bösen hörte: „Hier ist die Stimme Moskaus“, tönte es dunkel und verboten aus den Lautsprechern, während der Junge wie Wanja auf der Ofenbank schlafend seine Kräfte sammelte, für das Leben, das immer lauter an die Tür klopfte. Der sich vorbereitete auf den nächsten Streit mit den Eltern. Der bald danach auszog.

Was ist daraus geworden? Die Lockenpracht? Verweht. Das dunkle Reich Moskaus? Zerfallen. Der Jugend Blütenträume? Verblüht… Doch halt! Was red ich? Die blühend rosa Bettwäsche mit den Flower-Power-Blumenmuster, die mich schon mit 16 wärmte, ist es nicht die selbe unter der ich heute Morgen aufgewacht bin? Die selbe, die mir die Mutter gab, als ich auszog in die Welt? Die mich begleitet hat all die Jahre? Unter der so manche Liebschaft ihre Erfüllung fand- oder auch nicht? Möblierte Zimmer, Wohnheimwaben, WG’s, Altbaupaläste und Einliegerwohnungen – überall hin hab ich sie mitgenommen. Alle Frauen fanden sie scheußlich – ich hielt ihr die Treue. Vorsichtig rieche ich am dünn gewordenen Gewebe, ob sich nicht der Duft einer Liebesnacht darin gefangen hat. Nein, ich rieche nur mich, aber ich sehe strahlende Blumen.

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10 Gedanken zu “Blüten der Jugend

  1. Das war „Grobschnitt“, eine Krautrockband, die bei uns in der Turnhalle gespielt hat. Tolle Show. Und verkehrt herum hängt es weil ich gerne etwas anders machen wollte, und das schon ausreichte, um meine Mutter wütend zu machen 😉

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  2. Ich komme nicht umhin zu bemerken, dass diese Bettwäsche tatsächlich scheußlich erscheint 😀 Aber habe ich mir nicht gerade meine Hände am „Groeten uit Holland“-Handtuch abgetrocknet, das mir meine Mutter zu treulichen Händen gab, als ich auszog von Zuhause? Und hat es mir nicht ewig treue Dienste geleistet, dieses beige-olivgrüne, fadenscheinige Ding? Und fanden nicht alle Gäste und alle Herren, die länger blieben, es ausgesprochen hässlich? Und: würde ich mich deshalb etwa jemals davon trennen?? Douglas Adams hat schon Recht: Man braucht im Leben an erster Stelle ein Handtuch – DAS Handtuch. Übrigens: Hammer Tapete!

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  3. Da bin ich aber froh, dass du mich verstehst. Für mich war es in jeder Beziehung immer eine wichtige Nagelprobe, Bettwäsche kaufen zu gehen. Einmal haben sie uns sogar aus Karstadt rausgeworfen , weil wir die ganze Bettenabteilung durchwühlt haben, ohne uns einigen zu können. 🙂 Die Tapete zeigt übrigens alte Rennwagen. Hab ich mir mit 12 gewünscht.

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  4. Photo Porst! (meintest Du doch, oder?). Gibt es die Firma noch? Und diese gelbstichigen Bilder, so als hätte damals ein anderer Filter über der Sonne gelegen. Herrlich!
    Und all die Erinnerungen, die an Textilien und Tapeten hängen können…
    Schön, dass Du ihr die Treue gehalten hast, der Bettwäsche.

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    • Den Tod hätten wir uns geholt! So jedenfalls hätte es meine Mutter ausgedrückt, die immer Angst hatte, dass wir uns nicht warm genug zudecken. Bin mal gespannt, was ich meinen Söhnen mit auf den Weg gebe. Bei meiner Tochter war es ein durchgesägtes Ölfass…

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