Am Ende blieben nur Tränen

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Es gibt ungezählte Zeitschriften, die mir raten wollen, was ich kaufen soll. Motorräder zum Beispiel: Dafür allein gibt es 30 verschiedene Titel. In jeder guten Bahnhofsbuchhandlung. Die neuesten Maschinen, Hochglanz und vollfarbig. Aber wer sagt mir, wie ich mich von einem liebgewonnenen, über Jahre mit Herzblut gepflegten Gefährt trennen kann? Gibt es da irgendwelche Rituale, die einem den Abschied erleichtern? Ein Voodo, von einem bärtigen Motorradfahrer mit Lederkutte gesprochen, der einen frei macht von dem Schmerz, der Lücke, die droht, wenn die geliebte Maschine nicht mehr bei einem ist. Ich habe noch nichts gefunden. Und was hilft gegen das Gefühl der Schuld, das an einem nagt, wenn man sein Liebstes in fremde Hände gibt für ein paar Silberlinge?

Berlin Wedding, ein heruntergekommener Garagenhof, aufgebrochener Asphalt, Rolltorgaragen mit Eternitdach, grau. Davor: Ein russisches Motorrad vom Typ Ural, mit Seitenwagen. In seinen Formen grob, völlig ohne jeden Versuch, ein gefälliges Äußeres zu gestalten – und gerade deshalb liebe ich es. Oder besser-ich liebte es, denn heute steht sie zum Verkauf.

Fast 10 Jahre, meine besten Jahre, wie ich jetzt weiß, war sie meine Gefährtin.Sie war ein Teil von mir. Doch was für eine Liebe war das? Sicher keine, die auf Gegenseitigkeit beruhte. Eher eine amour fou, die sich nur in meinem Kopf abspielte. Was habe ich nicht alles getan, um mir die Gunst dieser launischen Gespielin zu sichern? Nach jeder Panne, nach jedem noch so absurden Defekt habe ich nach einem neuen Weg gesucht, um uns wieder gemeinsam auf die Straße zu bringen. Wie oft holte ich sie aus der Werkstatt und glaubte, dass nun alles gut sei, dass es nun endlich der letzte Defekt war, die letzte Kaprice, die sich diese Diva erlaubte. Die wundervollsten Stunden verbrachen wir, wenn mal wieder alles hinüber war, und nur die Hoffnung uns weiterlaufen ließ. Erst nach Jahren kam ihr einer auf die Schliche: Es war eine Wunde, tief in ihrem elektrischen Herz, dass sie so launisch werden ließ. Durch ihre ruppige Art hatte sie sich fast alle Kabel von der Lichtmaschine abvibriert. Unsichtbar für mich, der sie von allen Seiten betreute und an den Symptomen herum kurierte. Statt meiner hilflosen Liebe brauchte sie die kundige Hand eines Elektrikers, und schon war sie folgsam und zuverlässig. Doch was kam dann? Was wurde aus meiner langmütigen Leidenschaft? Sie schwand mit jedem Tag, an dem sie ohne zu mucken ansprang, an dem sie mich machen ließ, was ich wollte. Plözlich merkte ich, wie grob das Knattern ihres Motors war, wie schlecht das Fahrwerk und wie lahm die Beschleunigung. Eigentlich war ich an meinem Ziel: Ich hatte sie in den Griff gekriegt, sie, die von allen belächelt wurde und zu der ich trotzdem in Treue stand, wie ein Don Quichotte zu seiner Dulcinea. Und jetzt? Jetzt hatte ich ein folgsames aber immer noch klappriges und anfälliges Motorrad. Nichts blieb von dem Versprechen, gemeinsam große Abenteuer zu bestehen, von dem Traum mit ihr zurück in die russische Heimat zu fahren. Denn trotz aller Folgsamkeit hätten mich die restlichen Macken meiner Liebsten ohne fremde Hilfe überfordert. Brav fuhren wir durch die Stadt, unternahmen kleine Ausflüge aufs Land, das war unser Radius. Ich hatte mich in eine Ecke manövriert, hatte ich mich mit meiner Ural zu einem skurrilen Väterchen entwickelt, das seine alte Dame vorsichtig um den Block chauffiert. Das konnte nicht gut gehen. Wo wovon sollte ich jetzt träumen? Statt von den Weiten Russlands , die wir nie mehr gemeinsam erreichen würden, schwärmte ich bald von Wildheit und Geschwindigkeit. Mit wem konnte ich das ausleben? Mit meinem alten Schlachtross sicher nicht. Eine neue Geliebte musste her, eine, die alle meine Wünsche erfüllt, und die mich gut aussehen ließ. Ich suchte lange und verliebte mich in einem wilden Sturm: in eine Moto Guzzi: Auch nicht mehr jung, aber edele italienische Linienführung, satte 1000 Kubik, kräftiger Sound – die Mischung aus Traktor und Rennmaschine, von dem ich immer geträumt hatte.

Und meine kleine Russin? Sie landete irgendwann bei Ebay, wo ich sie auch her hatte. Mit etwas Glück fand ich einen Verrückten, der von alten Motorrädern mit Seitenwagen genau so fasziniert war wie ich vor 10 Jahren. Hat was mit dem 2. Weltkrieg zu tun, mit den Geschichten der Väter, aber das gehört nicht hier her. Er kam mit einem Anhänger und wir luden sie auf, wie ein altes Pferd in den Wagen des Abdeckers. Zum Schluss zurrte er das Vorderrad fest, und zwang meine alte Freundin tief in die Stoßdämpfer. Da weinte sie. Wirklich: Es war ein Seufzen von altem Metall und von Enttäuschung, wie ich es von ihr noch nie gehört hatte. Und dann liefen ihr die Tränen. Aus den morschen Dichtungen der Vorderradgabel tropfte langsam Öl auf den Boden des Garagenhofes. Drei Tropfen Öl, das ist alles, was mir von ihr geblieben ist. Ich hätte sie nie verkaufen sollen.

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