…oder kann das weg?

Ist das Kunst

„Jeder Mensch ist ein Künstler“, behauptete Joseph Beuys, der meines Wissens nie im Wedding war. Es würde ihn freuen zu sehen, wie hier seine emanzipatorische These jeden Tag aufs Neue belegt wird. Nicht in den Galerien, die sich langsam auch hier breit machen und die die ewig gleichen Acrylbilder und Schwarz-Weiß-Fotos zeigen. Echte Kunst kommt, wie alles im Wedding, von der Straße und lebt auch dort. Und wie sie lebt! Jeden Morgen kann ich auf dem Gehweg genießen, was anonyme Kreative über Nacht geschaffen haben. Zur Zeit sind medienkritische Werke en vouge. Grundbestandteil ist meist ein Röhrenfernseher, immer mit dem Bildschirm nach unten, und immer ist die Röhre zerbrochen und die einst wertvolle Elektronik im Umkreis zerstreut. Land Art? Dekonstruktion? Aktionskunst? Schwer einzuordnen, aber radikaler kann die Abkehr von der Verdummung durch die Konsum- und Mediengesellschaft kaum gezeigt werden. Oft wird diesem Grundwerk ein weiterer Aspekt in Form eines ausgedienten Polstermöbels oder einer zusammengefallenen Schrankwand hinzugefügt. „Schluss mit der bürgerlichen Gemütlichkeit!“,  schreit diese Skulptur einen an. Richtig so! Die Grenze der unerträglichen Provokation ist damit aber noch lange nicht erreicht. Radikale garnieren die Installationen mit Hundekot und Essensresten. Meist handelt es sich hier um Künstlerkollektive, die intiutiv zusammen arbeiten. Einer fängt mit dem allfälligen Fernseher an, die anderen folgen spontan. Ebenso spontan werden die Themen gewechselt. Nach jedem Einsatz der Berliner Stadtreinigung blühen neue Ideen. Die Fernseher werden ersetzt durch Teile von Waschmaschinen, Kühlschränken oder Teppichböden. Versöhnlichere Töne werden nur zu Jahresbeginn angeschlagen, wenn über Wochen abgelegtes Tannengrün sanft die schrillen Ensembles abdeckt. Diese gefühlvolle, menschliche Komponente berührt mich immer am meisten.

Thomas Morus hat in seiner Vision „Utopia“ vorhergesagt, dass die Menschen in der idealen Gesellschaft nur vier Stunden am Tag arbeiten müssten und sich den Rest des Tages mit Kunst und Philosophie beschäftigten würden. Er hat Recht behalten. Im Wedding arbeiten viele weniger als vier Stunden, Philosophen findet man an jedem Stehimbiss und die Kunst blüht!

PS: Mathias Eberling hat  auf Kreuzberg Südost einen Text von Philip K. Dick eingestellt, der die Schönheit der Straßenkunst sehr poetisch beschreibt und den Wind als Schöpfer mit ins Spiel bringt. Gefällt mir sehr.

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15 Gedanken zu “…oder kann das weg?

    • Danke Dinah! Freut mich, dass ich dich zum Lachen gebracht habe. Mir haben deine Berichte aus der Gerichtsmedizin gefallen. Ich finde es bewundernswert mit welcher Leichtigkeit und kindlicher Neugier du über das Thema schreiben kannst.

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  1. Es freut mich, dass ich deinen Blick auf Philip K. Dick und das Glück der zufälligen Beobachtung gelenkt habe. Nächste Woche bin ich wieder im Wedding, meinem alten Kiezschreiberpflaster. Und der gute „Kafkafranzl“ (Henscheid) möge uns als Leitstern bei unseren Schreibbemühungen dienen, erreichen werden wir ihn nie.

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    • Hab vorgestern auf Deutschlandradio noch eine Stunde lang eine Chronik über Hüschs Leben gehört. Liebevoll und böse. Sein Ziehkind und Nachfolger im Geiste soll Dieter Nuhr sein. Den mag ich auch, aber er ist mir zu kraftstrotzend, zu wenig auf der Seite der Schwachen und Sensiblen.

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      • Die Sendung habe ich verpasst. Bei Dieter Nuhr bin ich mir auch nie sicher. Da geht es mir so ähnlich. Wenn es einen Nachfolger gibt, dann ist es vielleicht Erwin Grosche. In jedem Fall kann der auch ganz still und leise wunderbare Dinge von sich geben. Aber solche Vergleiche passen sowieso nie in Gänze. Bestimmt ist das auch gut so.

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  2. Wunderbar, so schön ironisch 🙂 Hab mich gefreut. Meine Kunstlehrerin aus der Oberstufe würde dich allerdings wegen Blasphemie verklagen mit der Begründung du hättest den Heiligen Joseph beleidigt. Madame hat mich für über ein Jahrzehnt vor allem was nur entfernt mit Beuys zu tun hatte scheu gemacht, alle anderen aber auch.

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      • Ich beginne eigentlich auch erst ihn zu verstehen. Ich habe ihn durch dieses Dogmatische meiner Kunstlehrerin lange Zeit abgeblockt, denn sie war der Art, dass nur ihre Interpretation und Herangehensweise galt und nichts anderes, die hatte einen richtigen „Kult“ drum aufgebaut. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ein Mitschüler oder eine Mitschülerin sagte „Ach, der mit dem Fett und dem Filz?!“ und dafür (die Äußerung) eine fünf kassierte, weil sie das schon als Beleidigung von Beuys empfand.

        Als ich mich ihm dann vor einigen Jahren zunächst misstrauisch wieder annäherte, weil ich nicht wirklich dran vorbei kam („Was machen Sie für Kunst?“ – „Konzept. Das Environment stammt von mir.“ – „Ach, wie der Beuys?!“ beziehungsweise „Ach schau, da kommt Frau Beuys!“ und das auch noch in der Nähe von Düsseldorf), habe ich dann einen anderen Zugang zu ihm gefunden, was sicher auch mit meiner jetzigen Lebenserfahrung zu tun hat. Ich habe nach wie vor Probleme mit den anthroposophischen Komponenten, aber ich kann mittlerweile nachvollziehen warum er was wie gemacht hat und seine Achtsamkeit dabei ist faszinierend und für mich selber inspirierend, weil das auch schon ein Teil vom Kunstwerk sein kann und ich auch Dinge mache, die ohne ihre Entstehung(sgeschichte) nicht verstanden werden können. Ich lese gerade ein Buch über seine Schüler und vor kurzem las ich das Buch zum Film „Zeige deine Wunde“ über seine Spiritualität und man merkt schon aus dem Eindruck aller in den Büchern zitierten Leute wie präsent er gewesen sein muss und wie tief diese Präsenz die Leute berührt haben muss. Das sind wiederum dann Dinge, aus denen ich für mich etwas mitnehmen kann und sehr anderes als diese Vergötterung wie meine Kunstlehrerin sie an den Tag legte.

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